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Aventuras Nuevas – Alles neu! – Teil 2

Herzlich Willkommen zu Teil 2 von „Alles neu!“ Wir waren stehen geblieben an dem Punkt, an dem meine Pläne, als Lehrerin in Kolumbien zu bleiben, mit lautem Klirren zu einem beträchtlichen Scherbenhaufen zusammenfielen.

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Angie und ich bei einem die Seelenrisse kittenden Eis

Zum Glück gibt es Angie, meine beste Freundin in Kolumbien. Inmitten unserer jeweiligen chaotischen Leben haben wir uns getroffen und bei einem Picknick alles erörtert, auseinandergepflückt, zusammengesetzt und erneut durchgekaut, bis wir uns beide etwas leichter fühlten mit allem, was sich auf uns stürzt und uns unter sich begräbt. Es tat so gut, sich mit ihr alles von der Seele zu reden, alles 3x zu sagen, weil es so ätzend ist, und sich verstanden zu fühlen. Während dieses Gesprächs sprachen wir u.a. darüber, was denn im Falle einer Absage meine Optionen wären, und ich scherzte: „I’ll just go back to Australia.“ Und es war ein Scherz, ich schwöre. Doch wie es so ist, in jedem Scherz steckt auch ein Körnchen Wahrheit und ich konnte diese Idee nicht davon abhalten, sich in meinem Kopf und Herzen einzunisten.

Für alle, die 2013 noch nicht mitgelesen haben: ich habe damals als Backpackerin von Februar – Juli auf einer Rinderfarm im Outback gelebt und gearbeitet. Viele meiner damaligen Beiträge findet ihr ab Februar 2013 im Archiv bzw. unter der Kategorie „Farm Charm“.

Ich habe also Kontakt mit meiner Gastfamilie von damals aufgenommen und gefragt, ob sie mich eventuell wieder aufnehmen würden. Keine 12 Stunden später hatte ich eine Antwort und mir fiel der Mount Everest vom Herzen. Ich sei immer willkommen und müsse ihnen nur meine Reisedaten mitteilen. Gesagt, getan – ich buchte einen Flug, kümmerte mich um die jeweils nötigen Visa, schickte die Infos nach Australien … und machte mich Millionen Mal ans Aussortieren/Koffer-Probepacken. Geplant war, mit einem Touristenvisum 3 Monate in Australien zu bleiben und dann für einen Monat nach Kolumbien zurückzukehren, um mit Angel seinen Geburtstag zu feiern, bevor es am nächsten Tag zurück nach Deutschland gehen würde. Ich hatte mich gegen eine sofortige Reise nach Hause entschieden, weil ich so meine Auslandskrankenversicherung verlieren und dies eine sehr lange zeitliche Trennung von Angel bedeuten würde. Durch die Reise nach Australien bliebe die Versicherung bestehen und er und ich würden uns vor der unausweichlichen Trennung im Juli nochmal sehen.

Den Januar sollte ich ja sowieso bei meiner Gastfamilie in Kolumbien bleiben und ich habe ihnen dann noch den Februar gegeben, damit sie sich nach jemand neuem umschauen können. Ich fand es unfair, von heute auf morgen zu verschwinden (obwohl ich das gekonnt hätte), aber auf keinen Fall wollte ich bei ihnen bleiben. Das war eine gute Entscheidung. Mit dem Wissen, dass ich bald gehen würde, ließen sich der restliche Januar und der Februar gut überstehen, aber die Atmosphäre war keine schöne und verschlechterte sich zusehends. Zu vielen Dingen nickte ich einfach nur noch, weil ich keine Lust mehr hatte, mich darüber aufzuregen, aber ich fühlte mich zunehmend eingeengt und eingeschränkt, ungerecht behandelt und unwohl. Am Ende ging es dann tatsächlich im Streit auseinander, womit ich ja schon im letzten Jahr gerechnet hatte. Ich habe aber irgendwann genug davon gehabt, alles hinzunehmen, zu nicken und „ja und Amen“ zu sagen. Nicht nur das Aupair muss sich in gewissem Grade anpassen, sondern auch eine Familie muss sich auf die Bedürfnisse und Wünsche des Aupairs einstellen, und irgendwann habe ich meine Hacken in den Boden gestemmt und mich gegen die Zügel der Familie gewehrt. Kam nicht so gut an.

Am Samstag, 04. März, zog ich aus, ohne richtiges Abschiedsgeschenk von der Familie und tatsächlich auch ohne Abschied von Seiten meines Gastvaters, der mich gegen Ende komplett ignorierte. Ich konnte nur den Kopf schütteln, denn obwohl die letzten Tage alles andere als schön waren, hatte ich Abschiedsgeschenke für die Familie vorbereitet.

Ich zog bis Montagabend zu Angie. Koffer, Boxen und Taschen ließ ich bei Angel, zu dem ich Montagabend ziehen sollte. Mit meiner Reisetasche machte ich mich nach einem kurzen Treffen mit Angel mit dem Bus auf den Weg nach Villa del Rosario, wo Angie mich vom Bus abholte. Die Familie hatte mir untersagt, Angie dort zu besuchen, aus „Sicherheitsgründen“. Dass sie mir damit die Chance nahmen, meine beste Freundin zu sehen und ihre Familie kennenzulernen, berührte sie nicht. Umso mehr genoss ich es, dass mich Angies Familie so selbstverständlich aufnahm, als gehörte ich schon ewig dazu. In diesen 2,5 Tagen habe ich mich wohler gefühlt in einem zu Hause als die letzten 8 Monate zuvor. Mir wurde klargemacht, dies sei jetzt auch mein zu Hause, ich solle mich wohlfühlen. Wir aßen zusammen, unterhielten uns, scherzten, lachten, tauschten uns aus, halfen einander. Ich fühlte mich so geborgen und angenommen und die Zeit mit Angie zu verbringen, war so wunderbar. Ich kochte für ihre Familie Kartoffelpuffer, um mich zu bedanken für alles, und als ich mich am Montagnachmittag verabschiedete, wurde ich so herzlich gedrückt und die Einladung, im Juni wieder bei ihnen zu wohnen („Eres bienvenida siempre, esta es tu casa“), klang schon fast wie eine Feststellung, als sei es klar, dass ich dann wieder bei ihnen wohnen würde. Ich lief über vor Dankbarkeit und Zuneigung.

