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Aventuras Nuevas – Bucaramanga 3

Weiter geht es mit Tag 3 (und 4) in Bucaramanga! Hier Teil 1 und Teil 2.

Morgens habe ich in dem kleinen Lädchen unten an der Ecke Obst, Brot und Eier gekauft, und diese dann prompt liegen lassen … Hier werden Eier einfach in eine kleine Plastiktüte gesteckt und die hatte ich auf dem Tresen übersehen. Ich habe sie dann nachgeholt und uns Frühstück gemacht, diesen Morgen hat Angel abgewaschen und aufgeräumt und dann haben wir uns auf den Weg ins Shoppingzentrum „Cacique“ gemacht, wo wir unter anderem durch die Läden gestrichen sind, einen Freund von Angel getroffen und schließlich Mittag gegessen haben. Ich habe ein paar Kleidungsstücke anprobiert, aber ich mag es nicht, wenn jemand auf mich warten oder ich Kleidung präsentieren muss, sodass das recht fix vorbei war. Wir haben uns einfach viele verschiedene Läden angeschaut, ich habe Highheels anprobiert, die er mir verboten hat zu kaufen, weil ich damit noch viel größer bin als er, wir haben nach Fußkettchen und Piercings gesucht und uns schließlich für ein Mittagessen von Subway entschieden. Das haben wir dann in dem Teil des Einkaufszentrums eingenommen, der einen wunderbaren Blick auf die Stadt bot.

 

Nachdem wir in diesem Einkaufszentrum genug gestöbert hatten, sind wir nachmittags mit einem Bus in den Stadtteil „Floridablanca“ gefahren. Wir sind an einer Ecke ausgestiegen und durch die Straßen zu einem parque gelaufen, wo wir ein paar Fotos gemacht haben von Kirchen und Gebäuden, und ich mit einem Kind gespielt habe – ein kleines Energiebündel, das es genial fand, von einem Podest in die Arme seiner Mama zu springen, um dann wieder zur Treppe zu laufen …  Auf dem Weg zu diesem Platz haben wir an einem Auto gestoppt, dessen Kofferraum eine kuriose Sammlung an Dingen offenbart hat. Komische Schwämme, Stöcker und was weiß ich nicht noch alles … ich habe ein Stück dieses Schwammes gekauft, den ich ein paar Wochen später als Badeschwamm in Weihnachtsgeschenkpapier gewickelt habe.

Aber zurück zu unserem eigentlichen Ziel in Floridablanca: viele unserer Freunde hatten uns geraten, dort die obleas zu probieren, und das hatten wir vor. Obleas sind riesige oblaten-ähnliche Waffeln, die man mit ganz vielen verschiedenen süßen Zutaten/Aufstrichen essen kann, wie ein Sandwich werden sie serviert. Die obleas in Floridablanca, wie sowohl der Stadtteil als auch das Restaurant (Obleas Floridablanca) hießen, waren extragroß und extrateuer, weil es eben eine touristische Sache war. Wir haben uns gleich auf den Weg zu dem Restaurant gemacht, wo wir schließlich im überfüllten Eingangsbereich die Karte studiert haben. Die angebotenen obleas hatten dann auch wundervolle Namen wie etwa Afrodisiaca, Amor de tres, Divorcio, Mi Gran Amor und Amor Eterno. Das Aussuchen war also dementsprechend mit viel Witzelei verbunden 😉 Ich habe mich für Chocoblea entschieden, also eine Waffel mit Schokolade, Arequipe (Karamellcreme) und Sahne, Angel hat, glaube ich, Eclipse (Arequipe, Käse und Erdbeercreme) gewählt. Wir haben ewig viel dafür bezahlt, bestimmt fast 6.000COP für meine und ein bißchen weniger für seine Waffel. Stühle bzw. Tische zu finden war ein Akt, aber wir haben es geschafft und den Tisch später mit einer Familie geteilt, während wir unsere superleckeren Kalorienbomben vertilgt haben. Ich habe meine nicht geschafft und sie mir mit viel Kleberei für später eingepackt.

Danach sind wir wieder Richtung Hauptplatz gegangen und haben uns dort ein Taxi gesucht, das uns zum Cristo fahren sollte. Der Cristo ist eine riesige Statue des Christus auf einem hohen Berg, die mit einer Seilbahn zu erreichen ist. Das Areal nennt sich Cerro del Santisimo – „Hügel des Heiligen“ in etwa. Meinen Infos zufolge wurde die Konstruktion des Cristo im Jahr 2014 begonnen und der „Ecoparque“, wie das Areal auch gennant wird, in 2015 für Besucher eröffnet. Der Cristo misst 37 Meter an Höhe und ist somit 17m größer als die berühmte Christus-Statue in Rio de Janeiro, Brasilien.

Geplant war eigentlich, zum Cristo zu laufen, aber es war erstens schon spät und Angel wollte mit mir den Sonnenuntergang angucken, und zweitens wussten wir den Weg auch nicht. Es hat sich als vernünftig herausgestellt, das Taxi zu nehmen, denn wir hätten mehrere Kilometer bergan in völliger Dunkelheit wandern müssen und wären erst mitten in der Nacht angekommen. Der Taxifahrer hat uns abgezockt, was den Fahrpreis anging (8.000 COP!!), aber wenigstens waren wir pünktlich an der Basis. Die Seilbahn, mit der man von der Basis auf den Hügel fährt, der den Cristo beherbergt, überbrückt 1380 Meter Distanz und man hat einen wundervollen Ausblick auf die Stadt und die grünbewaldeten Flächen. Wir haben für je 22.000COP (7€) die Tickets für die Seilbahn gekauft und sind über den dunklen, begrünten Bergwände auf den cerro geschwebt.

