Aventuras Nuevas – Das Land der 1000 Möglichkeiten

Hallo liebe Lebensmaler,

ich hatte ja erwähnt, dass mir hier viel hinterhergeschaut und -gerufen wird und wie unangenehm mir diese Aufmerksamkeit war. An der Aufmerksamkeit hat sich nichts geändert, an mir allerdings schon ein bißchen – oder vielleicht eher in mir. Ich hatte mehr Zeit, darüber nachzudenken und gehe jetzt ganz anders mit der Aufmerksamkeit um.

Unangenehm war mir die Aufmerksamkeit vor allem, weil ich nicht wusste, wie ichspotlight angemessen mit ihr umgehen kann – ist das etwas Positives, was mir nachgerufen wird? Sollte ich lächeln und nicken oder lieber die Stirn krausziehen und den Kopf schütteln? Dass ich nicht wusste, wie ich reagieren sollte, war für mich auch deshalb unangenehm, weil ich fürchtete, dass alle Welt nun erahnen würde, dass ich kaum bzw. nicht sehr gut Spanisch spreche. Für mich ist es immer unerfreulich, wenn etwas beleuchtet und präsentiert wird, was mir selbst nicht so gut gefällt. Und da ich wegen meines Aussehens hier eh schon auf dem Präsentierteller im Scheinwerferlicht stehe, wollte ich vermeiden, dass auch noch „ans Licht kommt“, dass ich kein/kaum Spanisch spreche.

Ich habe mit Vera, mit Angel und mit ein paar anderen Freunden über diese Aufmerksamkeit und die Gefühle gesprochen, die ausgelöst werden, wenn ich angestarrt werde – das tat unglaublich gut, denn sie waren sich unabhängig voneinander alle total einig. Ihr gemeinsames Verdikt war: „Die Leute sind interessiert an dir. Du bist neu und anders und ungewöhnlich, aber sie wissen nicht so recht mit dir umzugehen.“

Das habe ich mir durch den Kopf gehen lassen, habe es hin und her gewendet und von allen Seiten beleuchtet – und dabei habe ich gemerkt, dass es den Leuten mit mir so gehen muss wie mir mit diesem Gedanken. Ich habe begonnen, das mir fremde und mich beunruhigende Verhalten als Chance zu sehen – ich erhalte jeden Tag tausend Einladungen, mit unglaublich vielen verschiedenen, neuen Menschen in Kontakt zu treten, tausend Möglichkeiten sozusagen. Mit dieser Einstellung ging es mir besser und ich begann, die viele Aufmerksamkeit (in den meisten Fällen) schön zu finden. Ich bin einfach nicht dieses Mädchen, das verlegen und verschlossen auf den Boden schaut, niemanden anlächelt, aus Angst, sonst ein Gespräch führen zu müssen und sich so irgendwie auch selbst isoliert – völlig konträr handelnd zu dem Wunsch, hier zu Hause zu sein.

Zusätzlich zu dieser Änderung des Blickwinkels habe ich begriffen, dass ich mit der Mitgliedschaft im Club auch meine Eigenverantwortung zurückbekommen habe: ich kann nicht nur in den Club gehen, ich bin jetzt selbst dafür verantwortlich, dass ich dorthin gehe. Es liegt nicht mehr in jemand anderes Verantwortung, ob ich gehe – nein, es liegt in meiner Hand, meinen Füßen, meinem Kopf.

Und es stellte sich heraus, dass der größte Schweinehund, den ich überwinden musste, der in meinem Kopf war. Er drückte sich zitternd in die Ecken meines Oberstübchens, schweinehundund winselte und jaulte, dass es doch peinlich sei, wenn man uns nicht verstünde, dass es sich blöd anfühlen würde, dass wir angestarrt würden, dass es mir sicher unangenehm sei, wenn alle dächten, ich sei doofer, als ich eigentlich tatsächlich bin.

Und natürlich hatte er Recht – es ist mir peinlich, wenn mich die Leute nicht verstehen oder ich sie nicht, es fühlt sich blöd an, angestarrt zu werden und es ist mir tatsächlich sehr unangenehm, wenn ich das Gefühl habe, die Leute halten mich für nicht so helle. Aber das wird sich nicht ändern, wenn ich nicht rausgehe und übe, übe, übe. „Nur durch’s Fallen lernt man das Laufen“, hat meine Lieblingslehrerin in der Ausbildung immer gesagt, und diesen Spruch habe ich verinnerlicht, ich liebte ihn so sehr, dass er einer der Grundsätze meiner Arbeit wurde. Blöd bloß, dass es so schwer ist, ihn auch bei mir selbst anzuwenden.