Ich erledigte noch einige Dinge, bevor ich zu Angel fuhr und verbrachte die letzten Tage dort recht unabhängig. Dienstag hatte ich zum letzten Mal Physiotherapie, ging zum Friseur, erledigte noch ein paar Einkäufe, schrieb ein paar Nachrichten und kochte abends wieder Puffer, diesmal für seine Familie. Am Mittwoch lud er mich zu einem vegetarischen Mittagessen ein (überlaufendes Herz und strahlendes Gesicht meinerseits) und danach fuhren wir zu Freunden seiner Familie, wo extra für mich noch eine kolumbianische Spezialität gebacken wurde. Ich hab leider vergessen, wie sie heißt, aber sie erinnert mich an eine Mischung aus Fladenbrot und Pfannkuchen, und ist an sich schon ziemlich süß, aber die Kolumbianer  essen sie mit leche condensada (Kondesmilch) – und zwar richtig, richtig viel. Ich habe einfach weniger davon über die Fladen gegossen und es war sooo lecker! Das war ein schönes Abschiedgeschenk.

Von allen meinen Freunden hatte ich mich in meiner letzten Woche bei der Familie verabschiedet. Jeden Abend war ich froh, die Haustür hinter mir zuzuziehen und mich auf Menschen freuen zu können, die gerne Zeit mit mir verbringen, an mir interessiert sind und die meine Ansichten teilen. Schon lange vorher traf ich Francisco, mit dem ich Eis gegessen habe, bevor er selbst zurück nach Venezuela gereist ist, wo er lebt. Ich lief in Horacio hinein und freute mich total über dieses spontane Treffen. Marcela und Carol, die selbst je 2 Aupair-Jahre in den USA hinter sich hatten, luden mich zu einer Pizza ein, nach der ich endlich mal richtig satt war, und wir sprachen über das Aupairleben, Gastfamilien, ihre jetzige Arbeit, Sprachen lernen, was wir zusammen erlebt haben und was die Zukunft für uns wohl bringen würde. Ich traf Rafael, mit dem ich redete und redete, ich traf Alejandra, die mir ein wundervolles Abschiedsgeschenk machte und mit der ich das ganze Treffen lang auf Spanisch sprach – und es fiel mir nicht mal schwer! Ich traf Jaime, dem ich über die Maßen dankbar einen Berg ausgeliehene Bücher zurückgab und ich traf Jodi, mit der ich ebenfalls Eis aß und zum letzten Mal tiefgründige Gespräche führte.

Alle meine Freunde und Bekannten vom Spielplatz hatte ich in den vorangegangenen Tagen davon unterrichtet, dass ich bald gehen würde und sie kamen nach und nach, um mich zu umarmen, sich zu verabschieden, Nummern auszutauschen und noch ein letztes Foto mit mir zu machen. Meine beste Spielplatz-Freundin Juliana und ihre Mama Ximena machten mir ein Geschenk, und das war so wunderschön, weil es unerwartet war: eine Zeichnung samt Brief von Juliana und ein Gutschein für eine Mani-Pedi, zum Entspannen! Das hat mich über alles gefreut, weil es in krassem Gegensatz zu den nicht vorhandenen Geschenken meiner Gastfamilie stand. Zu sehen, dass sich Menschen auf dem Spielplatz so sehr um mich kümmern und sich solche Gedanken und Mühen machen, hat bewirkt, dass mir warm um’s Herz wurde. Und an meinem letzten Tag auf dem Spielplatz kam sogar mein Pflegehund nach Wochen der Abwesenheit mal wieder vorbei und brachte uns nach Hause. Ich habe mich so unendlich gefreut, Caramelo noch ein letztes Mal zu sehen und in den Arm nehmen zu können. Er ist mir sehr ans Herz gewachsen, genau so wie Maria Elizabeth, mit der ich mich am Montag vor der Manip-Pedi-Behandlung nochmals traf und Geschenke, Neuigkeiten und eine feste Umarmung austauschte. Meine Freunde werden mir sehr fehlen, das ist sicher.

Mittwochabend finalisierte ich mein Packen, zog mich um und verabschiedete mich von Angels Eltern. Wir luden das Gepäck ins Auto, stiegen ein und fuhren zum Flughafen. Es wurde nochmal stressig, weil die Unterkunft, die ich mir in Bogotá organisiert hatte, in letzter Minute geplatzt ist und wir meine neue SIM-Karte nicht aufladen konnten … Das Aufladen hat Angel dann erledigt, während ich schon über den Wolken dahinsegelte (von Cúcuta nach Bogotá) und eine Ersatzunterkunft hatte er mir auch noch organisiert. Die ist dann leider auch nicht zustande gekommen, sodass ich sehr provisorisch am Flughafen in Bogotá gecampt habe, bevor ich 8.10h am nächsten Morgen kolumbianischen Boden hinter bzw. unter mir ließ. Davon, von meiner laaaaaangen Reise, von allem was davor (seit dem letzten Post) und vor allem auch davon, was seit meiner Reise passiert ist, erzähle ich euch im nächsten Post … Was jetzt wichtig zu wissen ist, ist: ich bin heile angekommen und habe euch nicht vergessen.