Oben angekommen war es eine Farb- und Geräuschexplosion – zumindest für mich. Ruhig (visuell sowie akkustisch) kann Kolumbien einfach nicht. Überall waren weihnachtliche Lichter in allen möglichen Farben angebracht, dazu Scheinwerfer, die alles beleuchteten, was nicht durch die Lichterketten illuminiert wurde, und natürlich waren die Besucher auch ziemlich laut. Der Ausblick über die Stadt war aber dann wirklich spektakulär. Alles leuchtete in weiß und orange und es war magisch. Ein paar Fotos sind mir gelungen. Ich muss sagen, dass ich den Cristo am wenigsten beachtet habe, obwohl er ja eigentlich die Hauptattraktivität war … aber was soll ich eine große, weiße Statue anstarren, die nichts tut, wenn ich mich an einem zauberhaften Stadtpanorama sattsehen kann? Wir hatten dann das Glück, dass es eine Tanzshow gab, die wirlich beeindruckende Tänzer und Stile präsentiert hat, und danach gab es Wasserspiele, sowohl „Choreographien“ nur mit Wasserfontänen als auch bebilderte Wasser“vorhänge“. Wir haben uns auf den Stufen niedergelassen, die Tänze bestaunt und beklatscht, die Wasserspiele genossen und ich habe meine restliche oblea aufgegessen, während ich zwischen Angels Beinen eingekuschelt saß und mich sehr wohl gefühlt habe. Wir haben gescherzt und gefachsimpelt und die Zeit zusammen genossen.
Wer mehr sehen möchte, kann gerne auf diesen Link klicken und sich verschiedene Videos ansehen (z.B. unter dem Feld „El Santisimo“). Als es immer später und unkler wurde, haben wir uns entschlossen, mit der Seilbahn wieder zurück zur Basis zu fahren und haben von dort ein Sammeltaxi/einen Bus zurück nehmen können, das/der für jeden von uns 2.000COP gekostet hat. Dieser hat uns auf einem „Park&Ride“-ähnlichen Parkplatz abgesetzt, von wo aus uns ein Freund von Angel abgeholt hat. Der hat uns zu einer Pizza eingeladen und ich habe mich mit seinen Cousins auf Spanisch unterhalten, während Angel und er sich ausgetauscht haben. Es war ein schöner Abschluss, und der Freund hat uns dann ganz in der Nähe von unserem zu Hause rausgelassen, soass wir nicht lange laufen mussten. Wir haben uns sehr viel verfahren auf dem Nachhauseweg und mussten lachen, weil dies mit viel Geschrei einherging … „Hier links, nein doch rechts, argh! – Nein HIER links, nicht da!“ Irgendwann standen wir dann in der Nähe unseres zu Hauses, liefen heim und fielen müde ins Bett, nachdem wir uns verabschiedet und für die Gastfreundschaft bedankt hatten.
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Am nächsten Tag schliefen wir relativ aus, packten unsere Sachen und nach dem normalen Prozedere (Frühstück und Abwaschen) verließen wir die Wohnung, um uns mit Hab und Gut auf den Weg zum Busterminal zu machen. Wir fuhren mit dem Taxi, Angel organisierte uns Plätze im Bus nach Hause und wir hatten gerade noch Zeit, ein bißchen etwas zu Essen und Reisekrankheitstabletten zu kaufen, dann ging es auch schon los. Ich weiß auch nicht, was das dieses Mal war, aber es war megakalt in diesem Bus, obwohl es Tag war. Die Klimaanlage war an und der Fahrtwind wehte durch die offenen Fenster, obwohl uns allen kalt war, und mir wurde ganz ganz schnell eisig kalt. Wenigstens wurde ich dieses Mal von der Reiseübelkeit verschont – Angel erwischte es aber leider, und er verbrachte die meiste Zeit der Reise mit abgeschirmten Augen, zugedeckt auf meinem Herzkissen schlafend. Ich bestaunte zitternd die tolle Landschaft, von der ich auf der Hinfahrt ja nicht so viel sehen konnte aus eben den Gründen, die jetzt meinen armen Freund lahmlegten und zog nach und nach mehr Socken oder Pullover aus meiner Tasche … bis mir ein älteres Pärchen von der Rückbank aus seine flauschige Decke anbot, mit der es sich gegen die Kälte schützte. „Nimm sie schon!“, insistierten beide und ich nahm dankbar an. Bei einem kleinen Zwischenstop auf der Hälfte der Reise wärmten wir uns mit agua miel con queso und kamen dann im Laufe des Nachmittags/Abends wieder in Cúcuta an. Am nächsten Tag ging es wieder zurück in die Familie und am Tag danach zurück in meinen Alltag.
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Ich hatte in Bucaramanga eine schöne Zeit mit Angel und habe es genossen, mehrere Tage alleine mit ihm in einer neuen Stadt zu sein, neben ihm einzuschlafen und aufzuwachen, einfach mal raus zu seinem aus dem ganzen Alltagsgrau, das mein Leben (und seins vermutlich auch) in Cúcuta leider geworden ist, und ein bißchen mehr von Kolumbien zu sehen. Dieser Kurzausflug war ein willkommener Farbklecks, und umso schöner mit ihm.
Danke dafür, dass ihr mitgereist seid, ich hoffe, euch haben die Beiträge gefallen 🙂
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Aventuras Nuevas – Bucaramanga 2

Da bin ich wieder mit dem ersten Tag, den Angel und ich in und um Bucaramanga vebracht haben!

Wir sind, wie gesagt, morgens aufgestanden und hatten die Wohnung für uns alleine. Angel hat uns Frühstück gemacht, das wir von der Couch aus mit Ausblick auf die sonnenbeschienenen Berge genossen haben. Dann habe ich alles abgewaschen, was so an Geschirr um die Spüle herumlungerte, wir haben unseren Rucksack gepackt für den Tag und sind losgezogen. Unsere Wasserflasche haben wir vergessen – das haben wir natürlich festgestellt, direkt nachdem wir die Türen hinter uns zugeschlagen hatten. Logisch! Wir sind dann trotzdem unbetrübt mit einem Bus Richtung Stadtzentrum gefahren und hatten den Plan, uns dort alles ein bißchen anzusehen und dann mit einem Bus zu dem nahegelegenen Parque Nacional del Chicamocha zu fahren.

Das erste, was wir gesehen haben, nachdem wir aus dem Bus ausgestiegen sind, war eine farmacia alemana – anscheinend der Zuwanderung der Deutschen in der 1860er und 70er Jahren geschuldet (mehr Infos hier) – und gleich danach habe ich etwas gesehen, dass ich schon immer probieren wollte: mango espaghetti. Für diesen Snack werden unreife Mangos an kleinen Ständen am Straßenrand geschält, zu Spaghettischnüren geschnitten und dann mit Salz, Pfeffer und Zitronensaft in einem Becher serviert. Ich habe das schon in Cúcuta gesehen, mich aber nicht getraut, alleine einen Becher der Mangospaghetti zu kaufen. Mit Angel an meiner Seite aber doch – und ich durfte sogar Fotos von der Verarbeitung machen. Die Mangos sind, wie gesagt, unreif, und darum haben sie zwar den bekannten Mangogeschmack, aber ohne die starke Süße, sodass die Gewürze und der Saft perfekt die vorhandene Süße ergänzen. Muy rico!

Nachdem wir also mango espaghetti für mich gekauft haben, sind wir über den Platz und durch den Park gewander. Auf der einen Seite gab es verschiedene, offiziell aussehende Gebäude: der palacio municipal wurde flankiert von zwei Gebäuden, deren Namen oder Bestimmung ich nicht herausfinden konnte. Auf allen anderen Seiten gab es Läden, Stände, Shops, Restaurants … alles in einem bunten Durcheinander, inmitten dessen eine angebundene Kuh darauf wartete, ge- bzw. verkauft zu werden. Wir sind dann in eine der vom Park wegführenden Straßen abgebogen und haben uns auf den Weg zum Busterminal gemacht, wo wir unsere Bustickets zum Nationalpark gekauft haben. Auf dem Rückweg von dort hat mich ein älterer Herr angesprochen. „Señorita, ten cuidado con el cecular!“, sagte er und zeigte auf meine hintere Hosentasche, aus der für alle Welt sichtbar mein Handy ragte. Manchmal bin ich einfach zu unvorsichtig! Ich habe mich überschwänglich bei ihm bedankt – das wäre es ja gewesen, wenn ich mein Telefon auf diese Weise verloren hätte. Wir haben uns dann in einem kleinen Laden etwas zu Essen und zu Trinken gekauft und sind weiter durch die Straßen gezogen, bis es Zeit war, den Bus zu besteigen. Wir saßen mit vielen anderen Reisenden in einem mittelgroßen Bus, der uns 54km südlich fuhr.

