Aventuras Nuevas – Mein Besuch beim „estilista“

Hallo liebe Lebensmaler,

diejenigen unter euch, die schon länger auf meinem Blog sind und quasi mit mir reisen, können sich vielleicht noch daran erinnern, dass ich in Australien meine längeren Haare gegen einen Undercut getauscht habe – wer möchte, kann hier nachschauen. Trotz manch anderer verrückter Einfälle ist die Frisur seitdem so geblieben, bzw. die kurzen Haare sind noch kürzer geworden – 6mm! Ich liebe meine Haare so, denn ich muss nichts mit ihnen tun, sie liegen einfach immer (meistens … na gut … sie machen was sie wollen, aber zumindest weiß ich das und versuche gar nicht erst, etwas dagegen zu tun).

Die Krux mit kurzen Haaren ist nun aber, dass regelmäßig ein Friseur besucht werden muss. War der Friseurbesuch damals in Australien schon nervenaufreibend, könnt ihr euch sicherlich vorstellen, wie es mir hier geht. Erstens war es für mich schon auf Englisch schwierig, zu erklären, was ich möchte, wie soll ich das auf Spanisch schaffen? Und zweitens haben die Frauen hier Haare wie aus einer Fabrik: alle lang bis zum Po, alle glatt, Punkt. Ich glaube, dass ein estilista, der keine Übung hat mit kurzen, lockigen Haaren, leicht überfordert sein und den Job versauen könnte. Und das konnte ich mir seelisch einfach nicht leisten. Wenn meine Haare blöd aussehen, fühle ich mich total unwohl.

Zum Glück hat Angel eine ganz ähnliche Frisur wie ich und meinte, er würde mich mit zu seinem Friseur nehmen – der wüsste etwas mit kurzen, lockigen Haaren anzufangen. So ein Glück! Diesen Friseurbesuch haben wir bestimmt 3 Wochen immer wieder verschoben (typisch kolumbianisch), aber dieses Wochenende hat es geklappt. Samstag hat Angel mich abgeholt und wir sind zur peluquería gefahren. Ich habe nicht auf den Namen geachtet, und als ich Angel später fragte, meinte er: „Irgendwas mit Glam And Beauty oder so …“ DAS hätte ich mir auch denken können 😀

Wir öffneten die Tür und uns schallte – wie in Kolumbien eben üblich – Musik entgegen. Daran hab ich mich mittlerweile gewöhnt und es stört mich nicht – im Gegenteil, ich genieße es, die neuesten kolumbianischen Charts zu sehen oder ältere Sommerhits wieder ins Gedächtnis gerufen zu bekommen. Und die Musik war gut – irgendwie war alles mit extra Bass unterlegt. Wir setzten uns auf die Couch und warteten, schrien uns regelrecht an bei dem Versuch, eine Unterhaltung zu führen, und alle dort Anwesenden schauten neugierig und mehr oder weniger offensichtlich zu uns herüber, weil wir natürlich Englisch sprachen. Die peluquería ähnelte übrigens nur entfernt unseren Friseuren in Deutschland. Unten habe ich euch einen Grundriss aufgezeichnet, weil ich leider keine Fotos machen konnte. Alles wirkte vollgestellt und irgendwie durcheinander, Spiegel stapelten sich auf Werkzeugkästen, die Haare wurden vom Stuhl auf den Boden geföhnt, wo sie dann liegen blieben und was hier überall üblich scheint, war auch in dieser peluquería vertreten: die Angestellten hängen während der Arbeit am Handy. Da wird mal schnell ’ne WhatsApp geschrieben oder eine Sprachnachricht abgehört, während der Kunde mit feuchten Haaren auf das Schnipp-Schnapp der Schere wartet.

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Angel war zuerst dran, weil ich sehen wollte, was bei ihm passiert und ob ich mich sicher fühlen kann. Ich hab die Musik genossen, mich an die Einheimischen angepasst und mein Handy herausgekramt, während ich immer mal wieder Angel und den Friseur beobachtete. Angel sah mit seiner neuen Frisur gut aus und so hab ich mich auch getraut. Unter den neugierigen Augen aller wurden mir die Haare gewaschen und als ich mich auf dem Stuhl niederließ, erklärte Angel dem Friseur, was ich wollte. Eigentlich wollte ich 6mm wie immer, aber er meinte, er würde erstmal mit 9mm beginnen, kürzer ginge ja immer noch. Okay. Das war eine gute Entscheidung, denn anscheinend sind 6mm nicht überall 6mm. Ich erklärte, was mit den längeren Haaren passieren sollte – wieder erklärte der Friseur, er würde sie erstmal nur zur Hälfte abschneiden, kürzer ginge ja immer noch …

