Aventuras Nuevas – El Club de Cazadores: Jäger? Vielleicht Sonnenjäger! ☼

Hallo liebe Lebensmaler,

ich habe euch bisher ziemlich wenig von meinem Alltag und meiner Umgebung erzählt, weil ich am Anfang so mit mir selbst beschäftigt war und dann plötzlich alles auf einmal passiert ist und ich gar nicht hinterhergekommen bin mit dem Fühlen, Erleben, Verarbeiten und Berichten. Ich versuche jetzt, mich langsam an alles heranzutasten und heute möchte ich euch vom „Club“ erzählen.

Hier in Cúcuta ist es ziemlich heiß. Wir haben zwar gerade Winter, aber alles, was das anscheinend bedeutet, ist, dass mehr Wind weht als sonst. Wir haben fast jeden Tag Temperaturen zum wortwörtlichen Dahinschmelzen: zwischen 33°C und 40°C ist alles möglich, und wenn wir Glück haben, wird es abends „kühler“ (30°C).  Nach dem Duschen und Abtrocknen bin ich bereits wieder durchgeschwitzt, aber ich habe mich schon darauf eingestellt, denn prinzipiell mag ich Hitze lieber als Kälte.

Gleichzeitig bin ich aber auch großer Fan davon, mich abzukühlen, und Schwimmbäder eignen sich dazu bestens. Leider gibt es hier wenig öffentliche Schwimmbäder und keins in der Nähe, sondern meist private Schwimmclubs, in denen man Mitglied sein muss. Als ich hier ankam, konnten wir noch auf Einladung einer Freundin der Familie einen Club besuchen, diesen also quasi zwei Monate „testen“, aber die einmalige Mitgliedschaftsgebühr und monatlichen Kosten waren exorbitant und standen in keinem Verhältnis zu dem, was uns geboten wurde. Das Kinderbecken war okay, hatte aber eine „im Wasser-Bar“, wo Erwachsene sich nachmittags um 16h ihre Cola mit „güisqui“ (spanische Schreibweise von „Whisky“) hinter die Binde kippten und megalaut Charts hörten. Das Schwimmbecken war recht klein und meist fand zu der Zeit, in der wir dort waren, Schwimmunterricht statt und zwar von rechts nach links und nicht entlang der langen Seite. Keine Ahnung, warum, aber das ist hier so üblich, und es bedeutete, dass wir nicht ordentlich schwimmen konnten, was uns allen wichtig war.

Seit zwei Wochen sind wir aber Mitglied im Club de Cazadores, also „Club der Jäger“, der ca. 10 Gehminuten von uns entfernt ist. Auf der Website sah er sehr schick aus und während Renata alles mit der Clubleitung regelte, erkundeten Anja und ich die Umgebung. Es gibt ein großes Schwimmbecken mit unterschiedlichen Tiefen, ein flacheres Kinderbecken, genug Sitzmöglichkeiten, sowohl überdacht als auch unter freiem Himmel, eine Bar und ein paar kleine „Lädchen“ für Eis oder Säfte, ein Nagelstudio, ein Spa, eine Sauna und ein Fitnessstudio, einen Spielplatz und mehrere Sportplätze, auf denen unterschiedliche Sportarten gelehrt und betrieben werden. Leider gab es sehr wenig Grünfläche, aber immerhin ein kleines Eckchen Rasen. Das alles hörte sich ziemlich gut an und war auch auf den ersten Blick wirklich toll. Nach einigen Besuchen entdeckten unsere kritischen Augen (und Ohren) einige Mängel, mit denen wir aber trotzdem leben können.

