Aventuras Nuevas – Kolumbianische Wasser

Heute ist der Himmel grau, wolkenverhangen und es regnet. Dazu läuft „La Bicicleta“ von Shakira und Carlos Vives. Echter kolumbianischer Vallenato, ein gute Laune-Lied.

Und genauso gemischt sieht es in mir auch aus – stürmisch und nicht richtig hüh, aber auch nicht hott. Ich kann mich einfach nicht entscheiden, was ich davon halten soll, dass ich jetzt hier bin. Ich muss ganz oft an „Fifty Shades of Grey“ denken – nicht, weil mein neues Leben einem Porno gleicht, sondern weil Ana oft zu Christian sagte, er lebe in einem „ivory tower“. „Im Elfenbeinturm leben“ bedeutet, dass jemand zwar alles hat, was er an Gütern zum Leben braucht, aber ziemlich weit vom echten Leben entfernt ist.

Diese Beschreibung trifft ins Schwarze. So kommt es mir hier vor. Ich habe alles, was ich brauche und was ich nicht habe, aber brauche, kann besorgt werden, wird mir immer wieder versichert. Ich soll mich hier zu Hause fühlen und mit der Familie fühle ich mich auch wohl, aber mir fehlt das Leben „da draußen“, wenn ihr versteht, was ich damit meine.

Ich glaube, mir fehlt irgendein Leben, um ehrlich zu sein. Mein Leben zu Hause habe ich ja schließlich auch aufgegeben. Die Schule ist beendet und damit mein Leben als Schülerin/Auszubildende, meinen Nebenjob mit den WG-Kids habe ich gekündigt und meine Wohnung ist auch fest zwischenvermietet für ein Jahr. Meine Freunde sind in Deutschland und haben alle einen Job, eine Beziehung, eine Wohnung … und ich nicht. Mein deutsches Leben ist im Moment on hold – verstaut in ein paar schmuddeligen Kartons, die sich in meinem Zimmer bei meinen Eltern stapeln, und ob es mir noch passt, wenn ich wiederkomme, weiß ich nicht. Ich kann mich nicht entscheiden, ob ich viel Kontakt mit zu Hause haben möchte, einfach, um irgendeinen Kontakt mit jemandem zu haben, oder ob ich den Kontakt auf ein Minimum beschränken sollte, um mir das Ankommen hier zu erleichtern. Skype-Telefonate mit meinem Opa können nicht ersetzen, was mir fehlt und vertreiben auch nie das Bewusstsein, dass er vielleicht auch nicht mehr da ist, wenn ich wiederkomme.

Also, alles ist anders und neu und gilt, entdeckt zu werden – und genau so wollte ich das doch, oder nicht? Hat mein Bauch nicht freudig gegrummelt, als ich den Gedanken hatte? Und dann bei der Durchführung dieser verrückten Idee – da habe ich mir doch gesagt, nichts kann mich stoppen? Hm. Dieses Hochgefühl spüre ich momentan eher nicht.

himmel

Es ist schwierig, hier Kontakte zu knüpfen. Nein halt – das stimmt so nicht ganz. Es fällt mir schwer, hier Kontakte zu knüpfen. Die Sprachbarriere ist echt ziemlich hoch – ich spreche natürlich noch ganz wenig, aber das, was ich kann, versuche ich, anzuwenden. Also im Prinzip hangele ich mich mit „Hallo, wie geht’s? Ich heiße Katharina. Ich komme aus Deutschland. Ich spreche ganz wenig Spanisch, kannst du/können Sie bitte langsamer sprechen?“  von Satz zu Satz meines Gegenübers. Oder besser: ich würde es versuchen, wenn nicht gleich alle verstummen würden, wenn sie meine verständnislose Miene sehen. Ehrlich, sobald ich erkläre, dass ich noch nicht so viel kann, werde ich gefühlt zur Aussätzigen. Und das schüchtert mich so ein, dass ich mich immer weniger traue, mit irgendjemandem zu sprechen.

Die Männer hier schauen mir hinterher, kriegen große Augen, rufen irgendwas – ich kann nichts sagen, weil ich nichts verstehe. Ich fühle mich unwohl, wenn ich alleine an einer Gruppe von 3 oder mehr Männern vorbeigehen muss, und gehe, wenn ich kann, einen Umweg. Frauen stecken die Köpfe zusammen und schauen dann ungeniert in meine Richtung. Heute bin ich mit dem Hund spazieren gewesen und es hat doch tatsächlich ein Mädchen in meinem Alter mit dem Finger auf mich gezeigt und ihren Freund auf mich aufmerksam gemacht. Dann wurde ich begafft wie ein wandelndes Ausstellungsstück. Dass mal jemand auf die Idee kommt, mich anzusprechen – darauf kann ich wohl eine Weile warten.