Eines Nachmittags aber, als der Schweinehund grad faul in der Sonne lag, kam mir der Gedanke: „Ich könnte heute neue Schuhe kaufen.“ Blitzschnell schoss ich hoch, packte alles, was ich brauchte und marschierte los. Ich unterband alles Winseln und Jaulen und Fiepen, ich ließ nicht zu, dass ich irgendetwas dachte, bis ich in der Mall im Schuhladen stand und es peinlicher gewesen wäre, zu gehen als zu bleiben. Nach etwa einer halben Stunde verließ ich den Laden – mit meinen neuen Sandalen (die laut Verkäufer sehr gut zu meiner „weißen Haut“ passten) und der Telefonnummer ebendieses Verkäufers, die mir mit der dringenden Ermahnung, ihm unbedingt zu schreiben, überreicht wurde.

Und was soll ich sagen? Das passiert oft. Die Menschen, die mich ansprechen, wenn ich alleine unterwegs bin oder die über Anja versuchen, mit mir in Kontakt zu kommen, waren immer sehr freundlich und interessiert. Viele wollen wissen, was ich hier mache, wie lange ich schon hier bin, wie es mir gefällt, ob es anders ist als zu Hause … und wenn sie hören, dass ich erst 7 Wochen hier bin (heute sind es 8!), dann reißen sie erstaunt die Augen auf und meinen, dass ich für diese kurze Zeit schon sehr gut Spanisch spräche. Sie machen mir Mut, indem sie sagen, dass ich keinen erkennbaren Akzent hätte, dass Spanisch sehr kompliziert sei und dass es normal sei, es schwer zu finden, sie meinen, ich sei sehr mutig und manche geben mir ihre Nummer und sagen, wenn ich etwas brauche, dann solle ich ihnen Bescheid geben …

Ich hatte, wenn ich so darüber nachdenke, viele, viele tolle Begegnungen. Die Schwimmclique im Club, die sich einen Arm ausgerissen hat, um mir eine ihrer Schwimmbrillen anzubieten; Samuel, der Schwimmlehrer; die beiden, die mir total freundlich die Öffnungszeiten des Fitnessstudios vorgelesen haben; die Frau, der ich ihre weggewehte Mütze aufgesammelt habe; der Typ, der mir lauthals Küsse zugeworfen hat und mich heiraten wollte – und die beiden Frauen, die das erst auf sich bezogen haben; unser Park-Freund, dessen Namen ich nicht weiß, aber den seines Hundes; der Kioskbesitzer; die zwei Frauen, die zwar keine profesoras waren, „pero mamas!“ mit Santiago und Luisa; der Papa, der nicht herausfinden konnte, woher mein Akzent kommt und der Englisch mit mir gesprochen hat; gestern der wundervolle 5-jährige Aron, der mich zum Abschied umarmte, mit seinem tollen Großvater; die Sicherheitstypen im Ventura oder im Metro; der eine Verkäufer, der sich im éxito so freundlich (und langsam) mit mir unterhalten hat; Andrea aus dem Nagelstudio; viele Fitnesstypen im Park; Juan Pablo und seine Mama; unsere Portiers und die Reinigungsfrau, die mich immer anlächeln und mir helfen mit Anja; die beiden Bauarbeiter aus dem Park; „unser“ Eisverkäufer mit der Krücke; die 4er-Clique im Juan Valdez, die mir immer irgendwas zugerufen haben; die Angestellten im Juan Valdez, die mir erlauben, während des Saubermachens sitzen zu bleiben („No, tranquila!“); die Postobon-Lieferanten … die Liste ist eigentlich ziemlich endlos.

Ich habe beschlossen, einfach dieses Mädchen zu sein, dass man gerne ansprechen würde, weil es strahlt, weil es sich wohlfühlt, weil es Spaß zu habenheart und witzig zu sein scheint, weil es sich Dinge traut und weil man es deswegen gerne in seinem Bekannten- oder Freundeskreis hätte. Ich möchte, dass die Leute sich trauen, mich anzusprechen, weil sie das Gefühl haben, ich antworte bestimmt freundlich, egal, was sie sagen.

Und es klappt. Ich trete viel mehr in Kontakt mit Menschen und traue mich, zu sprechen, ich gehe aufrechter und habe Freude daran, Gespräche zu führen. Wenn ich zum Beispiel mit der Mama durch die Straßen gehe und uns der Postobon-Lieferant (Getränkemarke) zuwinkt, dann meint sie: „Wow, der ist echt dein Freund!“, wenn wir an der Baustelle vorbeigehen und niemand mehr pfeift, meint sie: „Du hast ganz schön Eindruck gemacht auf die Bauarbeiter!“ oder wenn Samuel im Club über das Schwimmbecken hinweg meinen Namen schreit und lacht und winkt, dann meint sie: „Wow, der mag dich echt gerne!“

Ich würde nicht so weit gehen, zu sagen, dass ich viele Freunde habe, aber es fühlt sich ein klitzekleines bißchen natürlicher an, mal hier und da ein „Hallo“ zugerufen zu bekommen oder selber jemandem zuwinken zu können. Ich traue mich mehr, sodass mehr schöne Dinge passieren, und darum traue ich mich dann noch mehr und dann  … und dann …   🙂

Un abrazo grande con una sonrisa radiante! x

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