Achterbahn nach Südamerika

Punkt 8: „Je planmäßiger die Menschen vorgehen, globedesto wirksamer vermag sie der Zufall zu treffen.“

Friedrich Dürrenmatt, 21 Punkte zu den Physikern, 1962

 

Aus den 21 Punkten zu „Die Physiker“ von Dürrenmatt beschreibt dieser haargenau meine kleine Achterbahnfahrt zur Gastfamilie in Südamerika! Vor ca. 1,5 Monaten habe ich mich bei 3 Aupair-Seiten angemeldet, mit dem klaren Plan, mich der Welt der potentiellen zukünftigen Arbeitgeber als einziges für sie in Frage kommendes Aupair vorzustellen.  😉 Das war teilweise ganz schön viel Arbeit, da alle Webseiten unterschiedliche Profilstrukturen hatten. Also mussten Texte umgeschrieben und angepasst, Fotos mehrmals hochgeladen, vergrößert oder verkleinert und zusätzlich noch vorgefertigte Ankreuztests ausgefüllt werden.

Ich habe es aber geschafft und schon bald versendete ich die ersten Bewerbungen und bekam auch die ersten. Nun ist das ja immer ganz einfach – man liest eine Bewerbung oder ein Profil und findet sofort die passende Familie. Genauso einfach lassen sich die richtigen Zahlen für den Sechser im Lotto ankreuzen …

Ich fand schon nette Familien, aber irgendwie fehlte immer dieses gewisse Etwas, der Funken und das Gefühl, dass es passt. Man schrieb ein bißchen hin- und her und es war nicht so, dass mir die Familien unsympathisch waren, aber auch nicht so, dass ich das Gefühl hatte, dass sich ein „home away from home“-Gefühl einstellen würde. Ich hatte nie das Gefühl, dass es okay wäre, wenn ich mal schlechte Laune hätte, mal überfordert wäre mit allem, einfach nur nach Hause wollen würde … da kamen die alten Erinnerungen wieder hoch an die Zeit mit meiner ersten Familie in Australien, die nicht so toll war. Auf keinen Fall wollte ich wieder das Risiko eingehen, mutterseelenallein am anderen Ende der Welt zu sitzen, ohne Geld und ohne Freunde und dann auch zusätzlich noch ohne Sprache – ich kann immer noch nicht mehr Spanisch als im Februar.

Dann bekam ich Elisas Nachricht – sie war freundlich, witzig, übersprudelnd, aber gleichzeitig auch beruhigend und willkommenheißend. Mein Bauch grummelte auch sogleich seine Zustimmung und wir verabredeten uns für ein skype-Interview. Wir mussten es dann spontan verschieben, weil sie so herrlich verplant war und die Geburtstagsparty ihrer Schwester vergessen hatte – sie wurde mir immer sympathischer, denn ich bin ja auch mal verplant. Nicht perfekt sein zu müssen als Aupair nimmt schon enorm den Druck. In unseren Mails und WhatsApp-Nachrichten und auch bei unseren 2 Skypedates, bei denen ich auch ihren Mann kennenlernte, war schnell klar, dass wir gut zusammenpassen würden und gegenseitig Favourit waren. Ich grinste die ganze Zeit vor mich hin und hüpfte mental schon ins Flugzeug nach Chile.

Und dann kam die Absage – nett verpackt, aber ein Nein ist ja nicht weniger doof mit Schleife drum und Glitzer drauf. Das war hart. Richtig, richtig hart. Ich habe geweint. Es war so plötzlich und tat uns beiden so Leid – ich konnte sofort sehen, dass es eine schlechte Nachricht wird, als ihr skype-Bild erschien. Wir werden weiter Kontakt halten und ich kann eventuell nächstes Jahr kommen – trotzdem war ich am Boden zerstört. Kennt ihr das, wenn ihr euch etwas so sehr wünscht, dass es wehtut und ihr denkt, ihr solltet euch nicht darauf versteifen, es könnte immer noch etwas schief gehen, aber euer Herz trotzdem noch die Hoffnung hegt und pflegt und einfach nicht auf den vernünftigen Part hören will? Und dann kommt ein Gewitter mit Donner, Blitz und Hagel und macht das Babypflänzchen Hoffnung kaputt? Tja, das war der Zufall, der mich sehr wirksam getroffen hat – dankeschön, Herr Dürrenmatt.

Während ich in Kontakt mit Elisa stand, hatte ich auch mit Renata gesprochen – die in unseren Gesprächen so herzlich und bemüht war, mir zu helfen, meine Fragen zu beantworten, Sorgen zu nehmen und mir im Vorfeld schon alle Unterstützung zuteil werden zu lassen, die man sich wünschen kann, sodass ich einfach mal mutig war und zugesagt habe. Ich habe immer noch dolles Bauchkribbeln, weil ich gar nicht so richtig weiß, was mich erwartet – ich war ja noch nie in diesem Teil der Welt, ich spreche die Sprache nicht, die Mentalität scheint eine ganz andere zu sein … und es ist so verdammt viel vorzubereiten!!

Oh mein Gott. Man gebe mir bitte einen Eimer mit Sand, in den ich meinen Kopf stecken kann. Aber gleichzeitig freue ich mich auch wie irre – ich bin meinem Traum, wieder zu reisen und endlich Spanisch zu lernen, ein großes Stück nähergekommen. Ich kann meiner Sehnsucht endlich wieder gerecht werden, neue Dinge lernen, Erfahrungen machen, neue Freundschaften schließen, Altlasten hinter mir lassen und wachsen, wachsen, wachsen – Kolumbien, ich komme!  Colombia, estoy en mi camino! ♡

Und jetzt Vorhang auf für euch: Bitte freut euch mit mir! 🙂

columb

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7 Kommentare zu “Achterbahn nach Südamerika

      • Glaube ich gern. 🙂 … meiner Erfahrung nach stellen sich die Dinge, die am meisten Magenflimmern verursachen, als die besten heraus. Was hatte ich für Angst vor meinen 4 Monaten in Russland … und geblieben sind mir nur wunderbare Erinnerungen. Ich wünsche Dir das auch.

      • Du warst 4 Monate in Russland? Was hast du denn da gemacht? Wie ungewöhnlich!

        Aber ja, ich glaube auch, dass viel vom Magenflimmern durch das Unbekannte, das da auf einen wartet, hervorgerufen wird. Und wenn man es dann erstmal kennenlernt, dann legt sich das Flimmern ganz fix 😉 Dankeschön für deine aufmunternden Worte!

      • Ich habe in Sankt Petersburg Russlanddeutschen (oder besser ihren Nachkommen) Deutschunterricht gegeben. Das war toll! Die Russen waren unheimlich nett und Petersburg superschön. Deshalb denke ich auch, dass, wenn man positiv und offen an etwas herangeht, auch alles gut wird.

      • Das hört sich ja auch nach einer spannenden Erfahrung an! Ich denke auch, dass viel mit der Einstellung zusammenhängt – die spiegelt sich und man kriegt das, was man ausstrahlt, zurück.

  1. Pingback: Aventuras Nuevas – Kolumbianische Wasser | recolourlife

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