Wir sind etwa 1 Stunde gefahren und haben diese Zeit mit Gesprächen gefüllt – es war so schön, über alles und nichts mit ihm zu sprechen; darüber, wie wir uns kennengelernt haben, was wir dachten, als wir einander das erste Mal gesehen haben, als wir uns getroffen haben … und so weiter und so fort. Viel zu schnell ging die Fahrt durch Berge und atemberaubende Landschaft für meinen Geschmack. Wir wurden oberhalb des Eingangs des Nationalparkes abgesetzt und wanderten Hand in Hand zur Kasse. Schockschwerenot!, die Preise hatten sich durch die Feriensaison verdoppelt! Wir hatten mit 35.000-40.000COP pro Person gerechnet (~11 – 13€), aber sollten nun 70.000COP (~23€) berappen. Wir hätten dafür zwar alles machen dürfen, was der Park an Extra-Aktivitäten bietet, aber wir hatten weder Kleidung dafür dabei, noch kann ich mit meinem Rücken die Adrenalin-Angebote wahrnehmen. Es gab keine Möglichkeit, ohne alle diese Extras den Park zu betreten, sodass wir uns entschieden haben, nicht zu bezahlen, sondern einfach nur am Rand des Parks entlangzuwandern und die Landschaft zu betrachten – was mir vollkommen reichte. Die Aussicht war spektakulär und das Wetter war ebenfalls spitze.

Der Park wurde 2006-2009 angelegt, um die Schönheit der Landschaft des cañón del Chicamocha für Besucher und Touristen zugänglich zu machen. Dieser cañón ist 227km lang und ca. 2km tief. Der Nationalpark, der 54km von Bucaramanga liegt, zeigt zwar nur einen kleinen Ausschnitt der zerfurchten Berge und leuchtenden Täler, aber das, was man sehen kann, ist wirklich wahnsinnig schön und natürlich. Neben der natürlichen Attraktion des Parks gibt es auch noch viele andere Aktivitäten, mit denen Besucher sich hier die Zeit vertreiben können: u.a. ein Schwimmbad, Klippenschaukeln, eine Schlittschuhbahn, Paragliding, Kayakfahren … und die berühmte Schwebebahn, die von der mesa de los santos startet, um Besucher 6.3km weit über den cañón bzw. nach unten durch den cañón auf die andere Seite zu transportieren. Da wir uns, wie gesagt, dazu entschieden hatten, nur am Rand des Parks entlangzuwandern und von der mesa de los santos aus alles zu bestaunen, machten wir uns dorthin auf den Weg. Wir wurden mit wahnsinniger Aussicht belohnt und kraxelten auf den ausgetretenen Steinwegen ein bißchen nach unten, um alles aus verschiedenen Perspektiven zu sehen. Dank meines Freundes gibt es ausnahmsweise auch mal Aufnahmen von mir – ich verstecke mich ja meist hinter der Linse.

Nachdem wir unsere Augen gesättigt hatten mit dieser überragenden Aussicht, meldeten sich unsere Mägen. Wir schlenderten zurück zum „Marktplatz“, wie ich diesen mit Restaurants und Touristenshops umrahmten Platz nenne, und entschieden uns für eins der Restaurants. Wir ließen uns nieder und freuten uns an der Gesellschaft des jeweils anderen. Lange allein blieben wir jedoch nicht: viele der streunenden Katzen strichen um die Tischbeine, um den ein oder anderen Happen zu erbetteln, und Besucher mit und ohne Hunde ließen sich an den Tischen um uns herum nieder. Nachdem wir unsere Teller leergegessen hatten, machten wir uns an den Nachtisch der besonderen Art: Ameisenpopo! Hormigas culonas sind eine Spezialität des departamentos Santander, genauer gesagt liegen die Hauptproduktionszentren in San Gil und Barichara, und mir wurde gesagt, ich solle die unbedingt probieren.

„Die Ameisen mit dem riesigen Po“ werden in Kolumbien seit hunderten Jahren gegessen und zählen in manchen Gegenden als traditionelles Hochzeitsgeschenk – vermutlich auch wegen des lokal verbreiteten Glaubens, diese Ameise sei ein Aphrodisiakum. Diese Tradition rührt von präkolumbianischen Kulturen wie der der Guanes her. Nur weibliche Tiere, die Königinnen, werden gefangen, da diese erstens einen immens großen Po haben und die anderen Artgenossen zweitens als nicht essbar gelten. Zum Verzehr werden die Beine und Flügel entfernt, die Körper in Salzwasser eingeweicht und schließlich geröstet. Die Ameisen haben laut Ernährungsstudien einen hohen Proteinwert, wenige gesättigte Fettsäuren und einen insgesamt hohen Nährwert. Nur 9 Wochen, in der Regenzeit, während sie ihre Paarungsbereitschaft durch Flüge signalisieren, werden die Königin-Ameisen von den lokal ansässigen Bauern „geerntet“ – das kann schnell schmerzhaft enden, denn diese Weibchen haben starke Unterkiefer und ergeben sich nicht kampflos. Da diese kurzlebige Industrie-Sparte (samt Export nach Kanada, England und Japan) aber eine sichere Einnahmequelle für die meist ärmlichen Bauern der Gegend ist, finden sich jedes Jahr genug „Fänger“. Dadurch, und durch Rivalitäten mit anderen Ameisenvölkern, reduziert sich die Population der hormigas culonas rasant, was Grund zur Sorge über die „Ausrottung“ dieser Art gibt.

Also, wegen mir müsste sich da niemand Sorgen machen – meine Begeisterung hielt sich in Grenzen. Insekten sind schön und gut, wenn ich sie aus der Nähe, bevorzugt aber aus der Ferne, angucken kann – aber essen?! Das war mir dann doch eigentlich etwas zu nah … gleichzeitig dachte ich mir aber auch: „Wo du schon mal hier bist …“ und kaufte mit Gänsehaut und mit schon beim Gedanken an Ameisenpopo gekräuselter Zunge für umgerechnet 2,50€ (8.000COP) die kleine Packung. Angel musste schließlich den ersten Schritt Bissen tun, denn ich konnte mich nicht überwinden, die Ameise in meinen Mund zu schieben … und als ich es doch tat, musste ich dringend mit Wasser nachspülen.

Der Geschmack an sich war nicht so schlimm wie erwartet. Die Ameise war halt knusprig und salzig, mehr nicht. Dass ich auf einem Insekt herumkaute, merkte ich nur daran, dass ich letztenendes überall im Mund Ameisenärmchen und -panzerstückchen kleben hatte. Der Nachgeschmack war seltsam, nicht wirklich zu beschreiben, erdig mit ranziger Erdnuss vielleicht? Ganz merkwürdig. Angel und ich haben beide noch 2, 3 weitere gegessen, wir hatten schließlich teures Geld dafür bezahlt – aber so richtig überzeugt waren wir nicht. Die Packung liegt bis heute unangetastet auf einer meiner Kommoden 😉

Nach dieser exzellenten Mahlzeit ( 😉 ) organisierten wir uns unsere Bustickets nach Hause und dann schlenderten wir den Rest des Nachmittag noch über die verschiedenen Wege, Plattformen und Grünflächen, streichelten zwei kleine Ziegen und verschiedenste Katzen und machten es uns auf den Steinstufen gemütlich, bevor uns unser Bus im Dunkeln auf kurvigen und unebenen Bergstraßen zurück nach Bucaramanga fuhr. Dort angekommen nahmen wir verschiedene Busse zur unserem Quartier, strichen unbehelligt durch die dunklen Straßen (auch dank Angels steter Wachsamkeit, was alles im Entfernten zwielichtig Aussehende angeht) und fielen totmüde ins Bett. Ich hatte besonders mit Reisekopfschmerz zu kämpfen, mir war ganz schwummerig und schlecht, sodass ich vor Angel ins Bett ging, während er mich vor unserer Gastgeberin entschuldigte und noch ein bißchen mit ihr und dem Rest der Familie plauderte, bevor er neben mich ins Bett sank. Wir haben gut geschlafen und konnten für den nächsten Tag gut auftanken, denn …

… auch am dritten Tag hatten wir viel vor – der nächste Post kommt demnächst! 🙂

Un abrazo fuerte!

