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Aventuras Nuevas – Alles neu! – Teil 2

Herzlich Willkommen zu Teil 2 von „Alles neu!“ Wir waren stehen geblieben an dem Punkt, an dem meine Pläne, als Lehrerin in Kolumbien zu bleiben, mit lautem Klirren zu einem beträchtlichen Scherbenhaufen zusammenfielen.

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Angie und ich bei einem die Seelenrisse kittenden Eis

Zum Glück gibt es Angie, meine beste Freundin in Kolumbien. Inmitten unserer jeweiligen chaotischen Leben haben wir uns getroffen und bei einem Picknick alles erörtert, auseinandergepflückt, zusammengesetzt und erneut durchgekaut, bis wir uns beide etwas leichter fühlten mit allem, was sich auf uns stürzt und uns unter sich begräbt. Es tat so gut, sich mit ihr alles von der Seele zu reden, alles 3x zu sagen, weil es so ätzend ist, und sich verstanden zu fühlen. Während dieses Gesprächs sprachen wir u.a. darüber, was denn im Falle einer Absage meine Optionen wären, und ich scherzte: „I’ll just go back to Australia.“ Und es war ein Scherz, ich schwöre. Doch wie es so ist, in jedem Scherz steckt auch ein Körnchen Wahrheit und ich konnte diese Idee nicht davon abhalten, sich in meinem Kopf und Herzen einzunisten.

Für alle, die 2013 noch nicht mitgelesen haben: ich habe damals als Backpackerin von Februar – Juli auf einer Rinderfarm im Outback gelebt und gearbeitet. Viele meiner damaligen Beiträge findet ihr ab Februar 2013 im Archiv bzw. unter der Kategorie „Farm Charm“.

Ich habe also Kontakt mit meiner Gastfamilie von damals aufgenommen und gefragt, ob sie mich eventuell wieder aufnehmen würden. Keine 12 Stunden später hatte ich eine Antwort und mir fiel der Mount Everest vom Herzen. Ich sei immer willkommen und müsse ihnen nur meine Reisedaten mitteilen. Gesagt, getan – ich buchte einen Flug, kümmerte mich um die jeweils nötigen Visa, schickte die Infos nach Australien … und machte mich Millionen Mal ans Aussortieren/Koffer-Probepacken. Geplant war, mit einem Touristenvisum 3 Monate in Australien zu bleiben und dann für einen Monat nach Kolumbien zurückzukehren, um mit Angel seinen Geburtstag zu feiern, bevor es am nächsten Tag zurück nach Deutschland gehen würde. Ich hatte mich gegen eine sofortige Reise nach Hause entschieden, weil ich so meine Auslandskrankenversicherung verlieren und dies eine sehr lange zeitliche Trennung von Angel bedeuten würde. Durch die Reise nach Australien bliebe die Versicherung bestehen und er und ich würden uns vor der unausweichlichen Trennung im Juli nochmal sehen.

Den Januar sollte ich ja sowieso bei meiner Gastfamilie in Kolumbien bleiben und ich habe ihnen dann noch den Februar gegeben, damit sie sich nach jemand neuem umschauen können. Ich fand es unfair, von heute auf morgen zu verschwinden (obwohl ich das gekonnt hätte), aber auf keinen Fall wollte ich bei ihnen bleiben. Das war eine gute Entscheidung. Mit dem Wissen, dass ich bald gehen würde, ließen sich der restliche Januar und der Februar gut überstehen, aber die Atmosphäre war keine schöne und verschlechterte sich zusehends. Zu vielen Dingen nickte ich einfach nur noch, weil ich keine Lust mehr hatte, mich darüber aufzuregen, aber ich fühlte mich zunehmend eingeengt und eingeschränkt, ungerecht behandelt und unwohl. Am Ende ging es dann tatsächlich im Streit auseinander, womit ich ja schon im letzten Jahr gerechnet hatte. Ich habe aber irgendwann genug davon gehabt, alles hinzunehmen, zu nicken und „ja und Amen“ zu sagen. Nicht nur das Aupair muss sich in gewissem Grade anpassen, sondern auch eine Familie muss sich auf die Bedürfnisse und Wünsche des Aupairs einstellen, und irgendwann habe ich meine Hacken in den Boden gestemmt und mich gegen die Zügel der Familie gewehrt. Kam nicht so gut an.