Es gibt zum Beispiel ein erhöhtes Podest mit riesigen Boxen, aus denen den ganzen Tag laute Musik läuft – das Leben hier wird überall von Musik begleitet (im Schwimmbad, im Einkaufszentrum, in den einzelnen Läden, beim Friseur, im Nagelstudio, …) und es ist auch keine Seltenheit, dass aus verschiedenen Boxen verschiedene Lieder laufen – es entsteht ein Wettbewerb, wessen Musik lauter aufgedreht werden kann. Niemand beschwert sich jedoch, auch wenn man sein eigenes Wort nicht verstehen kann. Das Leben in Kolumbien ist wohl einfach so – die Leute werden nervös, wenn es zu leise wird. (Auch abends dringen oft aus verschiedenen Bars laute Musik, Gesang oder Stimmengewirr zu mir ins Schlafzimmer, das dementsprechend zum Wachzimmer wird.) Das Fleckchen Rasen, das wir im Club zu unserem Platz auserkoren haben, ist leider direkt unter den Boxen und so bitten Renata oder ich regelmäßig darum, die wummernde Discomusik oder die spanischen Rhythmen doch bitte leiser zu stellen. Wir werden ebenso regelmäßig verwirrt angeschaut und belehrt, das müsse so sein. Wie unhöflich von uns, den anderen Leuten die Musik nicht zu gönnen! Also ehrlich. Tztztz. Manchmal machen wir aber auch einfach übertrieben Party – wir klatschen und wippen im Takt der Musik, bewegen die Köpfe ruckartig nach vorne und hinten und machen mit Armen und Beinen die tollsten Verrenkungen. Anja findet es genial und wir lachen uns schlapp.

Auch in diesem Schwimmerbecken wird im Schwimmunterricht von rechts nach links geschwommen und nicht längs – ich frage mich wirklich, was das soll? Hier werden aber zwei Bahnen abgetrennt, damit man dort in Ruhe schwimmen oder einfach sein kann, was uns gut gefällt. Blöd ist, das beide Becken immer in der prallen Sonne sind, aber man kann ja nicht alles haben. Wir bleiben meist so 20 Minuten im Wasser, dann machen wir Snackpause und danach geht Renata ihre Bahnen ziehen, während Anja und ich den Club erkunden. Wir entdecken die Duschen, sammeln Müll auf und bringen ihn in die bereitgestellten Mülleimer (Anjas Hobby), rocken ab zur Musik, die aus den Lautsprechern oder aus dem Fitnessstudio schallt und freuen uns, wenn andere Leute mitmachen, schauen uns ein Basketballspiel an oder vergnügen uns auf dem Spielplatz. Leider liegen auf dem Boden oft Scherben, Drahtstücke oder kleine Haufen Kot, sodass ich immer beide Augen auf den Boden gerichtet habe, um Unfälle zu vermeiden. Laut Clubordnung und Leitung sind Hunde verboten und es ist uns ein Rätsel, wieso die braunen Haufen regelmäßig auftauchen – und vor allem nicht entfernt werden! Auch der Spielplatz hat seine Tücken. Viele Oberflächen sind aus mir unerklärlichen Gründen aus Metall, was natürlich total Sinn ergibt für Spielgeräte, die die meiste Zeit in der prallen Sonne stehen, da werdet ihr mir sicher zustimmen. Manche Geräte sehen auch nicht sehr vertrauenerweckend aus und einiges ist bereits kaputtgegangen, seit wir dort sind (nicht durch uns natürlich!). Es ist trotzdem schön, dass es überhaupt einen Spielplatz mit verschiedenen und tollen Geräten gibt und ich lasse Anja im Rahmen der sicheren Möglichkeiten so viel Freiraum, dass sie sich ungestört ausprobieren kann – und sie macht waghalsige Dinge, kann ich euch sagen!