Ein Gruß aus dem australischen Outback …
… y un abrazo fuerte! 

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Kolumbien, du wirst mir fehlen!

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Ten Things To Do In 2017

I already told you about this wonderful facebook page called „Berlin ArtParasites“ here – maybe you have already checked it out, maybe you will after this post, or maybe you simply won’t. Either way I found a post there today that resonated in me for a while and touched something in me. I’m hoping that in this new year I’ll be able to realise some of what it is about – because especially the first point of the list hit me. I actually found myself saying several times „the year went by so fast“ and it feels like I haven’t accomplished much.

I want to share this post with you so maybe it helps you realise that a new year (even just a new day!) is nothing but an opportunity to change things that you’re not happy with.  Here is the list of „Ten Things To Do In 2017“ (aawordthings via Tumblr) – I highlighted the parts that are most important to me.

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1. Take it a day at a time. You don’t have to know what you’re doing the next day or even the next hour. I’ve learned that the more you think in the future, the shorter the day seems and the months fly past you and you’re left feeling discontent and unsatisfied. It’s almost like everything has been in a blur, and you find yourself saying, “the year went by so fast”, even though you haven’t accomplished much. So do everything in the moment of ‘now’, and cherish each minute like it’s the last minute you have.

2. Let it go. You know nothing is going to change, because you can’t change people unless they truly want to and you can’t change the past either, and the sooner you realize this, you will spend more time being happy than in a constant battle with your mind and your heart. They need to rest too.

3. Take risks. If you never take any, the moment that turned out for the worst could have turned out for the best. This works vice-versa as well, but either way, you will learn from these experiences. You won’t forget how rapidly your heart was beating in these moments and how electric you felt. It will be worth it in the end, trust me.

4. Call up that person that you didn’t spend enough time getting to know, simply because you were too distracted with somebody else or just didn’t feel like you’d become something more than acquaintances. Greet strangers and embrace the idea of diversity. Ask questions about different cultures, morals, ideas, beliefs; educate yourself as much as you can.

5. Go ahead and wear that outfit you keep telling yourself that it doesn’t look good on you. You bought it because you liked it, yes? So, show it to the whole damn world. If you do it with a smile and confidently squared shoulders—even better. You are beautiful.

6. Instead of procrastinating and wallowing in self-pity, get up and do something. Sitting around is not going to do much but make you feel horrible, and you’ll create scenarios that may not even exist or be as big in your head that will cause matters to become worse. You want this to be your year of explosive progress? Set goals and strive to achieve them. You want to look back at the end of the year and say, “I did good”.

7. Spend more time with your family or friends. Build a support system so strong, that you will never feel lonely. In fact, this support system will lead you to feeling content even when you are alone, because you won’t feel the constant need to either be with someone or have somebody who loves you, because you know you’ll have people who love you and the more love you surround yourself with, the easier it becomes to love yourself too.

8. Be kind always and be angry when you need to be. Stand up for the ideas that you believe in and don’t back down from them just because you have a different opinion. Learn to love the sound of your voice when it bounces off the walls of a classroom full of people, because your voice has the power to change a million minds. Remember, you are allowed to feel whatever it is you feel.

9. Go on more road trips or just take a few minutes to be outside by yourself. Inhale and exhale the air around you. Watch the stars, the sunset, the sunrise, the birds flying in the sky, the cars passing by. Walk in the rain sometimes without an umbrella, instead of running. Let the sunlight soak your skin more often. God, isn’t the world itself beautiful?

10. Be faithful. This is the year you hoped to be better. Don’t let anything stop you from achieving that, because you are limitless as long as you believe yourself to be.

Aventuras Nuevas – Feliz Navidad y Feliz Año

Ich weiß, dass ich etwas spät dran bin für Weihnachtswünsche und irgendwie auch für Neujahrswünsche – sonst gar nicht mein Stil, aber wieso sollte es in Kolumbien anders sein als in Deutschland? Auch hier gab es last minute-Stress, verschiedenster Art. Aber der Reihe nach.

Zunächst einmal habe ich festgestellt, dass ich zu Weihnachten doch ein paar Menschen beschenken kann, und das hat mich recht glücklich gemacht. Das geht an Weihnachten oft verloren, finde ich: es geht nur um Geschenke und wer etwas bekommen muss, wer wohl beleidigt ist, wenn er nichts bekommt, für wen unbedingt das perfekte Geschenk gefunden werden sollte. Dabei geht es nicht mehr darum, warum man diesen Menschen beschenkt, sondern dass und was man schenkt. Ich hatte mich diesbezüglich auf ein ruhiges Weihnachten eingestellt, da ich nichts nach Deutschland schicken und von dort auch nichts empfangen konnte. Doch dann ist mir aufgefallen, dass ich mich bei einigen Menschen hier bedanken wollte, weil sie mein Leben hier erleichtert haben, mir Lasten abgenommen, mir geholfen, zur Seite gestanden oder mir ein Lächeln auf’s Gesicht gezaubert haben – und bei einigen auch, weil sie Freunde geworden sind.

Ich habe mich also in die Küche gestellt und deutsche Schwarz-Weiß-Kekse gebacken – die gehören bei uns zu Hause zur Weihnachtszeit dazu wie der Baum und der Adventskranz. Die habe ich dann hübsch verpackt (die Suche nach durchsichtigem Geschenkpapier war die reinste Odyssee!), kleine Nachrichten dazu geschrieben und an die Empfänger verteilt. Neben den kleinen Päckchen habe ich auch eine große Menge für meinen Gastvater abgepackt und auch für Angel’s Familie, bei der ich ein zweites zu Hause gefunden habe (sieht die zweckentfremdete ud neu gestaltete Douglastüte nicht aus wie eine „teure“ Verpackung  luxuriöser Backgüter? Ich war so stolz!). Meine Gastmama, Angel’s Mama und auch Angel haben noch extra Geschenke bekommen – und ich habe mich sehr glücklich gefühlt, dass ich an so viele Menschen denken kann, da ich noch nicht ganz 6 Monate hier lebe und schon so vielen Menschen dankbar sein kann. Das war für mich eine tolle Erfahrung.

