Aventuras Nuevas – Umgebung und zu Hause

Hallo liebe Lebensmaler,

ich habe es ganz am Anfang versäumt, euch zu erzählen, wo und wie ich eigentlich wohne. Das ist irgendwie untergegangen im Gefühlschaos und dann gab es so viel zu erzählen und ich wusste nicht so richtig, wo anfangen. Heute werde ich euch also endlich Bilder meines Zimmers, unseres Gebäudes und der Umgebung zeigen.

Entonces … Ich wohne in Cúcuta, das ist die sechstgrößte Stadt Kolumbiens und die Hauptstadt des departamentos „Norte de Santander“. Sie liegt im Nordosten Kolumbiens und direkt an der Grenze zu Venezuela. Die Stadt ist in mehrere barrios aufgeteilt, und ich lebe im barrio „La Riviera“, einem der reicheren Bezirke. Das Straßensystem habe ich halbwegs durchschaut, aber ich finde mich trotzdem nur dort zurecht, wo ich öfters langgehe oder wo es in der Nähe Orientierungspunkte gibt, die mir helfen, zu ahnen, in welche Richtung ich mich fortbewegen muss. Das geht aber anscheinend nicht nur mir so, sondern auch cucuteños, die sich außerhalb ihres barrios befinden.

Allgemein gibt es in Kolumbien ein Straßensystem, das vom spanischen System übernommen wurde und als sehr einfach gilt: es gibt calles (abgekürzt C oder Cl), die von von Osten nach Westen laufen, und carreras (abgekürzt Cra, Kra oder K), die von Norden nach Süden laufen. Die Nummern werden entsprechend höher, je weiter man sich nach Westen bzw. Süden bewegt. In Cúcuta werden carreras allerdings avenidas genannt und während in anderen Städten Kolumbiens die carreras mit der Nummer 1 beginnen, geht es hier mit der avenida cero los. Adressen sind anders aufgebaut als deutsche, und sie sagen einem Suchenden auch ganz genau, wo sich das Haus oder Gebäude befindet, das gesucht wird.

Ich werde euch mal meine Adresse geben (links) und dazu erklären, welches die einzelnen Bestandteile sind (rechts):

adresse

Was mich immer noch verwirrt, ist die #7-10 Komponente der Adressen. Genauer geht eine Ortsangabe hier eigentlich nicht, aber ich finde mich trotzdem schwer zurecht damit. Hier gibt es zum Beispiel auch keine bzw. kaum Straßenschilder, man muss sich ausschließlich an den Angaben an den Häusern orientieren. Obwohl es ein Postleitzahlensystem gibt, weiß niemand seine Postleitzahl, sie wird nicht benutzt. Was auch anders ist: hier haben die Gebäude Namen, warum, weiß ich auch noch nicht, weder Angel noch meine Gastmama konnten mir das erklären. Unser Gebäude heißt „Caranday“, das ist eine südamerikanische Palmenart, und sie ist auf den Türen unseres Aufzugs abgebildet (s.u.), der uns in den 7. Stock in einen kleinen Vorflur fährt, von dem aus wir durch die riesige Eingangstür ins apartamento treten. Neben den Türen unten im Foyer hängt auch eine kleine Tafel, die erklärt, was es mit der namengebenden Palme auf sich hat – verstehe ich bloß leider nicht, weil es auf Spanisch geschrieben steht😉

