Gegen Fremdenfeindlichkeit

„Ausländer wollen hier ja gar nicht arbeiten. Die kommen hierher, um Geld zu bekommen und holen dann ihre Familie nach. Würde ich in die Türkei auswandern, bekäme ich keinen Cent oder Möbel.“

~ * ~

Wow, eine von vielen krassen Aussagen, die ich am Donnerstag in einem meiner Stamm-Secondhand-Läden durch den geschlossenen Vorhang der Umkleidekabine mitbekommen habe. Die Angestellten machten ihrem Ärger Luft, da sie viele sehr gut erhaltene Möbel zu einem Spottpreis an die Stadt abgeben mussten, die sie Asylbewerbern/Flüchtlingen zukommen lassen wollte. Die Möbel wurden wohl abgelehnt und bessere verlangt, was die Angestellten sehr vor den Kopf gestoßen hat.

Erst habe ich gar nicht so genau hingehört, aber als die Schimpftirade gar nicht wieder abnahm, habe ich den kaskadenartigen Wortschwällen doch mehr Aufmerksamkeit geschenkt und war echt geschockt. Ich habe, wie gesagt, nicht alles mitbekommen, was diese Ausbrüche nun verursacht, aber Ärger hin, Frustration her – solche Aussagen kann ich nicht einfach hinnehmen.

Nachdem ich meine Einkäufe bezahlt hatte, atmete ich tief ein und sagte:

„Ich habe ihre Diskussion eben mitbekommen und ich hoffe, dass sie nicht alle Ausländer über einen Kamm scheren. Ich selbst möchte nicht in einem Kriegsgebiet leben und würde dann auch alles tun, um in einem Land leben zu können, in dem Frieden herrscht. Laut einer grade durchgeführten Studie wollen Ausländer zu 99% arbeiten, aber meist stehen ihnen Sprachprobleme im Weg, die nicht so schnell behoben werden können, und schon gar nicht, wenn ihnen niemand eine Chance gibt oder sie sich nicht auf die Straße trauen können, um Kontakt aufzunehmen, weil es überall fremdenfeindliche Parolen schallt.“

Die Angestellten ruderten ganz schnell zurück; sie hätten das nicht so gemeint, sie seien nicht ausländerfeindlich und sie würden das nicht generalisieren, alle über einen Kamm scheren … Das glaube ich ihnen sogar – sie waren einfach verärgert über ihre gesenkten Einnahmen und dass die beschenkten Menschen die Möbel ablehnten und mussten ihrem Ärger Luft machen. Verständlich, menschlich – aber nach 20 Minuten lautstarkem Wettern gegen Ausländer war es dann doch genug. Genau solche unreflektierten Aussagen machen es möglich, dass immer mehr junge Menschen, die bestimmte Inhalte vielleicht noch nicht reflektieren (können oder wollen), sich gegen Ausländer stellen und dass rechtsradikale und -extreme Parteien immer mehr Stimmgewinne verzeichnen.

Ich finde, solches Verhalten und solche Aussagen sind nicht tolerierbar – von niemandem, unter keinen Umständen und schon gar nicht in der Öffentlichkeit. Was Menschen in ihrem Wohnzimmer von sich geben, kann ich weder kontrollieren noch unterbinden, aber was ich höre, kann ich kommentieren. Obwohl mein Bauch gekribbelt und mein Herz stark geklopft hat, habe ich den Mund aufgemacht und war hinterher sehr stolz auf mich. Ich habe vielleicht nicht unbedingt den Ärger und die Frustration gelindert, aber ich habe diesen Menschen vor Augen geführt, welche Eindrücke andere Menschen / Kunden von ihnen bekommen, wenn sie solche Aussagen machen, die sie vielleicht gar nicht so meinen, wie sie ankommen.

Wäre ich in der Situation, aus einem Kriegsland fliehen und mich in einem neuen Land, dessen Sprache mir gänzlich unbekannt ist, zurechtfinden zu müssen, würde ich mir wünschen, dass die Einheimischen mich aufnehmen, mir helfen, mich einzugliedern, und mir Freunde sind. Ich wäre nicht dafür verantwortlich, was mein komplettes Volk tut oder was die Regierung, die ich vielleicht weder gewählt habe noch unterstütze, beschließt.

Im IST-Zustand möchte ich, dass niemand in Deutschland Angst haben muss, auf die Straße zu gehen und stehe für meine Werte ein. Ich wünsche mir sehr, dass jeder in Deutschland Fremdenhass und Ausländerfeindlichkeit entgegentritt und sich für ein Klima der Vielfalt, der Akzeptanz und der Freundschaft einsetzt.

Wie hättet ihr reagiert? Was hättet ihr gesagt? Hättet ihr euch getraut?

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2 Kommentare zu “Gegen Fremdenfeindlichkeit

  1. Finde ich super mutig von dir! Ich hätte mich wahrscheinlich nicht getraut und hätte mich innerlich geärgert – was aber letztendlich nichts bringt. Was man teilweise auch von Bekannten so an „Stammtischparolen“ hört ist schon erschreckend – eigentlich muss man genauso laut etwas dagegen sagen, da hast du Recht!

    • Ja, es ist eine Sache, sich innerlich zu ärgern, aber eine ganz andere, das in Worte zu kleiden. Das ist wirklich schwierig manchmal, zumal die Reaktion oft unvorhersehbar ist.

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