Nach dem ersten Schneiden bat ich um’s Trockenföhnen, um zu sehen, zu was sich meine Haare heute entscheiden würden. Danach musste der schockierte Friseur noch mal die gleiche Menge Haare abschneiden wie zuvor. Er versicherte sich vor jedem Schnitt, ob ich sicher sei – auch Angel war besorgt und fragte auch immer nochmal nach. Meine Haare wurden kürzer als seine, ich glaube, das war unerwartet für ihn. Als die langen Haare kurz genug waren, wollte ich noch meinen Hinterkopf sehen – ein Glück, dass ich daran gedacht habe! Der Friseur hatte ein Haardreieck stehen lassen, das von unten nach oben immer länger wurde  und das sah so dermaßen bescheuert aus! Ich erklärte ihm „Más corto, por favor! Todo el pelo aquí…“ und fuchtelte mit meinen Händen herum, um ihm zu erklären, dass alles ab sollte. Ich bin bestimmt 3x aufgestanden und habe im Spiegel nachgesehen, und musste jedes Mal sagen „Más corto, porfa“, sehr zum Erstaunen aller. Irgendwann fragten die anderen Frauen Angel, woher ich kommen würde und dann sprachen sie über etwas anderes, was ich nicht mehr verstand. Als die Haare endlich so waren, wie ich das wollte, wurde mir noch Gel ins Haar geklatscht, dann zahlten wir und verließen „Glam and Beauty“ – wie ich den Laden jetzt einfach nenne. Der Schnitt kostete 15.000COP, also nicht mal 5€.

Im Auto meinte ich zu Angel, dass die Leute mich ja ganz schön angestarrt hätten. Er meinte, sie hätten gesagt, die Frisur stehe mir sehr gut und lange Haare wären eben nicht für jeden etwas. Ich nickte zufrieden, während er noch hinzufügte: „Und sie meinten, du wärst sehr mutig.“ Ich meinte zu ihm, dass er sich das doch jetzt ausdenken würde, und er erwiderte: „Nein, das haben sie echt gesagt. Der Friseur hat auch zu ihnen gesagt: „Hört ihr das? Sie sagt mir wirklich, ich soll es kürzer machen! Sie will das so!““ Hier ist es wohl so, dass die Frauen es schon furchtbar finden, wenn nur 2cm Spitzen geschnitten werden, und sie in solchen Momenten wohl regelrecht mit den Tränen kämpfen. Klar, dass ich da Kontrastproramm bin mit meinem „Kürzer … nein, noch kürzer … noch etwas kürzer, bitte.“ 😀 Tja, ich finde es tatsächlich etwas kurz, aber innerhalb einer Woche wird es schon wieder nachgewachsen sein und so aussehen, wie ich das möchte, also ist es kein großes Drama. Ich sah definitiv schon schlimmer aus nach einem Besuch beim Friseur!

Ich glaube, Angel war sehr erleichtert, dass ich glücklich war. Als er mich beim Abholen von zu Hause fragte, was ich haben wollte, meinte ich scherzhaft, dass er jetzt unter großem Druck stünde, weil er das alles erklären müsse. Und er entgegnete total ernst: „Ja, das ist echt so! Wenn es sch… aussieht, dann ist das meine Schuld!“ Ich beruhigte ihn, ich würde genau das wollen, was er auch bekommt, nur eben mit einer winzigen Änderung, und wenn ich doof aussehen würde, würde er auch doof aussehen und dann wären wir ja quitt.

Es sah aber nicht doof aus, und ich bin richtig richtig stolz, dass ich das geschafft habe. Es scheint wie nichts großes, aber für mich ist es eine ungeheure Überwindung gewesen. Erstens: jemand muss mich mitnehmen und für mich übersetzen, sodass ich total in Anhängigkeit von ihm bin – er sieht mich in einem schwachen Moment. Zweitens: in einen Laden gehen, wo ich angestarrt werde. Drittens: mich in einem fremden Land einem fremden Friseur mit fremder Sprache anvertrauen und hoffen, dass das Ergebnis so aussieht wie zu Hause. Und schließlich viertens: genau sagen, was ich will und was ich nicht will.

