Verletzungen sind wie Wurzeln …

rootsahern

Auszug aus „Der Glasmurmelsammler“ von C. Ahern

 


 

Dieser Absatz aus dem Buch „Der Glasmurmelsammler“ von  Cecilia Ahern hat direkt etwas in mir berührt und hallte noch eine Weile nach. Das Bild, das die Autorin mit ihren Worten malt, spricht mich sehr an, da ich von Wurzeln und ihren Verflechtungen fasziniert bin. Sie spenden Leben und geben Halt, können durch ihre Kraft und Macht aber auch zerstörerisch wirken. Was sie einmal umschlungen haben, geben sie nicht mehr frei, sie zerquetschen es und nehmen ihm das Licht und die Luft zum Atmen.

In letzter Zeit denke ich viel über die Ursachen nach, die mich so handeln und fühlen lassen, wie es momentan und ehrlich gesagt, seit geraumer Zeit der Fall ist. Wisst ihr, dass man sagt, dass Mädchen sich immer zu Männern hingezogen fühlen, die ihren Vätern ähneln bzw. dass sie in Beziehungen das Verhalten reproduzieren, das die Beziehung mit bzw. zu ihren Vätern charakterisiert? Hm, ich hielt das nie für Unsinn, konnte bei mir aber nicht wirklich den Finger auf den wunden Punkt legen. Klar war mir, dass ich Probleme mit dem Vertrauen habe und mir ist auch klar, wo die Ursache liegt. Aber das war mir irgendwie nicht genug, weil es mir nicht half.

Neulich saß eine Freundin bei mir auf der Couch, wir tranken Tee und tauschten uns über Muster aus, die wir in unseren jeweiligen Beziehungen bzw. sich anbahnenden Beziehungen entdeckt hatten. Sie erzählte mir über die Mädchen-Vater-Reproduktions-These und führte aus, wie sich das bei ihr äußerte. Und ich dachte nach … und mir fiel auf, dass ich immer 100 Millionen Chancen gebe. Dass es mir schwerfällt, Schlussstriche zu ziehen. Dass ich Probleme damit habe, klipp und klar zu sagen, wo die Grenze ist zwischen „letzte Chance“ und „zu spät“. Dass ich nicht bei meinen Entschlüssen bleibe, sondern doch „noch ein allerletzes Mal“ probiere, ob es nicht dieses Mal funktioniert.

Diese Chancengeberei führte ich immer darauf zurück, dass ich einfach das Gute im Menschen sehe und finde, dass zweite Chancen gegeben werden müssen. Eine schöne und seltene Sache, diese positive Weltsicht – fand ich. Doch nach dem Gespräch mit der Freundin und längerem Nachsinnen ist mir bewusst geworden, dass dieses Chancengeben ein Resultat der Beziehung zu meinem Vater ist. Wir verstehen uns nicht besonders gut, womit ich zum einen sagen will, dass wir einander nicht leiden können, zum anderen möchte ich damit ausdrücken, dass ich die Ursache für sein Handeln zwar sehe, aber schwer nachvollziehen kann, wieso er das, was er selbst als Heranwachsender als belastend empfunden hat, 1:1 für mich nachstellt und zu meiner Realität macht, der ich nicht entkommen kann.

Ich bin mir sicher, dass, wenn jemand meine Schwester und mich bitten würde, unseren Vater zu beschreiben, zwei komplett unterschiedliche Beschreibungen dabei herauskommen würden. Nicht, weil meine Schwester und ich in mancherlei Hinsicht so verschieden sind wie Tag und Nacht, sondern weil wir beide ganz verschiedene Persönlichkeiten in unserem Vater sehen. Ich erlebe die Persönlichkeit, die von einer Sekunde auf die andere umschwenkt, von freundlich-interessiert zu „du bist mir einfach nur lästig“. Ich bin seit meinen Teenagerjahren mit der Persönlichkeit aufgewachsen, die mir Liebe vorenthält, diese Liebe an Bedingungen knüpft und auch nicht davor zurückschreckt, mir deutlich zu machen – verbal und non-verbal – für wie verabscheuenswürdig sie mich hält. Das war vorher nicht so – als Kind habe ich vermutlich die gleiche Person gesehen wie meine Schwester: jemanden, der mit uns spielt, sich verarzten und Sandkuchen backen lässt, der uns auf Waldabenteuer mitnimmt und mit uns die Rutsche auch noch zum hundertsten Mal hinunterrutscht.