Aventuras Nuevas – Halloween

Hallo in die Runde,

in diesem Post möchte ich euch von Halloween berichten. Ich selbst bin kein Fan dieses Kommerzfestes der USA, pero los colombianos son locos, was dieses Verkleidungsding angeht! Wochenlang reihten sich in den Supermärkten und sonstigen Shops alle Arten von Kostümen, Schminkutensilien, Haarreifen, Glitzerpailletten und aller andere Krimskrams, den man sich gar nicht vorstellen kann, aneinander. Überall wurde zu Halloweenfesten eingeladen und auch im Club gab es eine große fiesta. Renata, Anja und ich haben uns last minute in Katzen verwandelt und sind auf Samtpfoten zum Club gestrichen. Alles selbst gemacht, mit Mascara-Schnurrbarthaaren und Pappohren … Es war eigentlich ganz schön, aber verstörend war, dass selbst kleine Kinder, also bspw. 3-jährige Mädchen, schon als sexy Superwoman, Bauchtänzerin oder Kätzchen verkleidet werden – supershorte Shorts, eng anliegende Tops, bauchfrei, alles megakörperbetont, mit Hackenschuhen und die kleinen Gesichtchen in vollem Makeup. Puuh …

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Mein minimalistisches Katzenkostüm 🙂

Abends gab es eine Art Halloween-Straßenfest in der Nähe, und Angel hat mich mitgenommen, damit ich mir den Wahnsinn aus nächster Nähe ansehen kann. Ich hab mich trotz allem gefreut, dass er mich eingeladen hat, denn en Colombia esto es así und ich möchte schließlich etwas von der Kultur mitnehmen – das kann ich nicht, wenn ich nur in meinem Zimmer sitze. Die ganze Angelegenheit hat mich an unsere Jahrmärkte erinnert – es gab Zuckerwatte, Süßkram, Stände aller Art, Musik, Hüpfburgen, kleine Vorführungen, Pferdeaufsitzen (nix Ponys, hier gibt’s gleich die großen Pferde) … von allem etwas eben. Es gab auch tatsächlich tolle Kostüme, zum Beispiel hat sich eine Familie als die Feuersteins verkleidet, das fand ich so cool! Auch davor, ihre Hunde zu verkleiden, machen sie nicht halt … Die armen Tiere. Was mich auch wie immer verrückt machte, war, dass selbst kleinste Kinder noch so spät draußen sind und dem Trubel und der sogar für mich unangenehmen Lautstärke ausgesetzt werden. Pero en Colombia esto es así … Wir sind die abgesperrte Straße auf der einen Seite hoch- und auf der anderen wieder heruntergegangen und waren vielleicht 45 Minuten unterwegs. Eine kleine, aber feine Erfahrung 🙂

ArtParasites – How Art Thou Today?

Hallo hallo!

Ihr wisst, dass ich inspirierende Sprüche, Zitate, Songtexte, Wahrheiten und Weisheiten sehr gerne habe. Oft wird in bestimmten Texten ein Gefühl auf den Punkt gebracht, das mich überwältigt hat, ohne dass ich es benennen konnte, und nach dem Lesen fühle ich mich 100 Kilo leichter, weil das Gefühl endlich einen Namen hat.

Ich habe auf facebook eine tolle Seite gefunden, auf der ich mir täglich solche inspirierenden, verstörenden, Wahrheit aussprechenden, melancholischen, bestärkenden … Texte „abholen kann“ – so viele, wie ich möchte, wann ich möchte. Ich finde sie großartig und bin jedes Mal wieder erstaunt, wie viele andere Menschen ein Gefühl zu fühlen scheinen, von dem ich dachte, ich bin damit alleine. Das ist unglaublich erleichternd und ermutigend.

Die Seite auf facebook findet ihr hier, ihr könnt aber auch mit google und „artparasites“ fündig werden, wenn ihr nicht so gerne auf facebook unterwegs seid. Auf der offiziellen Website war ich selbst noch nicht unterwegs, weil ich es lieber mag, die Texte in kleinen Portionen präsentiert zu bekommen und mir Nachschlag nehmen zu können, wenn ich mag – einfach einen Post weiter nach unten scrollen …
Nach diesem Prinzip möchte ich jetzt mit euch die Texte teilen, die mich in letzter Zeit sehr stark berührt haben. Oft waren die Gefühle so einfach und offensichtlich, und doch so hart zu greifen und zu definieren … und dann fand ich sie in diesen Auszügen wieder. Vorhang auf:

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I think I fall in love a little bit with anyone who shows me their soul. This world is so guarded and fearful. I appreciate rawness so much.
– Unknown

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Sometimes I like you so much I can’t stand it. It fills up inside me, all the way to the brim, and I feel like I could overflow. I like you so much I don’t know what to do with it. My heart beats so fast when I know I’m going to see you again. And then, when you look at me the way you do, I feel like the luckiest girl in the world.
– Jenny Han

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I hope that someday, somebody wants to hold you for twenty minutes straight, and that’s all they do. They don’t pull away. They don’t look at your face. They don’t try to kiss you. All they do is wrap you up in their arms, without an ounce of selfishness in it.
– Unknown

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I am learning everyday to allow the space between where I am and where I want to be, to inspire me and not terrify me.
– Tracee Ellis Ross

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I hope I’ll always believe in love. Even if love shames me and tries to destroy me, I hope I’ll want to start again.
– Warsan Shire

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Is it love? Is it idolization? The former happens when you’ve spent time with them, when some of the magic wears off, when you know their flaws, and you decide to bring them coffee when they’re working, or write them sweet messages anyway, but the latter is when you’ve spent little time with them, but you think of them all the time; it crumbles where reality can’t meet imagination.
– Jessica Monet

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Lighthouses don’t go running all over an island looking for boats to save; they just stand there shining.
– Anne Lamott

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I find comfort in knowing that people who I’ve cut out of my life are left with this version of me that simply doesn’t exist anymore. The memory and image of me that they have isn’t who I am, and I’m happy that it’s that way. I’ve changed and grown and they won’t ever get the chance to know the better version of myself that I’ve become during their absence.
– Unknown

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The pearls weren’t really white, they were a warm oyster beige, with little knots in between so if they broke, you only lost one. I wished my life could be like that, knotted up so that even if something broke, the whole thing wouldn’t come apart.
— Janet Fitch

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I choose to love you in silence because in silence I find no rejection, and in silence no one owns you but me.
– Rumi

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And when I asked you how you’d been, I meant I missed you more than I’ve ever missed anything before.
– Iain Thomas

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Sometimes the desire you have for someone is so overwhelming that it leads to an inept ability to govern your own emotional stability, which is poisonous for any committed relationships because it’s muddled with desperation.
– Unknown

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Das war eine Auswahl an den Sprüchen, die mir und meinen unaussprechlichen, weil zu komplizierten Gefühlen in letzter Zeit Worte, Stimme und Gesicht gegeben haben … vielleicht war für euch ja auch etwas dabei! Gibt es ein Zitat davon, das ihr besonders gerne mögt? Oder eins, mit dem ihr überhaupt nichts anfangen könnt, oder eins, mit dem ihr gar nicht übereinstimmt?