Vielleicht kennt ihr das: man sitzt beim Friseur und nickt begeistert, während man die Zähne zusammenbeißt und schon darüber nachdenkt, ob es wohl bis zum Date in 3 Tagen wieder halbwegs normal aussieht. Zu Hause wäscht man die Haare 2x und hofft, das hilft …
Mir fällt es SO schwer, direkt zu sagen, dass jemand etwas nicht zu meiner Zufriedenheit gemacht hat. Ich gehe immer davon aus, dass die Person ihr Bestes gegeben hat und es ist mir unangenehm, das für nicht gut genug zu befinden. Ich gehe lieber mit einem schlechten Gefühl aus dem Laden, als eine Person mit einem schlechten Gefühl darin zurückzulassen. Und wenn ich dann doch mal etwas sage und der zweite Versuch immer noch nicht zufriedenstellend ist, dann nicke ich trotzdem und beiße die Zähne zusammen. Vermutlich bin ich einfach konfliktscheu – das habe ich auch in anderen Situationen bemerkt, denn es fällt mir schwer, ohne verlegenes Lachen oder schon in der Frage enthaltene Entschuldigungen für das, was ich sage, das zu fordern, was ich mir wünsche und was mir zusteht.

Hier kann ich mir das aber einfach nicht erlauben – ich bin so weit außerhalb aller Komfortzonensicherheit, dass alles, was mit meinem Äußeren zu tun hat, einen riesigen Beitrag zu meinem Wohlbefinden leistet. Und dass ich mich hier wohlfühle, hat schlicht und einfach auch etwas mit meinem „Überleben“ zu tun. Ich werde seelisch angreifbarer, wenn ich mich mit meinem Körper unwohl fühle und flugs segle ich die Abwärtsspirale hinab.

Natürlich war es auch ein unangenehmes Gefühl, immer wieder zu fordern „Hier noch etwas … da noch mehr … dort gefällt es mir nicht …“, gerade, weil ich durch bestimmt 10 Paar Argusaugen beobachtet wurde und ich es auf Englisch zu Angel sagen und dieser es übersetzen musste. Es klang wie eine eiskalte Forderung und ich bevorzuge es normalerweise, meine Forderungen netter zu verpacken bzw. mit freundlichen Aussagen zu begleiten, damit mich die Menschen „trotzdem noch mögen“. Also ehrlich, wenn ich es hier aufschreibe, klingt es nicht sehr schmeichelhaft für mich … Jedenfalls hatte ich in diesem Friseursalon das Gefühl, ich wäre nur ein Objekt, für das übersetzt und an dem herumgeschnippelt wird, bis es endlich zufrieden ist und Ruhe gibt – und die Menschen dort gar nicht die richtige, freundliche Katharina kennenlernen. Andererseits habe ich mir gedacht, es gibt später niemanden verantwortlich zu machen außer dich selbst, wenn du nicht sagst, was dir nicht passt. Wenn du dich nachher nicht gut fühlst mit deiner Frisur, dann kannst du nicht meckern und niemandem die Schuld geben, weil du nichts gesagt hast. Und so habe ich meine Kritik-Angst und den Gedanken „Was denken die Leute von mir?“ zur Seite geschoben und genau das gefordert, was ich wollte.

Und soll ich euch was sagen? Das hat sich stark angefühlt. Richtig stark. Für das einzustehen, was ich haben wollte und mich nicht verunsichern zu lassen von den lang- und glatthaarigen Mädels mit ihren 5cm Fingernägeln und perfektem Barbie-Makeup, mich nicht beirren zu lassen durch den zweifelnden Blick des estilistas und mich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen durch Angels gefurchte Stirn – das war aus meiner jetzigen Sicht eine richtig starke Leistung. Und irgendwie haben die Menschen so doch die richtige Katharina kennengelernt: die starke, mutige Weltenbummlerin, die sich nicht an die Erwartungen anpasst, wie sie auszusehen und wo sie zu arbeiten und was sie zu tun hat.

***

Das war’s von meinem Friseurabenteuer. Ich glaube, das nächste Mal traue ich mich auch, alleine dorthin zu gehen, denn der Friseur kennt mich und meine Haare jetzt, ich kann gestikulierend erklären, was ich möchte und ich weiß, wo der Laden liegt und wie das Prozedere funktioniert. Dadurch, dass ich mich einfach in die Situationen begebe, vor denen ich anfangs eher zurückgeschreckt bin, erlange ich Stück für Stück mehr Selbstbewusstsein und Selbständigkeit und das fühlt sich richtig gut an.

Was sagt ihr zur neuen, alten Frisur?
Un abrazo grande! x

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