Und jetzt denke ich, dass mich dieses Wissen über die Existenz und das zeitweise Durchschimmern des interessierten, freundlichen und unterstützenden Persönlichkeitsanteils veranlasst, bei jeder Begegnung mit meinem Vater das Gefühl zu haben, ihm eine neue Chance geben zu müssen. Ich weiß auch nie, welcher Teil gerade an den Schalthebeln der Persönlichkeit sitzt – es ist ein konstantes Erahnen, Deuten und vorsichtiges auf-Zehen-schleichen, bis sich schließlich mit Paukenschlag das Gesicht des Tages zeigt: „widerwillige Toleranz“, „deutliche Ablehnung“, „vage Freundlichkeit“ – es gibt viele Fassaden, aber keine, die so zurechtgemacht ist, wie ich es gerne hätte – trotz allem, was vorgefallen ist.

Dieses jahrelange Raten kombiniert mit dem Wunsch nach Anerkennung und Liebe hat sich wohl so tief in mir verwurzelt, dass ich nicht nur in alltäglichen Situationen, sondern auch in meinen Beziehungen (bzw. noch-nicht-Beziehungen) Schwierigkeiten habe, zu vertrauen und loszulassen und klare Ansagen zu machen. Es ist ein konstantes Rätseln, ob da nicht vielleicht doch noch irgendwo die Persönlichkeit, mit allen Zuwendungen und Attributen, die ich mir wünsche, versteckt ist und auf ihren großen Moment wartet. Und wenn ich vielleicht noch „diese eine Chance“ gebe, kommt sie vielleicht auf die Bühne geschritten und präsentiert sich mir in all ihrer Schönheit, dass ich dankbar sein werde und die letzten tausend vermasselten Chancen keine Rolle mehr spielen.

Klingt nach einem Märchen, nach einem „… und wenn sie nicht gestorben sind …“, nach Ankommen und Wohlfühlen. Aber ob das so realistisch ist? Ich beginne zu  begreifen: Nein. Ich möchte nicht erst wieder durch den Wurzelwald gehen müssen, tausendmal stolpern über die knorrigen Hindernisse und mit zerschrammten Knien und Händen wieder aufstehen – ich möchte einfach mal gehen können, ohne dass ich ständig darauf achten muss, ob ich jemandem auf die Zehen oder in ein Fettnäpfchen trete. Und ich möchte dann Ankommen und mich an dem Ziel freuen können, mich ausruhen und wohlfühlen. Ich weiß, dass ich nicht erwarten kann, dass immer alles gleich perfekt ist, aber ich muss lernen, dass es nicht okay ist, verletzt zu werden und es als gegeben hinzunehmen. EINE zweite Chance mag noch okay sein, aber eine dritte Chance für denselben Fehler ist nicht akzeptabel. Und Brocken Liebe sind ebenfalls nicht akzeptabel – ich verdiene gefälligst ein ganzes Brot.

Ich möchte nicht wie ein alter knorriger Baum sein, der sich irgendwann selbst die Luft zum Atmen abschnürt. Ich hoffe, dass ich durch das Erkennen von Mustern und Fallen in der Lage sein werde, die Wurzeln nach und nach abzulösen von mir und frei atmen zu können.

Das Buch „Der Glasmurmelsammler“ erzählt auch von der Beziehung der Hauptperson zu ihrem Vater und wie diese ihr Leben beeinflusst. Auf ihrer Suche nach den Puzzlestücken, die die Lebensgeschichte ihres Vaters vervollständigen, kann auch sie ein paar der Wurzeln gewahrwerden und ist nach und nach in der Lage, sie zu lockern. Ein interessantes Buch, das ich sehr fix durchgelesen habe und in dem ich mich wiedergefunden habe – nochmals lesen würde ich es trotzdem nicht, weil es mir irgendwie an Tiefe gefehlt hat, da sich die komplette Handlung nur über einen einzigen Tag erstreckte und ich das als nicht sehr realistisch empfinde. Trotzdem schön und interessant.

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2 Kommentare zu “Verletzungen sind wie Wurzeln …

  1. Dass du das alles erkennst und in Worte fassen kannst ist doch schon mal ein super Anfang, bestehende Muster zu verändern. Ich finde es übrigens auch immer wieder Wahnsinn, wie sehr uns die Beziehung zu unseren Eltern prägt und Grundlage für alle kommenden Beziehungen ist.

    • Zum Glück gibt mir die Ausbildung das Werkzeug zur Selbstreflektion an die Hand, und das hilft mir tatsächlich sehr. Danke für den Kommentar! 🙂

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