El Edificio Caranday ist ein hohes und großes Gebäude, das schon etwas älter ist. Auf allen Ebenen sind zwei apartamentos, wir haben den 7. Stock für uns ganz alleine, ca. 400m² sind es wohl, meinte meine Gastmama. Ich finde die Straßenlaterne mit dem altmodischen Schild vor unseren Treppen total schön. Nachdem man die Stufen erklommen hat, wird von innen vom Portier der Türöffner betätigt und man steht im Foyer. Riesig, kühl und spartanisch eingerichtet, immer abgedunkelt durch die getönten Fensterfolien. Hinterm Rezeptionstresen warten wechselnde Portiers – einer kommt nur am Wochenende, die beiden anderen unter der Woche. Manchmal empfangen sie uns mit Post oder anderen Sendungen, fast immer aber mit einem Lächeln. Javier (keine Ahnung, ob ich den Namen richtig schreibe) besonders – er ist ziemlich toll, versucht oft, mit mir zu sprechen und ist total liebevoll zu Anja. Der andere unter-der-Woche-Portier war anfangs sehr reserviert, da es zwischen meiner Gastfamilie und ihm Unstimmigkeiten gegeben hatte. Ich habe beschlossen, so zu tun, als wisse ich nichts davon, und habe ihn immer freundlich gegrüßt, angelächelt und mit Anja zusammen angesprochen. Nach einer Weile wurde er weniger frostig und jetzt lächelt er mich immer an, hält uns die Tür persönlich auf und sagt auch ein paar Worte auf deutsch. Für mich ist es immer noch komisch, nicht einfach unbe(ob)achtet kommen und gehen zu können, wie es mir passt, sondern mich manchmal unter den Augen der Portiers so zu fühlen, als sei ich 15 und schleiche mich auf eine verbotene Party oder käme von einer solchen heim. Außerdem tut es mir so Leid, wenn ich mitten in der Nacht heimkomme und sie wecke – die Armen!

Auf der nordöstlichen Seite (wenn ich mich nicht irre) des Gebäudes liegt ein kleiner Platz, der von oben sehr grün aussieht, es von unten aber leider nicht ist. Der „Spielplatz“, den es an einer Ecke gibt, ist z.B. sehr kahl und scheint irgendwie aus einer anderen Zeit zu kommen. Schade ist das, denn sonst könnte ich mit Anja auch dorthin gehen, wenn wir mal nicht so viel Zeit haben. Trotz der Kahlheit gehe ich hier oft mit der Süßen, dem Hund der Familie, eine kleine Mittags-oder Abendrunde, ansonsten beobachte ich gerne vom Balkon aus die Basketballspieler/innen auf dem kleinen Feld an einer Seite des Platzes, genieße die Aussicht oder bestaune das tolle Muster des Platzes. Oft sitzen hier kleine Grüppchen von Menschen, die sich einfach unterhalten, ein bißchen vorglühen, Pärchen, die in einander verschlungen sind, Hundebesitzer, die mit ihren Schützlingen eine Runde drehen, Menschen, die auf den Mauern im Schatten der Bäume ihre siesta halten … es gibt eigentlich immer was zu gucken.

Wobei man auch immer gucken und die Augen offen halten sollte, sind einfache Spaziergänge. Einfahrten, Schrägen und der „ebene“ Bürgersteig sind einfach irgendwie aneinander gebaut, sodass man schon fast Wanderschuhe braucht, um sich nicht die Knöchel zu verknicken. Fragt mich nicht, wie die Kolumbianerinnen das auf ihren Highheels meistern. Außerdem ragen aus dem Boden gerne mal irgendwelche Haken, in denen man hängen bleibt, stürzt und sich an der Schulter verletzt (ja, es tat weh!). Die Bürgersteige sind hier auch anders als in Deutschland: erstens sind sie oft mit sehr glatten Fliesen gefliest, sodass man bei Regen oder Wischwasser schneller auf dem Rücken zappelt wie ein Käfer, als man gucken kann. Und zweitens: Wischwasser? Ja, Wischwasser. Hier werden mindestens 2x die Woche die Bürgersteige erst gefegt und dann gewischt. Mir erschließt sich der Sinn dieser Aktion nicht so ganz, da sich der Dreck aufgrund des ständigen Windes eh so schnell verteilt und dann auf nassem Umtergund doch noch eher haften bleibt! Warum also Zeit und andere Ressourcen verschwenden? Gerade im Hinblick auf die Tatsache, dass die meisten Menschen hier ihren Müll dort fallen lassen, wo sie gerade damit fertig werden. Andere Länder, andere Sitten. Die Straßen sind auch oft ziemlich löcherig und schwer zu navigieren, da gefahren wird, wo gerade Platz ist und man sich nie sicher sein kann, aus welcher Richtung gleich das nächste Auto hupend angerast kommt, um einen die Zehen abzufahren. Der Kante zwischen Bürgersteig und Straße ist oft auch richtig hoch, sodass es sehr schwierig ist, mit dem Kinderwagen hoch und runter zu gelangen. So langsam gewöhne ich mich und weiß, wo ich gut langgehen kann, wer mir Platz macht und wo ich aufpassen muss.