Zusätzlich zu den Geschenken musste ich meine Koffer packen – ich bin am 23. zu Angel „gezogen“ für ein paar Tage. Das hatten wir schon vor ein paar Wochen so geplant, da es Unstimmigkeiten in meiner Gastfamilie gab und wir uns auf einen Auszug am 23.12. geeinigt hatten. Die Umstände dieser Entscheidung haben sich zwar wieder geändert, sodass das Packen im kleineren Stil verlief als ursprünglich angedacht, aber an dem Plan haben wir trotzdem festgehalten, da ich Weihnachten gerne mit ihm verbringen wollte. Aber nicht nur für den Aufenthalt bei ihm mussten meine Koffer gepackt werden, sondern auch für meine erste weitere Reise in Lateinamerika: am 26.12. sollte es für mich nach Peru gehen, genauer gesagt in dessen Hauptstadt Lima. Diese Reise war notwendig, um ein neues Touristenvisum beantragen zu können, da ich vorhabe, noch länger in Kolumbien zu bleiben und mein jetziges Visum nur bis zum 02.01. (morgen) gültig ist. Bei der Aus- und Einreise würde ich einen neuen Stempel in meinen Pass bekommen, der mir erlauben sollte, erneut 90 Tage in Kolumbien zu bleiben.

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Mein Lebenslauf – Hoja de vida

Mein Wunsch, länger in Kolumbien zu bleiben, hat mehrere Gründe: zum einen möchte ich länger bei Angel bleiben können und zum anderen möchte ich gerne weiter an meinem Spanisch arbeiten, was ich zu Hause in dem Stil wie hier nicht könnte. Da es aber in meiner Gastfamilie, wie erwähnt, Unstimmigkeiten gab und wir uns dazu entschieden hatten, den Vertrag nicht zu verlängern, musste ich mich nach einer Alternative umschauen, was ganz schön an meinen Nerven gezogen und auch die Zeit mit Angel belastet hat. Er hat mir geholfen mit allem, was ich nicht alleine schaffen konnte, und wir haben meinen Lebenslauf bei mehreren Englischinstituten eingereicht. Privat habe ich mich natürlich auch umgeschaut und -hört und es ergaben sich viele, viele Möglichkeiten … die leider alle nach und nach in sich zusammengefallen sind, leise, aber meine Welt hat es doch erschüttert. Ich habe während dieser Wochen gelernt, dass die Kolumbianer zwar sagen, dass sie helfen werden, aber eigentlich meinen, dass sie helfen möchten. Ein großer Unterschied, denn irgendwann stellten alle, die mir Hilfe zugesagt hatten, dann fest, dass sie nicht helfen konnten und ich stand da – desillusioniert, hilflos und ganz verzweifelt.

Zum Glück hat mich dann ein Englischinstitut zu einem Interview eingeladen – und ich werde im Februar beginnen, als Lehrerin in der ISE -International School of English- zu unterrichten. Die Stunden, die ich absolvieren muss, sind exorbitant, die Pflichten, die ich habe, sind kolossal und breitgefächert und die Arbeit, die ich außerhalb meiner Arbeitszeit abzuleisten habe, ist gewaltig. So viel zum Soll; auf der Haben-Seite steht ein ziemlich kümmerlicher Lohn und karge Freizeit, dafür aber Zeit in Kolumbien. Was tut man nicht alles …? Wie es eben in Kolumbien so ist, wird alles auf die letzte Minute erledigt, sodass ich am 23.12. morgens ins Institut musste, um meinen Vertrag zu unterschreiben und alles für den Antrag auf ein Arbeitsvisum vorzubereiten. Das hat ziemlich lange gedauert, und zum Arzt musste ich auch noch, sodass ich in Zeitstress kam. Das Arbeitsvisum zu beantragen habe ich nicht mehr geschafft, und muss ich jetzt recht fix erledigen. Ich hoffe, dass damit alles glatt läuft – drückt mir die Daumen!

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Glitzernde, blinkende Lichter kolumbianischer Weihnacht

Weihnachten war dann etwas ganz anderes als zu Hause – hier ist es eher eine große Party mit lauter Musik, viel Alkohol und blinkenden Lichtern. Mir hat die Besinnlichkeit, Ruhe und die Gemeinschaft gefehlt, und obwohl (oder gerade weil) ich inmitten von Angels spanischsprechender, kommender und gehender Familie saß, habe ich mich sehr einsam gefühlt und mich nach Hause gesehnt. Es gab keinen erkennbaren Ablauf für mich, kein Aufgehobensein, kein Zusammensein, wie ich es gewohnt bin und liebe, und auch keinen Baum oder Geschenke. Eine kleine Bescherung haben wir gemacht, als wir von der Familienfeier wieder zu Hause waren, und die Freude über mein Geschenk auf seinem Gesicht zu sehen, war unbezahlbar. Ich habe wieder etwas gelernt dieses Jahr: Weihnachten zu Hause ist etwas Besonderes, und etwas, das ich in den nächsten Jahren mehr zu schätzen wissen werde.