So oder so lohnt es sich wirklich, sich bei ArtParasites mal umzuschauen, denn jeder Text gibt einen Denkanstoß, mal größer, mal kleiner, mal liebevoll, mal unerwartet brutal … aber immer ist es ein Schubs, sich mit sich selbst, dem Leben, seinen Gefühlen, den Werten der Gesellschaft … ach, allem möglichen! auseinanderzusetzen.

Habt einen schönen Tag / Abend … wo auch immer ihr gerade seid ❤

Aventuras Nuevas – Umgebung und zu Hause

Hallo liebe Lebensmaler,

ich habe es ganz am Anfang versäumt, euch zu erzählen, wo und wie ich eigentlich wohne. Das ist irgendwie untergegangen im Gefühlschaos und dann gab es so viel zu erzählen und ich wusste nicht so richtig, wo anfangen. Heute werde ich euch also endlich Bilder meines Zimmers, unseres Gebäudes und der Umgebung zeigen.

Entonces … Ich wohne in Cúcuta, das ist die sechstgrößte Stadt Kolumbiens und die Hauptstadt des departamentos „Norte de Santander“. Sie liegt im Nordosten Kolumbiens und direkt an der Grenze zu Venezuela. Die Stadt ist in mehrere barrios aufgeteilt, und ich lebe im barrio „La Riviera“, einem der reicheren Bezirke. Das Straßensystem habe ich halbwegs durchschaut, aber ich finde mich trotzdem nur dort zurecht, wo ich öfters langgehe oder wo es in der Nähe Orientierungspunkte gibt, die mir helfen, zu ahnen, in welche Richtung ich mich fortbewegen muss. Das geht aber anscheinend nicht nur mir so, sondern auch cucuteños, die sich außerhalb ihres barrios befinden.

Allgemein gibt es in Kolumbien ein Straßensystem, das vom spanischen System übernommen wurde und als sehr einfach gilt: es gibt calles (abgekürzt C oder Cl), die von von Osten nach Westen laufen, und carreras (abgekürzt Cra, Kra oder K), die von Norden nach Süden laufen. Die Nummern werden entsprechend höher, je weiter man sich nach Westen bzw. Süden bewegt. In Cúcuta werden carreras allerdings avenidas genannt und während in anderen Städten Kolumbiens die carreras mit der Nummer 1 beginnen, geht es hier mit der avenida cero los. Adressen sind anders aufgebaut als deutsche, und sie sagen einem Suchenden auch ganz genau, wo sich das Haus oder Gebäude befindet, das gesucht wird.

Ich werde euch mal meine Adresse geben (links) und dazu erklären, welches die einzelnen Bestandteile sind (rechts):

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Was mich immer noch verwirrt, ist die #7-10 Komponente der Adressen. Genauer geht eine Ortsangabe hier eigentlich nicht, aber ich finde mich trotzdem schwer zurecht damit. Hier gibt es zum Beispiel auch keine bzw. kaum Straßenschilder, man muss sich ausschließlich an den Angaben an den Häusern orientieren. Obwohl es ein Postleitzahlensystem gibt, weiß niemand seine Postleitzahl, sie wird nicht benutzt. Was auch anders ist: hier haben die Gebäude Namen, warum, weiß ich auch noch nicht, weder Angel noch meine Gastmama konnten mir das erklären. Unser Gebäude heißt „Caranday“, das ist eine südamerikanische Palmenart, und sie ist auf den Türen unseres Aufzugs abgebildet (s.u.), der uns in den 7. Stock in einen kleinen Vorflur fährt, von dem aus wir durch die riesige Eingangstür ins apartamento treten. Neben den Türen unten im Foyer hängt auch eine kleine Tafel, die erklärt, was es mit der namengebenden Palme auf sich hat – verstehe ich bloß leider nicht, weil es auf Spanisch geschrieben steht 😉

El Edificio Caranday ist ein hohes und großes Gebäude, das schon etwas älter ist. Auf allen Ebenen sind zwei apartamentos, wir haben den 7. Stock für uns ganz alleine, ca. 400m² sind es wohl, meinte meine Gastmama. Ich finde die Straßenlaterne mit dem altmodischen Schild vor unseren Treppen total schön. Nachdem man die Stufen erklommen hat, wird von innen vom Portier der Türöffner betätigt und man steht im Foyer. Riesig, kühl und spartanisch eingerichtet, immer abgedunkelt durch die getönten Fensterfolien. Hinterm Rezeptionstresen warten wechselnde Portiers – einer kommt nur am Wochenende, die beiden anderen unter der Woche. Manchmal empfangen sie uns mit Post oder anderen Sendungen, fast immer aber mit einem Lächeln. Javier (keine Ahnung, ob ich den Namen richtig schreibe) besonders – er ist ziemlich toll, versucht oft, mit mir zu sprechen und ist total liebevoll zu Anja. Der andere unter-der-Woche-Portier war anfangs sehr reserviert, da es zwischen meiner Gastfamilie und ihm Unstimmigkeiten gegeben hatte. Ich habe beschlossen, so zu tun, als wisse ich nichts davon, und habe ihn immer freundlich gegrüßt, angelächelt und mit Anja zusammen angesprochen. Nach einer Weile wurde er weniger frostig und jetzt lächelt er mich immer an, hält uns die Tür persönlich auf und sagt auch ein paar Worte auf deutsch. Für mich ist es immer noch komisch, nicht einfach unbe(ob)achtet kommen und gehen zu können, wie es mir passt, sondern mich manchmal unter den Augen der Portiers so zu fühlen, als sei ich 15 und schleiche mich auf eine verbotene Party oder käme von einer solchen heim. Außerdem tut es mir so Leid, wenn ich mitten in der Nacht heimkomme und sie wecke – die Armen!

Auf der nordöstlichen Seite (wenn ich mich nicht irre) des Gebäudes liegt ein kleiner Platz, der von oben sehr grün aussieht, es von unten aber leider nicht ist. Der „Spielplatz“, den es an einer Ecke gibt, ist z.B. sehr kahl und scheint irgendwie aus einer anderen Zeit zu kommen. Schade ist das, denn sonst könnte ich mit Anja auch dorthin gehen, wenn wir mal nicht so viel Zeit haben. Trotz der Kahlheit gehe ich hier oft mit der Süßen, dem Hund der Familie, eine kleine Mittags-oder Abendrunde, ansonsten beobachte ich gerne vom Balkon aus die Basketballspieler/innen auf dem kleinen Feld an einer Seite des Platzes, genieße die Aussicht oder bestaune das tolle Muster des Platzes. Oft sitzen hier kleine Grüppchen von Menschen, die sich einfach unterhalten, ein bißchen vorglühen, Pärchen, die in einander verschlungen sind, Hundebesitzer, die mit ihren Schützlingen eine Runde drehen, Menschen, die auf den Mauern im Schatten der Bäume ihre siesta halten … es gibt eigentlich immer was zu gucken.