Wenn ich dann also alle Unebenheiten, Gefahren und glitschigen Untergründe erfolgreich gemeistert habe, durch das Foyer geschritten und in den 7. Stock gefahren bin, trete ich durch unsere breite, braune Wohnungstür in den Eingangs-/Wohnbereich, ziehe meine Schuhe aus und gehe durch den langen Flur in mein Zimmer. Auf dem Bild vom Gebäude (s.o.) ist das Fenster an der Ecke, die zu uns zeigt, meins. Von der Wohnung werde ich euch keine Fotos schicken, um die Privatsphäre der Familie zu achten, aber mein Zimmer, meinen Lieblingsplatz und natürlich den Ausblick werde ich mit euch teilen. Mein Zimmer besteht aus dem Schlafzimmer und ist verbunden mit einem Ankleideraum, durch den ich ins angeschlossene Bad komme. Das Zimmer wirkt erstmal ziemlich groß und weiß, ist aber auch sehr hell, da eine Seite zu ¾ aus Fenster besteht. Ich arbeite noch daran, dass es sich heimeliger anfühlt, aber es ist bereits besser geworden als am Anfang. Wie schon in Australien oder zu Hause in bspw. meiner Küche habe ich als erstes Zitate gestaltet und angebracht. Die wichtigsten hängen an meinem Bett und sprechen mir oft Mut zu. Auch um meinen Schreibtisch herum habe ich motivierende Sprüche platziert und ich liebe es, sie anzusehen und durchzulesen. Meine sehr dezimierte Schmuckkollektion habe ich mit Bügeln aufgehängt, da ich hier nichts an die Wand anbringen kann, dass etwas mehr Gewicht trägt. Das hat mich trotzdem nicht davon abgehalten, die Postkarten, die Tonnen von Freundschaft und Liebe zu mir getragen haben, aufzuhängen. In der braunen Tüte hat Angel mir eine Süßigkeit mitgebracht hat – und das hat mich so gefreut, dass sie ebenfalls einen Platz an meiner Postkartenwand bekommen hat. In und auf den Kommoden befinden sich Krimskrams, Dokumente und meine Bücher – viel zu wenig noch, aber darum kümmere ich mich in Zukunft.

Es hat eine ziemliche Weile gedauert, bis ich meinen Schreibtisch bekommen habe, aber seit er da ist, bin ich glücklich. Ich sitze jeden Tag hier und schreibe etwas, bereite etwas für die Deutschstunden mit Ángel vor oder mache meine Spanischhausaufgaben. Ich finde, der Tisch ist einfach zu klein für alles, was ich brauche, und darum habe ich mir mit der Erlaubnis meiner Gastmama einen Tisch danebengestellt, auf dem ich verschiedene Sachen, die ich nicht ständig brauche, aber doch griffbereit haben muss, lagere. Wie schon erwähnt, hängen in meinem Blickfeld auch hier ganz viele verschiedenen Zitate oder Motivationssprüche. Wöchentlich kommen mehrere hinzu. Außerdem hängen hier auch zwei Karten, die ich von zu Hause mitgebracht habe: eine von Vera (die hing auch schon in meinem Flur) und eine, die ich sowohl von meinen Kollegen im Kindergarten als auch von meinem Kollegen in der Kinder-und Jugendhilfe zum Abschied bekommen habe. Ich liebe den Spruch total und dass beide Teams diese Karte unabhängig voneinander für mich ausgewählt haben, machte und macht mich immer noch sehr glücklich.