Am 26. hat Angel mich dann morgens zum Flughafen gefahren und ich machte mich auf die Reise nach Lima (Peru) mit Stopover in Bogotá (Kolumbien). Am 31.12. bin ich um kurz nach Mitternacht wieder auf kolumbianischem Boden gelandet und habe gemerkt, wie sehr das ein Gefühl von „nach Hause kommen“ ist, gerade auch dann, als ich gegen 8 Uhr morgens nach einer komplizierten, turbulenten Heimreise leichten Schrittes in Angels Arme lief, der mich in Cúcuta abholte. Mit ihm und seiner Familie habe ich dann auch Silvester verbracht und jetzt ist schon das neue Jahr! Wie flugs das ging! Irgendwie fühlt es sich an, als wäre gerade gestern alles losgegangen mit 2016 … und plötzlich ist es 2017. Bevor es wieder losgeht mit dem ganzen Organisieren, das ansteht, möchte ich mir aber noch die Zeit nehmen, euch meine Wünsche für Weihnachten und Neujahr zu überbringen (nachträglich zwar, aber trotzdem mit der gleichen Herzlichkeit):

Ich hoffe, dass ihr alle eine wundervolle Weihnachtszeit hattet, mit Menschen, die euch am Herzen liegen und denen ihr „Danke“ sagen konntet. Dass ihr zu Weihnachten und auch „zwischen den Jahren“ Zeit hattet, euch zu besinnen auf das, was euch wichtig ist, was gut lief und was zum Glück vorbei ist. Dass ihr reflektieren konntet, was ihr alles geschafft, erreicht und überlebt habt, was euch stärker gemacht und was euch etwas gelehrt hat. Dass ihr euch klar werden konntet darüber, was euch für 2017 wichtig ist, was ihr erreichen wollt und welche Ziele ihr habt. Welche Menschen ihr in eurem Leben haben wollt und braucht und welchen ihr vielleicht freundlich die Tür aufhalten solltet. Ich hoffe, dass ihr gut ins neue Jahr gestartet seid und dass ihr die vielen weißen Seiten, die das Jahresbuch euch bietet, freudig und zuversichtlich mit Farben und Musik, mit Abenteuern, Liebe und Freude, Glücksmomenten, Frieden, gemeinsamer Zeit, Freundschaft … und Leben füllen werdet. Ich wünsche euch, dass ihr 2017 zu eurem Jahr machen und zum Zeitpunkt der nächsten Jahreswende zufrieden sein könnt mit dem, was war, und neugierig auf das blicken werdet, was kommt. In diesem Sinne:

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Aventuras Nuevas – Schon wieder Post!

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Und ich hab schon wieder Post bekommen – ist das toll! Dieses Mal eine Karte im Briefumschlag, ebenfalls am 19.7. abgeschickt, ebenfalls für meinen Geburtstag. Ich freue mich sehr und werde sie zu der ersten Karte an meine Postkartenwand hängen, die hoffentlich bald voller wird! 🙂 Dankeschön Mama  ❤

 

Aventuras Nuevas – Un regalo

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Melcocha – typische kolumbianische Süßigkeit

Ich hatte ja schon erwähnt, dass Angel und ich uns treffen, um Spanisch bzw. Deutsch zu lernen. Wenn wir uns treffen, bringt er oft eine Kleinigkeit mit, Bonbons oder eine typische kolumbianische Süßigkeit oder er kauft mir irgendwas zu trinken, auch wenn ich behaupte, nicht durstig zu sein (er hatte durchschaut, dass ich mich noch nicht traue, alleine zu bestellen). Außerdem kümmert er sich um mich, wenn ich Hilfe brauche: er erklärt mir das Straßensystem, fährt mich nach Hause, wenn es dunkel ist und wenn ich zu Fuß gehe, möchte er, dass ich ihm schreibe, wenn ich heile angekommen bin, wo ich hinwollte. Wenn’s mir nicht gut geht, kann ich ihm schreiben und er ist für mich da und bald wird er mir auch mit meinem ersten Friseurbesuch hier in Kolumbien helfen. Ist ja klar, dass ich das sehr zu schätzen weiß, denn sowas ist absolut nicht selbstverständlich, finde ich.

Als ich ihn fragte, was ich ihm denn mal schenken könnte, irgendetwas Kleines, meinte er, das sei nicht nötig. Als ich nicht locker ließ, meinte er: „Okay, es gibt etwas! Keine unregelmäßigen Verben mehr, bitte!“ Die findet er verständlicherweise schwierig und furchtbar. Leider geht’s aber nicht ohne … Ich hab also lange überlegt und dann kam mir die Idee: Kinderschokolade! Schokolade ist hier sehr teuer und daher etwas Besonderes und Kinderschokolade ist nun mal typisch deutsch. Die gibt es hier im éxito, einem Supermarkt, für 6450COP (Kolumbianische Pesos). Umgerechnet sind das etwa 2€. Man teilt einfach den Preis durch 3000 und hat Pi-mal-Daumen den Euro-Preis.