Wobei man auch immer gucken und die Augen offen halten sollte, sind einfache Spaziergänge. Einfahrten, Schrägen und der „ebene“ Bürgersteig sind einfach irgendwie aneinander gebaut, sodass man schon fast Wanderschuhe braucht, um sich nicht die Knöchel zu verknicken. Fragt mich nicht, wie die Kolumbianerinnen das auf ihren Highheels meistern. Außerdem ragen aus dem Boden gerne mal irgendwelche Haken, in denen man hängen bleibt, stürzt und sich an der Schulter verletzt (ja, es tat weh!). Die Bürgersteige sind hier auch anders als in Deutschland: erstens sind sie oft mit sehr glatten Fliesen gefliest, sodass man bei Regen oder Wischwasser schneller auf dem Rücken zappelt wie ein Käfer, als man gucken kann. Und zweitens: Wischwasser? Ja, Wischwasser. Hier werden mindestens 2x die Woche die Bürgersteige erst gefegt und dann gewischt. Mir erschließt sich der Sinn dieser Aktion nicht so ganz, da sich der Dreck aufgrund des ständigen Windes eh so schnell verteilt und dann auf nassem Umtergund doch noch eher haften bleibt! Warum also Zeit und andere Ressourcen verschwenden? Gerade im Hinblick auf die Tatsache, dass die meisten Menschen hier ihren Müll dort fallen lassen, wo sie gerade damit fertig werden. Andere Länder, andere Sitten. Die Straßen sind auch oft ziemlich löcherig und schwer zu navigieren, da gefahren wird, wo gerade Platz ist und man sich nie sicher sein kann, aus welcher Richtung gleich das nächste Auto hupend angerast kommt, um einen die Zehen abzufahren. Der Kante zwischen Bürgersteig und Straße ist oft auch richtig hoch, sodass es sehr schwierig ist, mit dem Kinderwagen hoch und runter zu gelangen. So langsam gewöhne ich mich und weiß, wo ich gut langgehen kann, wer mir Platz macht und wo ich aufpassen muss.

Wenn ich dann also alle Unebenheiten, Gefahren und glitschigen Untergründe erfolgreich gemeistert habe, durch das Foyer geschritten und in den 7. Stock gefahren bin, trete ich durch unsere breite, braune Wohnungstür in den Eingangs-/Wohnbereich, ziehe meine Schuhe aus und gehe durch den langen Flur in mein Zimmer. Auf dem Bild vom Gebäude (s.o.) ist das Fenster an der Ecke, die zu uns zeigt, meins. Von der Wohnung werde ich euch keine Fotos schicken, um die Privatsphäre der Familie zu achten, aber mein Zimmer, meinen Lieblingsplatz und natürlich den Ausblick werde ich mit euch teilen. Mein Zimmer besteht aus dem Schlafzimmer und ist verbunden mit einem Ankleideraum, durch den ich ins angeschlossene Bad komme. Das Zimmer wirkt erstmal ziemlich groß und weiß, ist aber auch sehr hell, da eine Seite zu ¾ aus Fenster besteht. Ich arbeite noch daran, dass es sich heimeliger anfühlt, aber es ist bereits besser geworden als am Anfang. Wie schon in Australien oder zu Hause in bspw. meiner Küche habe ich als erstes Zitate gestaltet und angebracht. Die wichtigsten hängen an meinem Bett und sprechen mir oft Mut zu. Auch um meinen Schreibtisch herum habe ich motivierende Sprüche platziert und ich liebe es, sie anzusehen und durchzulesen. Meine sehr dezimierte Schmuckkollektion habe ich mit Bügeln aufgehängt, da ich hier nichts an die Wand anbringen kann, dass etwas mehr Gewicht trägt. Das hat mich trotzdem nicht davon abgehalten, die Postkarten, die Tonnen von Freundschaft und Liebe zu mir getragen haben, aufzuhängen. In der braunen Tüte hat Angel mir eine Süßigkeit mitgebracht hat – und das hat mich so gefreut, dass sie ebenfalls einen Platz an meiner Postkartenwand bekommen hat. In und auf den Kommoden befinden sich Krimskrams, Dokumente und meine Bücher – viel zu wenig noch, aber darum kümmere ich mich in Zukunft.

Es hat eine ziemliche Weile gedauert, bis ich meinen Schreibtisch bekommen habe, aber seit er da ist, bin ich glücklich. Ich sitze jeden Tag hier und schreibe etwas, bereite etwas für die Deutschstunden mit Ángel vor oder mache meine Spanischhausaufgaben. Ich finde, der Tisch ist einfach zu klein für alles, was ich brauche, und darum habe ich mir mit der Erlaubnis meiner Gastmama einen Tisch danebengestellt, auf dem ich verschiedene Sachen, die ich nicht ständig brauche, aber doch griffbereit haben muss, lagere. Wie schon erwähnt, hängen in meinem Blickfeld auch hier ganz viele verschiedenen Zitate oder Motivationssprüche. Wöchentlich kommen mehrere hinzu. Außerdem hängen hier auch zwei Karten, die ich von zu Hause mitgebracht habe: eine von Vera (die hing auch schon in meinem Flur) und eine, die ich sowohl von meinen Kollegen im Kindergarten als auch von meinem Kollegen in der Kinder-und Jugendhilfe zum Abschied bekommen habe. Ich liebe den Spruch total und dass beide Teams diese Karte unabhängig voneinander für mich ausgewählt haben, machte und macht mich immer noch sehr glücklich.

Wenn ich durch die Tür neben dem Schreibtisch gehe, stehe ich schon einem kleinen Schrank-Viereck. So viel Schrank könnte ich in meinem ganzen Leben nicht füllen, bilde ich mir gerne ein, und auch jetzt nutze ich nur ein paar Regelbretter und Bügel. Viel neues ist auch noch nicht hinzugekommen, da es hier in Kolumbien unglaublich schwierig ist, etwas zu finden, dass mir passt und gefällt. Jedenfalls geht’s von diesem Schrank weiter ins Badezimmer, das direkt hinter der Wand an meinem Schreibtisch liegt. Ich liebe diesen altmodischen Waschbeckenschrank und den großen Spiegel – auch hier hängt die kleine Karte, die mir schon in Deutschland morgens vorm Spiegel Mut zugesprochen hat. „Keine Panik, das wird schon“, quakt mir eine Ente entgegen, der das Wasser im wahrsten Sinne bis zum Hals steht. Ansonsten ist mein Bad mit einer Duschbadewanne, einer Toilette und einem Bidet ausgestattet. Manchmal fühlt es sich alles an wie ein Hotelzimmer … aber ich tue mein Bestes, um meine persönliche Note im Raum zu verteilen.

Und dann ist da noch der Ausblick. Es ist ziemlich schön, was ich so sehe. Wir haben fast einen Rundum-Blick und wenn morgens um 4 Uhr die Sonne aufgeht, ist das wie ein magischer Moment. Der Himmel ist verlaufene Wasserfarbe und die Stadt sieht so friedlich aus unter der noch dunklen Decke, die die Nacht über sie geworfen hat. Das zweite Foto ist eins meiner Lieblingsfotos, weil ich es als so friedlich und heimelig emfpinde, wie sich die Bäume und die Häuser ihren Platz teilen, wie sich die Häuser zwischen die Bäume zu kuscheln scheinen und die Bäume ihre Äste ausstrecken. Wenn ich morgens aufwache, dann kann ich an schon am Licht der Sonne erkennen, ob es ein heißer Tag wird oder nicht – ich finde es schön, wie die Strahlen über den Rand der Berge in die Stadt fließen. Tagsüber leuchten dann die Farben so richtig intensiv, und nachmittags scheint alles von einem Filter überzogen zu sein: es wirkt alles warm und golden und weicher. Vom Balkon aus kann man im Hintergrund schon die Teile der Berge erkennen, die zu Venezuela gehören. So dicht dran sind wir. Auf dem Balkon sitze ich unglaublich gerne, ich habe dort einen kleinen Lieblingsplatz, von dem aus ich die Sonne, den Himmel und die Umgebung beobachte. Ich esse dort oft mein Frühstück und mag es, den Tag „für mich“ zu beginnen. Nachts oder abends sitze ich gerne auf dem Bett am Fenster, das ich meist nur als Ablage oder Sofaplatz nutze, und schaue mir die Lichter der Stadt an, lausche der Musik, die aus verschiedenen Richtungen an mein Ohr dringt und lasse mir den kühlen Wind um die Ohren wehen. Ich finde, die Lichter in der Ferne haben etwas magisches, so als seien Hügel extra festlich mit Lichterketten geschmückt worden, jede Nacht auf’s Neue. Oft wird auch der Himmel von Mutter Natur festlich beleuchtet: Wetterleuchten ist keine Seltenheit hier und ich finde es spannend, die aufblitzenden Lichter anzusehen.


