Aventuras Nuevas – Un regalo

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Melcocha – typische kolumbianische Süßigkeit

Ich hatte ja schon erwähnt, dass Angel und ich uns treffen, um Spanisch bzw. Deutsch zu lernen. Wenn wir uns treffen, bringt er oft eine Kleinigkeit mit, Bonbons oder eine typische kolumbianische Süßigkeit oder er kauft mir irgendwas zu trinken, auch wenn ich behaupte, nicht durstig zu sein (er hatte durchschaut, dass ich mich noch nicht traue, alleine zu bestellen). Außerdem kümmert er sich um mich, wenn ich Hilfe brauche: er erklärt mir das Straßensystem, fährt mich nach Hause, wenn es dunkel ist und wenn ich zu Fuß gehe, möchte er, dass ich ihm schreibe, wenn ich heile angekommen bin, wo ich hinwollte. Wenn’s mir nicht gut geht, kann ich ihm schreiben und er ist für mich da und bald wird er mir auch mit meinem ersten Friseurbesuch hier in Kolumbien helfen. Ist ja klar, dass ich das sehr zu schätzen weiß, denn sowas ist absolut nicht selbstverständlich, finde ich.

Als ich ihn fragte, was ich ihm denn mal schenken könnte, irgendetwas Kleines, meinte er, das sei nicht nötig. Als ich nicht locker ließ, meinte er: „Okay, es gibt etwas! Keine unregelmäßigen Verben mehr, bitte!“ Die findet er verständlicherweise schwierig und furchtbar. Leider geht’s aber nicht ohne … Ich hab also lange überlegt und dann kam mir die Idee: Kinderschokolade! Schokolade ist hier sehr teuer und daher etwas Besonderes und Kinderschokolade ist nun mal typisch deutsch. Die gibt es hier im éxito, einem Supermarkt, für 6450COP (Kolumbianische Pesos). Umgerechnet sind das etwa 2€. Man teilt einfach den Preis durch 3000 und hat Pi-mal-Daumen den Euro-Preis.

Außerdem hatte Angel mir erzählt, dass seine dreijährige Nichte aus Venezuela über das Wochenende zu Besuch kommen würde und er liebt sie total. In Venezuela ist die Situation sehr schwierig, ich weiß nicht, wie viel davon in Deutschland (bzw. dort, wo ihr euch aufhaltet) ankommt. In den Supermärkten gibt es keine bzw. kaum Nahrungsmittel, Kosmetik- oder Haushaltsartikel, die Menschen ernähren sich größtenteils von Kartoffeln, Reis und Dingen, die man aus Mehl herstellen kann, alles ist sehr teuer und schwierig zu bekommen, Medikamente gibt es auch kaum noch und eine Ausreise nach Kolumbien war bis vor Kurzem nicht möglich. Cúcuta liegt nur ca. 50km von der Grenze zu Venezuela entfernt und kurz nach meiner Ankunft hier wurde diese (ich glaube 2x) für einen halben Tag geöffnet, sodass Venezuelaner in die Stadt kommen und hier Lebensmittel kaufen konnten. Über 10.000 Menschen kamen an einem dieser Tage und kauften die Supermärkte leer. Ehrlich, leer. Es gab nach diesen Tagen einige Dinge nicht mehr zu kaufen. Es muss furchtbar sein dort drüben. Wir hatten auch eine Familie hier, die Venezuela verlassen hat – Mutter, Vater, 2 Kinder. Der Vater hatte eine Firma und alles war gut, bis er sie an die Regierung verloren hat. Dann hatte die Familie nichts mehr, aber wirklich nichts. Als sie bei uns ankamen, konnten sie nicht fassen, was es hier alles gibt. Im Supermarkt haben sie Fotos gemacht von allen Lebensmitteln und erzählten, dies sei das erste Mal nach 3 Jahren, dass sie sich mit Seife und Schampoo waschen könnten. An der Grenze wurde ihnen auch alles Geld abgenommen und dann wurde behauptet, sie hätten noch nicht bezahlt für die Ausreiseerlaubnis. Zum Glück kannte einer der Militärbeamten dort den Papa hier, hat ihn angerufen und als ihm bestätigt wurde, dass die Familie Freunde von ihm seien, half er ihnen, ging mit ihnen zu den Beamten, die sie abgezockt hatten und veranlasste, dass alles geregelt wurde. Furchtbar, ich kann mir das gar nicht vorstellen und würde es auch nicht glauben, wenn ich es nicht miterlebt hätte.