Außerdem hatte Angel mir erzählt, dass seine dreijährige Nichte aus Venezuela über das Wochenende zu Besuch kommen würde und er liebt sie total. In Venezuela ist die Situation sehr schwierig, ich weiß nicht, wie viel davon in Deutschland (bzw. dort, wo ihr euch aufhaltet) ankommt. In den Supermärkten gibt es keine bzw. kaum Nahrungsmittel, Kosmetik- oder Haushaltsartikel, die Menschen ernähren sich größtenteils von Kartoffeln, Reis und Dingen, die man aus Mehl herstellen kann, alles ist sehr teuer und schwierig zu bekommen, Medikamente gibt es auch kaum noch und eine Ausreise nach Kolumbien war bis vor Kurzem nicht möglich. Cúcuta liegt nur ca. 50km von der Grenze zu Venezuela entfernt und kurz nach meiner Ankunft hier wurde diese (ich glaube 2x) für einen halben Tag geöffnet, sodass Venezuelaner in die Stadt kommen und hier Lebensmittel kaufen konnten. Über 10.000 Menschen kamen an einem dieser Tage und kauften die Supermärkte leer. Ehrlich, leer. Es gab nach diesen Tagen einige Dinge nicht mehr zu kaufen. Es muss furchtbar sein dort drüben. Wir hatten auch eine Familie hier, die Venezuela verlassen hat – Mutter, Vater, 2 Kinder. Der Vater hatte eine Firma und alles war gut, bis er sie an die Regierung verloren hat. Dann hatte die Familie nichts mehr, aber wirklich nichts. Als sie bei uns ankamen, konnten sie nicht fassen, was es hier alles gibt. Im Supermarkt haben sie Fotos gemacht von allen Lebensmitteln und erzählten, dies sei das erste Mal nach 3 Jahren, dass sie sich mit Seife und Schampoo waschen könnten. An der Grenze wurde ihnen auch alles Geld abgenommen und dann wurde behauptet, sie hätten noch nicht bezahlt für die Ausreiseerlaubnis. Zum Glück kannte einer der Militärbeamten dort den Papa hier, hat ihn angerufen und als ihm bestätigt wurde, dass die Familie Freunde von ihm seien, half er ihnen, ging mit ihnen zu den Beamten, die sie abgezockt hatten und veranlasste, dass alles geregelt wurde. Furchtbar, ich kann mir das gar nicht vorstellen und würde es auch nicht glauben, wenn ich es nicht miterlebt hätte.

Jedenfalls hatte Angels Nichte von ihren Eltern die Erlaubnis bekommen, für ein Wochenende hierher zu kommen. Da ich Angel nicht irgendeinen nutzlosen Kram kaufen wollte und ich wusste, wie sehr er seine Nichte liebt, habe ich beschlossen, einfach etwas für sie zu kaufen. Ich dachte mir, wenn sie glücklich ist, ist er es auch, und das ist ja die Idee hinter dem Geschenk. Die Idee kam mir, als ich in der Shoppingmall durch Zufall in einen Buchladen geriet. Dort lagen glitzernde, bunte Kinderbücher aus und ich wusste sofort: du kaufst „Carlita“ ein Buch! Ich wollte ihr etwas schenken, mit dem sie nicht nur spielen kann, sondern das sie auch in ihrer Bildung unterstützt. Bücher sind hier auch eher ein Luxusgut, was ich sehr schade finde, denn meine Liebe zu Büchern ist so riesig, weil ich sie als Kind kennen- und liebengelernt habe.

Ich entschied mich nach langem Suchen für „El jardin mágico de la pequeña Hada“, also „Der magische Garten der kleinen Fee“. Dieses Buch war ab 3 Jahren, es gab schöne Bilder und nicht zu viel Text und außerdem Magnetbildchen, die ergänzend zum Text (oder auch einfach wahllos) auf die magnetischen Seiten gelegt werden konnten. Carlita würde Spaß daran haben, die Magnete anzubringen und zu betrachten, gleichzeitig würde sie die Wörter spielerisch lernen und später auch den Text selbst lesen lernen können, so dachte ich mir. Ein Geschenk, das länger vorhält. Dieses Buch kostete 18000COP, also umgerechnet 6€, was ich total gut finde für ein Buch! In Bildung kann man nicht genug investieren.

Ich kaufte es und dann im Exito noch 2 Tafeln Kinderschokolade, packte zu Hause alles ein und am Abend traf ich mich mit Angel. Die Geschenke für Carlita kamen in relativ buntes Papier, Angels Schokolade verpackte ich in ein weißes A4-Blatt und schrieb mit verschiedenen Farben „Danke“ in allen Sprachen auf, die wir beide sprechen. Als ich ihm die Tüte mit Geschenken gab, bekam er große Augen und fragte ungläubig: „Das alles? Das ist zu viel!“ Als ich uns Getränke kaufte (ich traue mich mittlerweile, alleine zu bestellen) kam er plötzlich mit einem kleinen Mädchen auf dem Arm ins Café! Oh, die Kleine sah richtig süß aus, aber auch müde und schüchtern war sie – ist ja klar, ich sehe ganz anders aus als alles, was sie bisher kennt, und dann spreche ich auch noch komisch …

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Wieder zurück am Tisch schlug ich vor, ihr das Geschenk jetzt zu geben. Sie saß auf Angels Mamas Schoß und wusste erst nicht so recht … aber dann begannen ihre Finger zögerlich, das Papier zu öffnen. Als sie den pinken Umschlag des Buches sah, sah ich ehrliche Kinderfreude: ihre Augen wurden groß, ihr Mund lächelte und sie zog freudig-überrascht die Luft ein, dann arbeiteten ihre kleinen Fingerchen sich blitzschnell durch das Papier. Sie konnte es nicht fassen! Auch Angel und seine Mama saßen mit großen, funkelnden Augen daneben – und diese Szene miterleben zu dürfen, war das allerbeste Geschenk für mich. Es war ein richtig magischer Moment und ich konnte die Freude und Überraschung in der Luft fast greifen. Ein kleines Buch und ich mache 3 Menschen glücklich- wie wundervoll.

Sie war immer noch scheu mir gegenüber, aber das ist ja klar. Sie flüsterte Angels Mama etwas ins Ohr: „Wir werden Mama und Papa erzählen, jemand hat mir eine Überraschung bereitet.“ Carlita bestand darauf, das Buch überall mit hinzunehmen und Angel berichtete mir später, sie hätte ihm nicht erlaubt, ihr beim Tragen zu helfen. Auch zu Hause hätte er das Buch immer wieder auf den Schoß gelegt bekommen. Ach, wie mich das freut 🙂

Seit einigen Tagen habe ich den Spruch auf dem Bild unten im Kopf, also in etwa: „In einer Welt, in der du alles sein kannst, sei freundlich.“ Und außerdem diese Zeile aus „The End“ von den Beatles, in etwa: „Am Ende ist die Liebe, die du nimmst, die Liebe, die du gibst.“ Und in diesem Moment, in dem Carlita überrascht einatmete und die Augen von Angels Mama leuchteten und Angel die Kleine beobachtete und lächelte, habe ich das, was ich gegeben hatte, zurückbekommen. Ich hatte das Gefühl, wir saßen in unserer eigenen kleinen Blase aus Überraschung und Freude und Liebe und das Leben um uns herum stand kurz still – das war ein einzigartiger und wundervoller Moment und ich werde mich hoffentlich immer an dieses Gefühl erinnern, und auch daran, dass Geben und Lieben sich immer lohnen. Ich habe das gegeben, was ich selbst am meisten brauche und es zurückbekommen.