Das war es dieses Mal, ich hoffe, ihr habt einen besseren Eindruck bekommen von dem, was mich hier umgibt und könnt euch etwas mehr vorstellen, wie die Umgebung draußen so aussieht. Ich freue mich immer noch über Fragen zu meinem Leben, zu Land und Leuten, höre gerne eure Meinungen und Vorschläge für neue Posts nehme ich auch gerne an. Es bedeutet mir viel, das ihr mitlest und so auch dabei seid.

Verzeiht, wenn ich etwas unregelmäßig und durcheinander poste, aber es geht drunter und drüber und es ist gerade sehr viel (und leider nicht nur Schönes) zu organisieren und zu entscheiden. Ich versuche trotzdem, euch teilhaben zu lassen, an diesem verrückten Leben.

Un abrazo grande! x

Aventuras Nuevas – El Club de Cazadores: Jäger? Vielleicht Sonnenjäger! ☼

Hallo liebe Lebensmaler,

ich habe euch bisher ziemlich wenig von meinem Alltag und meiner Umgebung erzählt, weil ich am Anfang so mit mir selbst beschäftigt war und dann plötzlich alles auf einmal passiert ist und ich gar nicht hinterhergekommen bin mit dem Fühlen, Erleben, Verarbeiten und Berichten. Ich versuche jetzt, mich langsam an alles heranzutasten und heute möchte ich euch vom „Club“ erzählen.

Hier in Cúcuta ist es ziemlich heiß. Wir haben zwar gerade Winter, aber alles, was das anscheinend bedeutet, ist, dass mehr Wind weht als sonst. Wir haben fast jeden Tag Temperaturen zum wortwörtlichen Dahinschmelzen: zwischen 33°C und 40°C ist alles möglich, und wenn wir Glück haben, wird es abends „kühler“ (30°C).  Nach dem Duschen und Abtrocknen bin ich bereits wieder durchgeschwitzt, aber ich habe mich schon darauf eingestellt, denn prinzipiell mag ich Hitze lieber als Kälte.

Gleichzeitig bin ich aber auch großer Fan davon, mich abzukühlen, und Schwimmbäder eignen sich dazu bestens. Leider gibt es hier wenig öffentliche Schwimmbäder und keins in der Nähe, sondern meist private Schwimmclubs, in denen man Mitglied sein muss. Als ich hier ankam, konnten wir noch auf Einladung einer Freundin der Familie einen Club besuchen, diesen also quasi zwei Monate „testen“, aber die einmalige Mitgliedschaftsgebühr und monatlichen Kosten waren exorbitant und standen in keinem Verhältnis zu dem, was uns geboten wurde. Das Kinderbecken war okay, hatte aber eine „im Wasser-Bar“, wo Erwachsene sich nachmittags um 16h ihre Cola mit „güisqui“ (spanische Schreibweise von „Whisky“) hinter die Binde kippten und megalaut Charts hörten. Das Schwimmbecken war recht klein und meist fand zu der Zeit, in der wir dort waren, Schwimmunterricht statt und zwar von rechts nach links und nicht entlang der langen Seite. Keine Ahnung, warum, aber das ist hier so üblich, und es bedeutete, dass wir nicht ordentlich schwimmen konnten, was uns allen wichtig war.

Seit zwei Wochen sind wir aber Mitglied im Club de Cazadores, also „Club der Jäger“, der ca. 10 Gehminuten von uns entfernt ist. Auf der Website sah er sehr schick aus und während Renata alles mit der Clubleitung regelte, erkundeten Anja und ich die Umgebung. Es gibt ein großes Schwimmbecken mit unterschiedlichen Tiefen, ein flacheres Kinderbecken, genug Sitzmöglichkeiten, sowohl überdacht als auch unter freiem Himmel, eine Bar und ein paar kleine „Lädchen“ für Eis oder Säfte, ein Nagelstudio, ein Spa, eine Sauna und ein Fitnessstudio, einen Spielplatz und mehrere Sportplätze, auf denen unterschiedliche Sportarten gelehrt und betrieben werden. Leider gab es sehr wenig Grünfläche, aber immerhin ein kleines Eckchen Rasen. Das alles hörte sich ziemlich gut an und war auch auf den ersten Blick wirklich toll. Nach einigen Besuchen entdeckten unsere kritischen Augen (und Ohren) einige Mängel, mit denen wir aber trotzdem leben können.

Es gibt zum Beispiel ein erhöhtes Podest mit riesigen Boxen, aus denen den ganzen Tag laute Musik läuft – das Leben hier wird überall von Musik begleitet (im Schwimmbad, im Einkaufszentrum, in den einzelnen Läden, beim Friseur, im Nagelstudio, …) und es ist auch keine Seltenheit, dass aus verschiedenen Boxen verschiedene Lieder laufen – es entsteht ein Wettbewerb, wessen Musik lauter aufgedreht werden kann. Niemand beschwert sich jedoch, auch wenn man sein eigenes Wort nicht verstehen kann. Das Leben in Kolumbien ist wohl einfach so – die Leute werden nervös, wenn es zu leise wird. (Auch abends dringen oft aus verschiedenen Bars laute Musik, Gesang oder Stimmengewirr zu mir ins Schlafzimmer, das dementsprechend zum Wachzimmer wird.) Das Fleckchen Rasen, das wir im Club zu unserem Platz auserkoren haben, ist leider direkt unter den Boxen und so bitten Renata oder ich regelmäßig darum, die wummernde Discomusik oder die spanischen Rhythmen doch bitte leiser zu stellen. Wir werden ebenso regelmäßig verwirrt angeschaut und belehrt, das müsse so sein. Wie unhöflich von uns, den anderen Leuten die Musik nicht zu gönnen! Also ehrlich. Tztztz. Manchmal machen wir aber auch einfach übertrieben Party – wir klatschen und wippen im Takt der Musik, bewegen die Köpfe ruckartig nach vorne und hinten und machen mit Armen und Beinen die tollsten Verrenkungen. Anja findet es genial und wir lachen uns schlapp.