Gestern haben Renata und ich eine Britin getroffen, die mit einem kolumbianischen Freund unterwegs war. Wir haben uns viel unterhalten und es hat sich angefühlt wie ein ganz normales Leben – einfach erzählen, jemanden kennenlernen. Ihr Freund aber sprach kein Englisch und schaute genervt drein, wenn ich allerdings zu spanisch gewechselt habe, schaute er noch genervter, weil ich sicherlich Fehler gemacht habe. Mitten im Gespräch darüber, ob ich die Lebensmittel hier mag, wollte er plötzlich wissen, ob ich auf Jungs oder Mädels stehe – ich war so schockiert, überspielte das aber reflexartig mit einem Lachen und antwortete. Im Nachhinein war ich jedoch total aufgewühlt und empört – wie kann er wagen, mir eine solch persönliche Frage zu stellen, einfach basierend auf meinem Kurzhaarschnitt? Und ich antworte auch noch, als wäre es das Normalste der Welt, von einem wildfremden Menschen nach meinen sexuellen Vorlieben gefragt zu werden. Wenig später meinte er dann, es sei angebracht, mich auf meine Hautunreinheiten direkt anzusprechen. Natürlich hatte er direkt die Lösung parat: er führte sie auf meine vegetarische Ernährung zurück – wie unglaublich dreist. Ich konnte mich am Ende überhaupt nicht mehr beruhigen, aber in dem Moment war ich einfach so perplex, dass ich nicht genauso dreist reagiert und nach seiner sexuellen Orientierung gefragt und ihm meine Meinung zu seinen Haaren und den gebleachten Zähnen mitgeteilt habe.

Das Mädchen auf dem Shop, mit dem ich Nummern ausgetauscht hatte – sie hat mich spontan zu dem Geburtstag ihres Onkels eingeladen (Freitag auf Samstag), dann aber nicht gesagt, wann wir losfahren wollen. Als ich wiederholt fragte, war sie sich plötzlich nicht mehr sicher, ob sie nicht vielleicht doch am Samstag arbeiten muss – ich sagte, sie solle sich einfach melden. Hat sie aber nicht. Ihr WhatsApp Profilbild ist seit gestern neu – eindeutig auf einer Familienfeier entstanden. Ich war so enttäuscht. Der Schlag war umso härter, weil ich darauf angewiesen bin, dass sich die Leute hier freundlich verhalten und möglichst mehr Schritte auf mich zugehen als ich auf sie zugehen kann – ich stecke doch noch in meinen Babyschuhen, was Kolumbien angeht. Und klein fühle mich ich oft wirklich. Ich mag das nicht.

jackeEs ist so schwer, in einem Land Fuß zu fassen, wenn einem alles fremd ist: das Essen, die Sprache, der Kleidungsstil, die Bräuche, die Kultur, die Gewohnheiten, der Umgang miteinander, die Währung, das Klima. Irgendwie ist mir (abgesehen vom Deutschprechen mit Renata) wirklich gar nichts vertraut hier, an das ich mich wie an einen Rettungsring klammern könnte.

Damit mir das kalte, kolumbianische Wasser, in dem ich mich ohne Rettungsring mehr oder weniger erfolgreich über Wasser halte und unruhig vor mich hintreibe, mir nicht ganz so viel anhaben kann, suche ich Zuflucht in meiner Strickjacke. Wenn ich mich darin einwickele (ja, auch bei 40°C), kommt mir alles nicht mehr so schlimm vor – ich habe eine Schutzschicht aus grauem Polyacryl um mich geschlungen, die bis zu den Knien reicht. Alles davon abwärts bewegt sich weiter fort – in Babyschritten zwar, aber stehenbleiben ist einfach keine Option. Und nach und nach wird der Rest meines eingepackten Körpers wohl hinterherkommen.

Advertisements

4 Kommentare zu “Aventuras Nuevas – Kolumbianische Wasser

  1. Ich kann das so gut mit dir mitfühlen. Es muss wirklich schwierig sein in einem fremden Land mit großen Sprachbarrieren. Man gerät (ob man nun will oder nicht) einfach total in eine Abhängigkeit von anderen Leuten. Ich hoffe du bleibst so gut es geht positiv gestimmt, du hast ja schon selbst gesagt: Aufgeben ist keine Option.
    Es ist einfach viel leichter, wenn man für ein Auslandssemester geht oder einfach mehr Leute um sich hat, die alle das gleiche machen. Du schaffst das aber sicher auch so! Und lass dir von solchen dreisten Kerlen nicht die Laune verderben, beim nächsten Mal hast du sicher auch nen guten Spruch auf den Lippen.
    Viele Grüße,
    Marie

    • Hallo Marie, das stimmt, die Abhängigkeit ist auch ein Teil des Problems, aber kein großer. Die Familie kümmert sich sehr gut um mich, stärkt mir aber gleichzeitig so den Rücken, dass ich mich traue, auch selbst etwas zu unternehmen. Es wird schon alles werden – und im Vergleich zum Anfang ist es auch besser geworden. Ich glaube, dadurch, dass ich alles in diesem Post verarbeitet habe, ist schon eine große Last von mir gefallen. Was den Spruch auf den Lippen betrifft – das denke ich mir auch immer wieder, aber leider bin ich dann oft so überrascht, dass mir der Spruch lautlos von den Lippen rutscht. Trotzdem, auch das werde ich lernen! 🙂 Ganz liebe Grüße zu dir und eine schöne Bloggerpause!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s