Wenn ich durch die Tür neben dem Schreibtisch gehe, stehe ich schon einem kleinen Schrank-Viereck. So viel Schrank könnte ich in meinem ganzen Leben nicht füllen, bilde ich mir gerne ein, und auch jetzt nutze ich nur ein paar Regelbretter und Bügel. Viel neues ist auch noch nicht hinzugekommen, da es hier in Kolumbien unglaublich schwierig ist, etwas zu finden, dass mir passt und gefällt. Jedenfalls geht’s von diesem Schrank weiter ins Badezimmer, das direkt hinter der Wand an meinem Schreibtisch liegt. Ich liebe diesen altmodischen Waschbeckenschrank und den großen Spiegel – auch hier hängt die kleine Karte, die mir schon in Deutschland morgens vorm Spiegel Mut zugesprochen hat. „Keine Panik, das wird schon“, quakt mir eine Ente entgegen, der das Wasser im wahrsten Sinne bis zum Hals steht. Ansonsten ist mein Bad mit einer Duschbadewanne, einer Toilette und einem Bidet ausgestattet. Manchmal fühlt es sich alles an wie ein Hotelzimmer … aber ich tue mein Bestes, um meine persönliche Note im Raum zu verteilen.

Und dann ist da noch der Ausblick. Es ist ziemlich schön, was ich so sehe. Wir haben fast einen Rundum-Blick und wenn morgens um 4 Uhr die Sonne aufgeht, ist das wie ein magischer Moment. Der Himmel ist verlaufene Wasserfarbe und die Stadt sieht so friedlich aus unter der noch dunklen Decke, die die Nacht über sie geworfen hat. Das zweite Foto ist eins meiner Lieblingsfotos, weil ich es als so friedlich und heimelig emfpinde, wie sich die Bäume und die Häuser ihren Platz teilen, wie sich die Häuser zwischen die Bäume zu kuscheln scheinen und die Bäume ihre Äste ausstrecken. Wenn ich morgens aufwache, dann kann ich an schon am Licht der Sonne erkennen, ob es ein heißer Tag wird oder nicht – ich finde es schön, wie die Strahlen über den Rand der Berge in die Stadt fließen. Tagsüber leuchten dann die Farben so richtig intensiv, und nachmittags scheint alles von einem Filter überzogen zu sein: es wirkt alles warm und golden und weicher. Vom Balkon aus kann man im Hintergrund schon die Teile der Berge erkennen, die zu Venezuela gehören. So dicht dran sind wir. Auf dem Balkon sitze ich unglaublich gerne, ich habe dort einen kleinen Lieblingsplatz, von dem aus ich die Sonne, den Himmel und die Umgebung beobachte. Ich esse dort oft mein Frühstück und mag es, den Tag „für mich“ zu beginnen. Nachts oder abends sitze ich gerne auf dem Bett am Fenster, das ich meist nur als Ablage oder Sofaplatz nutze, und schaue mir die Lichter der Stadt an, lausche der Musik, die aus verschiedenen Richtungen an mein Ohr dringt und lasse mir den kühlen Wind um die Ohren wehen. Ich finde, die Lichter in der Ferne haben etwas magisches, so als seien Hügel extra festlich mit Lichterketten geschmückt worden, jede Nacht auf’s Neue. Oft wird auch der Himmel von Mutter Natur festlich beleuchtet: Wetterleuchten ist keine Seltenheit hier und ich finde es spannend, die aufblitzenden Lichter anzusehen.


Das war es dieses Mal, ich hoffe, ihr habt einen besseren Eindruck bekommen von dem, was mich hier umgibt und könnt euch etwas mehr vorstellen, wie die Umgebung draußen so aussieht. Ich freue mich immer noch über Fragen zu meinem Leben, zu Land und Leuten, höre gerne eure Meinungen und Vorschläge für neue Posts nehme ich auch gerne an. Es bedeutet mir viel, das ihr mitlest und so auch dabei seid.

Verzeiht, wenn ich etwas unregelmäßig und durcheinander poste, aber es geht drunter und drüber und es ist gerade sehr viel (und leider nicht nur Schönes) zu organisieren und zu entscheiden. Ich versuche trotzdem, euch teilhaben zu lassen, an diesem verrückten Leben.

Un abrazo grande! x

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