Ich freue mich trotz mancher Mängel wirklich sehr, dass wir in diesem Club Mitglied sind. Den Weg alleine zurücklegen zu können gibt mir das Gefühl, mein Leben irgendwie in der Hand zu haben, wenn ihr versteht, was ich meine. Ich bin nicht mehr darauf angewiesen, dass die Familie mich fährt, ich finde mich zurecht und tue etwas für meinen Körper und meine Gesundheit und gleichzeitig etwas gegen die ungesunde Energie, die machmal in mir brodelt und mit der ich nicht weiß, wohin. Das scheinen winzige Schritte zu sein, aber mit diesen winzigen Schritten gehe ich dem Gefühl entgegen, mich hier wohlzufühlen, und dieses Gefühl ist unglaublich gewachsen in letzter Zeit. Ich bin „gezwungen“, mich alleine mit Menschen auseinanderzusetzen und mit ihnen in Kontakt zu treten, sowohl auf der Straße als auch im Club, ohne Hilfe und Übersetzerin. „Gezwungen“ mit Anführungsstrichen, weil es nicht ein negatives Zwingen ist, sondern ein liebevoller, notwendiger Schubser in die Richtung, in die ich mir wünsche, zu gehen. Anfangs bin ich jedoch davor zurückgescheut, jetzt traue ich mich und das fühlt sich gut an. Ich bin mit der „realen Welt“ in Berührung und das macht es realer und leichter, ein Teil davon zu sein bzw. zu werden. Die meisten Leute, die ich bis jetzt dort oder auf dem Weg dorthin getroffen habe, waren jedenfalls sehr freundlich. Auf dem Weg lächeln mich viele Menschen an, grüßen mich, machen mir in der für sie eigenen subtilen Art Komplimente (z.B. Kussmünder begleitet von „Muy hermosa!“ oder „Muy bonita!“) oder hupen mich an. Im Club sind die Menschen ebenfalls sehr nett und überaus hilfsbereit, wenn sie merken, dass ich mit Spanisch noch unsicher bin. Sie versuchen sich in Englisch, versuchen, jemanden zu finden, der Englisch spricht oder nutzen Hände und Füße, um mir etwas zu erzählen oder zu erklären. Die Pförtner kennen mich schon, ist ja auch nicht so schwer, mich wiederzuerkennen als Blondine zwischen den Kolumbianern 😉 Sie machen mir die Pforte auf, ohne meinen Ausweis sehen zu wollen und wünschen mir wie selbstverständlich „Buenos días!“, worauf ich strahlend ebenfalls mit einem „Buenos días!“ antworte.

Morgens stehe ich jetzt meist gegen 6.15h auf, streife meinen Bikini über und mache mich auf den Weg, um vor der Arbeit in Ruhe einen Kilometer zu schwimmen. Ich brauche mich nicht zu beeilen, denn ich beginne meinen Arbeitstag erst um 10h, sodass ich mir oft die Zeit nehme, um mich auf den Liegen auszustrecken und der Musik zu lauschen, die manchmal anwesenden anderen Leute zu beobachten oder einfach in den Himmel zu schauen.

Ich weiß, dass ich hier ein sehr luxuriöses Leben führe und finde das einerseits toll, denn in Deutschland bin ich das in diesen Ausmaßen nicht gewöhnt, andererseits finde ich es schade, denn dies scheint nicht das Leben eines typischen Kolumbianers zu sein – vielleicht das der gehobeneren Schicht, ja, aber das Leben des Großteils der kolumbianischen Gesellschaft scheint sich sehr von meinem zu unterscheiden. Aber das ist nun mal so – in Deutschland gibt es ja auch nicht DAS typische deutsche Leben – ich bin mir sicher, dass sich das Lebens eines ALGII-Empfängers sehr von dem einer Anwaltsfamilie unterscheidet. Und egal, welches Leben ich hier kennenlerne – es ist auf jeden Fall anders als das, was ich in Deutschland führe und definitiv eine Umstellung, Erfahrung und Herausforderung! Ich werde mir Mühe geben, euch in Zukunft mehr davon zu berichten und teilhaben zu lassen – ich freue mich darauf, dass ihr mit mir mitreist und mir die Gelegenheit gebt, euch zu berichten.

Bis zum nächsten Post … un abrazo grande! x

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