Jedenfalls hatte Angels Nichte von ihren Eltern die Erlaubnis bekommen, für ein Wochenende hierher zu kommen. Da ich Angel nicht irgendeinen nutzlosen Kram kaufen wollte und ich wusste, wie sehr er seine Nichte liebt, habe ich beschlossen, einfach etwas für sie zu kaufen. Ich dachte mir, wenn sie glücklich ist, ist er es auch, und das ist ja die Idee hinter dem Geschenk. Die Idee kam mir, als ich in der Shoppingmall durch Zufall in einen Buchladen geriet. Dort lagen glitzernde, bunte Kinderbücher aus und ich wusste sofort: du kaufst „Carlita“ ein Buch! Ich wollte ihr etwas schenken, mit dem sie nicht nur spielen kann, sondern das sie auch in ihrer Bildung unterstützt. Bücher sind hier auch eher ein Luxusgut, was ich sehr schade finde, denn meine Liebe zu Büchern ist so riesig, weil ich sie als Kind kennen- und liebengelernt habe.

Ich entschied mich nach langem Suchen für „El jardin mágico de la pequeña Hada“, also „Der magische Garten der kleinen Fee“. Dieses Buch war ab 3 Jahren, es gab schöne Bilder und nicht zu viel Text und außerdem Magnetbildchen, die ergänzend zum Text (oder auch einfach wahllos) auf die magnetischen Seiten gelegt werden konnten. Carlita würde Spaß daran haben, die Magnete anzubringen und zu betrachten, gleichzeitig würde sie die Wörter spielerisch lernen und später auch den Text selbst lesen lernen können, so dachte ich mir. Ein Geschenk, das länger vorhält. Dieses Buch kostete 18000COP, also umgerechnet 6€, was ich total gut finde für ein Buch! In Bildung kann man nicht genug investieren.

Ich kaufte es und dann im Exito noch 2 Tafeln Kinderschokolade, packte zu Hause alles ein und am Abend traf ich mich mit Angel. Die Geschenke für Carlita kamen in relativ buntes Papier, Angels Schokolade verpackte ich in ein weißes A4-Blatt und schrieb mit verschiedenen Farben „Danke“ in allen Sprachen auf, die wir beide sprechen. Als ich ihm die Tüte mit Geschenken gab, bekam er große Augen und fragte ungläubig: „Das alles? Das ist zu viel!“ Als ich uns Getränke kaufte (ich traue mich mittlerweile, alleine zu bestellen) kam er plötzlich mit einem kleinen Mädchen auf dem Arm ins Café! Oh, die Kleine sah richtig süß aus, aber auch müde und schüchtern war sie – ist ja klar, ich sehe ganz anders aus als alles, was sie bisher kennt, und dann spreche ich auch noch komisch …

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Wieder zurück am Tisch schlug ich vor, ihr das Geschenk jetzt zu geben. Sie saß auf Angels Mamas Schoß und wusste erst nicht so recht … aber dann begannen ihre Finger zögerlich, das Papier zu öffnen. Als sie den pinken Umschlag des Buches sah, sah ich ehrliche Kinderfreude: ihre Augen wurden groß, ihr Mund lächelte und sie zog freudig-überrascht die Luft ein, dann arbeiteten ihre kleinen Fingerchen sich blitzschnell durch das Papier. Sie konnte es nicht fassen! Auch Angel und seine Mama saßen mit großen, funkelnden Augen daneben – und diese Szene miterleben zu dürfen, war das allerbeste Geschenk für mich. Es war ein richtig magischer Moment und ich konnte die Freude und Überraschung in der Luft fast greifen. Ein kleines Buch und ich mache 3 Menschen glücklich- wie wundervoll.

Sie war immer noch scheu mir gegenüber, aber das ist ja klar. Sie flüsterte Angels Mama etwas ins Ohr: „Wir werden Mama und Papa erzählen, jemand hat mir eine Überraschung bereitet.“ Carlita bestand darauf, das Buch überall mit hinzunehmen und Angel berichtete mir später, sie hätte ihm nicht erlaubt, ihr beim Tragen zu helfen. Auch zu Hause hätte er das Buch immer wieder auf den Schoß gelegt bekommen. Ach, wie mich das freut🙂

Seit einigen Tagen habe ich den Spruch auf dem Bild unten im Kopf, also in etwa: „In einer Welt, in der du alles sein kannst, sei freundlich.“ Und außerdem diese Zeile aus „The End“ von den Beatles, in etwa: „Am Ende ist die Liebe, die du nimmst, die Liebe, die du gibst.“ Und in diesem Moment, in dem Carlita überrascht einatmete und die Augen von Angels Mama leuchteten und Angel die Kleine beobachtete und lächelte, habe ich das, was ich gegeben hatte, zurückbekommen. Ich hatte das Gefühl, wir saßen in unserer eigenen kleinen Blase aus Überraschung und Freude und Liebe und das Leben um uns herum stand kurz still – das war ein einzigartiger und wundervoller Moment und ich werde mich hoffentlich immer an dieses Gefühl erinnern, und auch daran, dass Geben und Lieben sich immer lohnen. Ich habe das gegeben, was ich selbst am meisten brauche und es zurückbekommen.

Euch sende ich auch ganz viel Liebe und un abrazo grande! xx

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