Euch sende ich auch ganz viel Liebe und un abrazo grande! xx

Achterbahn nach Südamerika

Punkt 8: „Je planmäßiger die Menschen vorgehen, globedesto wirksamer vermag sie der Zufall zu treffen.“

Friedrich Dürrenmatt, 21 Punkte zu den Physikern, 1962

 

Aus den 21 Punkten zu „Die Physiker“ von Dürrenmatt beschreibt dieser haargenau meine kleine Achterbahnfahrt zur Gastfamilie in Südamerika! Vor ca. 1,5 Monaten habe ich mich bei 3 Aupair-Seiten angemeldet, mit dem klaren Plan, mich der Welt der potentiellen zukünftigen Arbeitgeber als einziges für sie in Frage kommendes Aupair vorzustellen.  😉 Das war teilweise ganz schön viel Arbeit, da alle Webseiten unterschiedliche Profilstrukturen hatten. Also mussten Texte umgeschrieben und angepasst, Fotos mehrmals hochgeladen, vergrößert oder verkleinert und zusätzlich noch vorgefertigte Ankreuztests ausgefüllt werden.

Ich habe es aber geschafft und schon bald versendete ich die ersten Bewerbungen und bekam auch die ersten. Nun ist das ja immer ganz einfach – man liest eine Bewerbung oder ein Profil und findet sofort die passende Familie. Genauso einfach lassen sich die richtigen Zahlen für den Sechser im Lotto ankreuzen …

Ich fand schon nette Familien, aber irgendwie fehlte immer dieses gewisse Etwas, der Funken und das Gefühl, dass es passt. Man schrieb ein bißchen hin- und her und es war nicht so, dass mir die Familien unsympathisch waren, aber auch nicht so, dass ich das Gefühl hatte, dass sich ein „home away from home“-Gefühl einstellen würde. Ich hatte nie das Gefühl, dass es okay wäre, wenn ich mal schlechte Laune hätte, mal überfordert wäre mit allem, einfach nur nach Hause wollen würde … da kamen die alten Erinnerungen wieder hoch an die Zeit mit meiner ersten Familie in Australien, die nicht so toll war. Auf keinen Fall wollte ich wieder das Risiko eingehen, mutterseelenallein am anderen Ende der Welt zu sitzen, ohne Geld und ohne Freunde und dann auch zusätzlich noch ohne Sprache – ich kann immer noch nicht mehr Spanisch als im Februar.

Dann bekam ich Elisas Nachricht – sie war freundlich, witzig, übersprudelnd, aber gleichzeitig auch beruhigend und willkommenheißend. Mein Bauch grummelte auch sogleich seine Zustimmung und wir verabredeten uns für ein skype-Interview. Wir mussten es dann spontan verschieben, weil sie so herrlich verplant war und die Geburtstagsparty ihrer Schwester vergessen hatte – sie wurde mir immer sympathischer, denn ich bin ja auch mal verplant. Nicht perfekt sein zu müssen als Aupair nimmt schon enorm den Druck. In unseren Mails und WhatsApp-Nachrichten und auch bei unseren 2 Skypedates, bei denen ich auch ihren Mann kennenlernte, war schnell klar, dass wir gut zusammenpassen würden und gegenseitig Favourit waren. Ich grinste die ganze Zeit vor mich hin und hüpfte mental schon ins Flugzeug nach Chile.

Und dann kam die Absage – nett verpackt, aber ein Nein ist ja nicht weniger doof mit Schleife drum und Glitzer drauf. Das war hart. Richtig, richtig hart. Ich habe geweint. Es war so plötzlich und tat uns beiden so Leid – ich konnte sofort sehen, dass es eine schlechte Nachricht wird, als ihr skype-Bild erschien. Wir werden weiter Kontakt halten und ich kann eventuell nächstes Jahr kommen – trotzdem war ich am Boden zerstört. Kennt ihr das, wenn ihr euch etwas so sehr wünscht, dass es wehtut und ihr denkt, ihr solltet euch nicht darauf versteifen, es könnte immer noch etwas schief gehen, aber euer Herz trotzdem noch die Hoffnung hegt und pflegt und einfach nicht auf den vernünftigen Part hören will? Und dann kommt ein Gewitter mit Donner, Blitz und Hagel und macht das Babypflänzchen Hoffnung kaputt? Tja, das war der Zufall, der mich sehr wirksam getroffen hat – dankeschön, Herr Dürrenmatt.

Während ich in Kontakt mit Elisa stand, hatte ich auch mit Renata gesprochen – die in unseren Gesprächen so herzlich und bemüht war, mir zu helfen, meine Fragen zu beantworten, Sorgen zu nehmen und mir im Vorfeld schon alle Unterstützung zuteil werden zu lassen, die man sich wünschen kann, sodass ich einfach mal mutig war und zugesagt habe. Ich habe immer noch dolles Bauchkribbeln, weil ich gar nicht so richtig weiß, was mich erwartet – ich war ja noch nie in diesem Teil der Welt, ich spreche die Sprache nicht, die Mentalität scheint eine ganz andere zu sein … und es ist so verdammt viel vorzubereiten!!