Auch in diesem Schwimmerbecken wird im Schwimmunterricht von rechts nach links geschwommen und nicht längs – ich frage mich wirklich, was das soll? Hier werden aber zwei Bahnen abgetrennt, damit man dort in Ruhe schwimmen oder einfach sein kann, was uns gut gefällt. Blöd ist, das beide Becken immer in der prallen Sonne sind, aber man kann ja nicht alles haben. Wir bleiben meist so 20 Minuten im Wasser, dann machen wir Snackpause und danach geht Renata ihre Bahnen ziehen, während Anja und ich den Club erkunden. Wir entdecken die Duschen, sammeln Müll auf und bringen ihn in die bereitgestellten Mülleimer (Anjas Hobby), rocken ab zur Musik, die aus den Lautsprechern oder aus dem Fitnessstudio schallt und freuen uns, wenn andere Leute mitmachen, schauen uns ein Basketballspiel an oder vergnügen uns auf dem Spielplatz. Leider liegen auf dem Boden oft Scherben, Drahtstücke oder kleine Haufen Kot, sodass ich immer beide Augen auf den Boden gerichtet habe, um Unfälle zu vermeiden. Laut Clubordnung und Leitung sind Hunde verboten und es ist uns ein Rätsel, wieso die braunen Haufen regelmäßig auftauchen – und vor allem nicht entfernt werden! Auch der Spielplatz hat seine Tücken. Viele Oberflächen sind aus mir unerklärlichen Gründen aus Metall, was natürlich total Sinn ergibt für Spielgeräte, die die meiste Zeit in der prallen Sonne stehen, da werdet ihr mir sicher zustimmen. Manche Geräte sehen auch nicht sehr vertrauenerweckend aus und einiges ist bereits kaputtgegangen, seit wir dort sind (nicht durch uns natürlich!). Es ist trotzdem schön, dass es überhaupt einen Spielplatz mit verschiedenen und tollen Geräten gibt und ich lasse Anja im Rahmen der sicheren Möglichkeiten so viel Freiraum, dass sie sich ungestört ausprobieren kann – und sie macht waghalsige Dinge, kann ich euch sagen!

Ich freue mich trotz mancher Mängel wirklich sehr, dass wir in diesem Club Mitglied sind. Den Weg alleine zurücklegen zu können gibt mir das Gefühl, mein Leben irgendwie in der Hand zu haben, wenn ihr versteht, was ich meine. Ich bin nicht mehr darauf angewiesen, dass die Familie mich fährt, ich finde mich zurecht und tue etwas für meinen Körper und meine Gesundheit und gleichzeitig etwas gegen die ungesunde Energie, die machmal in mir brodelt und mit der ich nicht weiß, wohin. Das scheinen winzige Schritte zu sein, aber mit diesen winzigen Schritten gehe ich dem Gefühl entgegen, mich hier wohlzufühlen, und dieses Gefühl ist unglaublich gewachsen in letzter Zeit. Ich bin „gezwungen“, mich alleine mit Menschen auseinanderzusetzen und mit ihnen in Kontakt zu treten, sowohl auf der Straße als auch im Club, ohne Hilfe und Übersetzerin. „Gezwungen“ mit Anführungsstrichen, weil es nicht ein negatives Zwingen ist, sondern ein liebevoller, notwendiger Schubser in die Richtung, in die ich mir wünsche, zu gehen. Anfangs bin ich jedoch davor zurückgescheut, jetzt traue ich mich und das fühlt sich gut an. Ich bin mit der „realen Welt“ in Berührung und das macht es realer und leichter, ein Teil davon zu sein bzw. zu werden. Die meisten Leute, die ich bis jetzt dort oder auf dem Weg dorthin getroffen habe, waren jedenfalls sehr freundlich. Auf dem Weg lächeln mich viele Menschen an, grüßen mich, machen mir in der für sie eigenen subtilen Art Komplimente (z.B. Kussmünder begleitet von „Muy hermosa!“ oder „Muy bonita!“) oder hupen mich an. Im Club sind die Menschen ebenfalls sehr nett und überaus hilfsbereit, wenn sie merken, dass ich mit Spanisch noch unsicher bin. Sie versuchen sich in Englisch, versuchen, jemanden zu finden, der Englisch spricht oder nutzen Hände und Füße, um mir etwas zu erzählen oder zu erklären. Die Pförtner kennen mich schon, ist ja auch nicht so schwer, mich wiederzuerkennen als Blondine zwischen den Kolumbianern  😉 Sie machen mir die Pforte auf, ohne meinen Ausweis sehen zu wollen und wünschen mir wie selbstverständlich „Buenos días!“, worauf ich strahlend ebenfalls mit einem „Buenos días!“ antworte.

Morgens stehe ich jetzt meist gegen 6.15h auf, streife meinen Bikini über und mache mich auf den Weg, um vor der Arbeit in Ruhe einen Kilometer zu schwimmen. Ich brauche mich nicht zu beeilen, denn ich beginne meinen Arbeitstag erst um 10h, sodass ich mir oft die Zeit nehme, um mich auf den Liegen auszustrecken und der Musik zu lauschen, die manchmal anwesenden anderen Leute zu beobachten oder einfach in den Himmel zu schauen.

Ich weiß, dass ich hier ein sehr luxuriöses Leben führe und finde das einerseits toll, denn in Deutschland bin ich das in diesen Ausmaßen nicht gewöhnt, andererseits finde ich es schade, denn dies scheint nicht das Leben eines typischen Kolumbianers zu sein – vielleicht das der gehobeneren Schicht, ja, aber das Leben des Großteils der kolumbianischen Gesellschaft scheint sich sehr von meinem zu unterscheiden. Aber das ist nun mal so – in Deutschland gibt es ja auch nicht DAS typische deutsche Leben – ich bin mir sicher, dass sich das Lebens eines ALGII-Empfängers sehr von dem einer Anwaltsfamilie unterscheidet. Und egal, welches Leben ich hier kennenlerne – es ist auf jeden Fall anders als das, was ich in Deutschland führe und definitiv eine Umstellung, Erfahrung und Herausforderung! Ich werde mir Mühe geben, euch in Zukunft mehr davon zu berichten und teilhaben zu lassen – ich freue mich darauf, dass ihr mit mir mitreist und mir die Gelegenheit gebt, euch zu berichten.

Bis zum nächsten Post … un abrazo grande! x

Abschied nehmen

Hallo liebe Lebensmaler,

heute ist mein letzter Tag auf der Arbeit und es wird mir schwer fallen, von den Kindern und auch meinen Kollegen Abschied zu nehmen. Wir werden bestimmt in Kontakt bleiben, aber trotzdem werde ich nicht mehr Teil des Teams sein, mich nicht mehr kümmern müssen, nicht mehr aktiv beteiligt sein. Abschiede finde ich traurig, aber zwei Auszüge aus einem meiner Lieblingsbücher, nämlich „Der kleine Prinz“, helfen, dem Abschiednehmen eine positivere Note zu geben.

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Genauso wie der Fuchs die Farbe des Weizens gewonnen hat, habe ich durch die Arbeit eine ganze Menge Wissen, viele wertvolle Erfahrungen, interessante Ideen, andere Sichtweisen und Selbstbewusstsein und Handlungskompetenz sowie unendlich viele kleine Freuden und Glücksmomente gewonnen. Weil ich den Job dort und die Ausbildung parallel angefangen habe, waren meine Kollegen von Anfang an in der Erzieher-Ausbildung dabei und haben viel zu der Entwicklung beigetragen, die ich im Laufe der Zeit durchgemacht habe. Nach dem anfänglichen „sich vertraut machen“ habe ich ganz schnell eine „Palette voller Farben“ gesammelt, die mich an die Arbeit an sich, die Kinder und Kollegen erinnern wird.

Ich könnte es auch mit den Worten Winnie Puuhs ausdrücken: „Wie glücklich ich doch sein kann, etwas zu haben, das Abschiednehmen so schwer macht.“