Oh mein Gott. Man gebe mir bitte einen Eimer mit Sand, in den ich meinen Kopf stecken kann. Aber gleichzeitig freue ich mich auch wie irre – ich bin meinem Traum, wieder zu reisen und endlich Spanisch zu lernen, ein großes Stück nähergekommen. Ich kann meiner Sehnsucht endlich wieder gerecht werden, neue Dinge lernen, Erfahrungen machen, neue Freundschaften schließen, Altlasten hinter mir lassen und wachsen, wachsen, wachsen – Kolumbien, ich komme!  Colombia, estoy en mi camino! ♡

Und jetzt Vorhang auf für euch: Bitte freut euch mit mir! 🙂

columb

Ferien in Faßberg

Hallo liebe Lebensmaler 🙂

In meinen Sommerferien habe ich einem Impuls folgend ganz überraschend meinen Onkel plus Familie in Faßberg besucht. Faßberg liegt im Landkreis Celle, ca. eine Dreiviertelstunde von der Stadt Celle entfernt. Rundherum liegen Orte mit den witzigen Namen Müden, Hermannsburg und Wietzendorf, und zu finden sind diese Ortschaften in einer ländlichen Idylle aus Wald, (Lüneburger) Heide und wahlweise blauem oder grauem Himmel.

Außerdem gibt es in Faßberg den Truppenübungsplatz Munster. Da dort mein Onkel und mein Cousin arbeiten, durfte ich mir ihre Wirkungsstätte mal aus der Nähe ansehen. Mein Cousin ist z.B. dafür zuständig, „Kulissen“ aufzubauen, auf die die Panzer dann aus verschiedenen Entfernungen zielen. Von einem alten Bunker aus ließ ich meinen Blick schweifen:

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Blick vorbei am Bunker.

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Meterdick sind die Bunkerwände, um vor Angriffen zu schützen.

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Gekonnt düster setzt sich der Truppenübungsplatz in Szene.

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Unendliche Weite.

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Ein kleiner Lichtblick am Fuße des Bunkers.

Namensgebend für Faßberg war der … ihr habt es erraten: der Faßberg, der seinen Namen eigentlich nicht verdient, denn er ist bescheidene 92m hoch und ich hatte das Gefühl, man hat die Stelle für das Gipfelkreuz ausgewürfelt. Trotzdem ließ es sich wirklich schön durch die Heide wandern, zumal der Wind die dunklen Wolken weggepustet hat und die Sonne dem Wind die Schärfe nahm. Nicht nur Heidegewächse lieben den Boden hier, sondern auch andere Gräser und Blumen wachsen in die Höhe. Was in Frühling und Winter trost- und leblos erscheint, erwacht in Sommer- und Herbstmonaten zu lila Leben: tausend Heidekrautgewächse entfalten ihre violette Pracht und verwandeln die Landschaft in einen leuchtenden Teppich. Damit Gräser, Blumen und auch Jungbaumpflanzen nicht Überhand nehmen, grasen Heidschnucken diesen Teppich ab und halten ihn so sozusagen „sauber“. Auch Kiefern und Birken wachsen in der Heide gerne und viel. Durch diese Umgebung wandernd konnte ich plötzlich die ständige Sehnsucht meiner Oma nach der Heide verstehen.

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Leuchtende Heide mit Gräsern – ein wunderbarer Kontrast.

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Mein liebstes Motiv.

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Das Gipfelkreuz ist ein schönes Motiv an sonnigen Tagen.

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Ein einsames, violettes Büschel …

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Nach dem Spaziergang durch die Heide fuhren wir durch viele kleine Orte und erreichten schließlich den nördlichen Rand des Naturparks Südheide. Dort befindet sich der Heidesee, in dem bis zum Ende der 60er Jahre Kieselgur abgebaut wurde. Jetzt ist es dort möglich, zu angeln, am Ufer und durch die umliegenden Wälder zu wandern und auch Sand wurde aufgeschüttet, sodass bei schönem Wetter gebadet und sich gesonnt werden kann.

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Blau-sandfarbenes Wasser mit Windmuster …

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Danach fuhren wir noch eine ganze Weile durch Kiefernwälder, bis wir zum „Angelbecks Teich“ kamen. Hier wuchs eine Unmenge an Heide, bis das Gebiet im 19. Jahrhundert aufgeforstet wurde. Die trockenen Kieferwälder sind jedoch äußerst brandgefährdet und 1975 wüteten hier Flammen, die sich den Baumbestand vollständig einverleibten. Zusätzlich zu der nach dem Waldbrand wachsenden Heide wurde ein Löschteich angelegt, der heute als Angelsbecks Teich ein gerne besuchtes Erholungsziel darstellt. Unsere Familien sind hier anscheinend schon spazieren gegangen, als ich noch klein war – daran habe ich keinerlei Erinnerungen, aber den See fand ich dennoch schön: schiefergraues Wasser mit vom Wind hineingefurchten Mustern, leuchtende Blumen und Heidekraut drumherum … irgendwie verwunschen und gleichzeitig gemütlich. Vereinzelt standen Liegen bereit, auf denen man sich niederlassen konnte, wenn man die Szenerie länger betrachten oder mit geschlossenen Augen die Stille oder Geräusche der Natur aufnehmen wollte.

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Ich bin viel spazierengegangen und habe die Weite genossen, die die Landschaft so wunderbar zeigte. Alles habe ich in den zwei Tagen, die ich dort oben war, natürlich nicht gesehen. Wir sind an vielen Mühlen vorbeigefahren, alten Fachwerkhäusern, Höfen und Teichen, Seen und Waldgebieten, die ich hoffentlich beim nächsten Besuch näher unter die Lupe nehmen kann.