Am Samstag, 04. März, zog ich aus, ohne richtiges Abschiedsgeschenk von der Familie und tatsächlich auch ohne Abschied von Seiten meines Gastvaters, der mich gegen Ende komplett ignorierte. Ich konnte nur den Kopf schütteln, denn obwohl die letzten Tage alles andere als schön waren, hatte ich Abschiedsgeschenke für die Familie vorbereitet.

Ich zog bis Montagabend zu Angie. Koffer, Boxen und Taschen ließ ich bei Angel, zu dem ich Montagabend ziehen sollte. Mit meiner Reisetasche machte ich mich nach einem kurzen Treffen mit Angel mit dem Bus auf den Weg nach Villa del Rosario, wo Angie mich vom Bus abholte. Die Familie hatte mir untersagt, Angie dort zu besuchen, aus „Sicherheitsgründen“. Dass sie mir damit die Chance nahmen, meine beste Freundin zu sehen und ihre Familie kennenzulernen, berührte sie nicht. Umso mehr genoss ich es, dass mich Angies Familie so selbstverständlich aufnahm, als gehörte ich schon ewig dazu. In diesen 2,5 Tagen habe ich mich wohler gefühlt in einem zu Hause als die letzten 8 Monate zuvor. Mir wurde klargemacht, dies sei jetzt auch mein zu Hause, ich solle mich wohlfühlen. Wir aßen zusammen, unterhielten uns, scherzten, lachten, tauschten uns aus, halfen einander. Ich fühlte mich so geborgen und angenommen und die Zeit mit Angie zu verbringen, war so wunderbar. Ich kochte für ihre Familie Kartoffelpuffer, um mich zu bedanken für alles, und als ich mich am Montagnachmittag verabschiedete, wurde ich so herzlich gedrückt und die Einladung, im Juni wieder bei ihnen zu wohnen („Eres bienvenida siempre, esta es tu casa“), klang schon fast wie eine Feststellung, als sei es klar, dass ich dann wieder bei ihnen wohnen würde. Ich lief über vor Dankbarkeit und Zuneigung.

Ich erledigte noch einige Dinge, bevor ich zu Angel fuhr und verbrachte die letzten Tage dort recht unabhängig. Dienstag hatte ich zum letzten Mal Physiotherapie, ging zum Friseur, erledigte noch ein paar Einkäufe, schrieb ein paar Nachrichten und kochte abends wieder Puffer, diesmal für seine Familie. Am Mittwoch lud er mich zu einem vegetarischen Mittagessen ein (überlaufendes Herz und strahlendes Gesicht meinerseits) und danach fuhren wir zu Freunden seiner Familie, wo extra für mich noch eine kolumbianische Spezialität gebacken wurde. Ich hab leider vergessen, wie sie heißt, aber sie erinnert mich an eine Mischung aus Fladenbrot und Pfannkuchen, und ist an sich schon ziemlich süß, aber die Kolumbianer  essen sie mit leche condensada (Kondesmilch) – und zwar richtig, richtig viel. Ich habe einfach weniger davon über die Fladen gegossen und es war sooo lecker! Das war ein schönes Abschiedgeschenk.

Von allen meinen Freunden hatte ich mich in meiner letzten Woche bei der Familie verabschiedet. Jeden Abend war ich froh, die Haustür hinter mir zuzuziehen und mich auf Menschen freuen zu können, die gerne Zeit mit mir verbringen, an mir interessiert sind und die meine Ansichten teilen. Schon lange vorher traf ich Francisco, mit dem ich Eis gegessen habe, bevor er selbst zurück nach Venezuela gereist ist, wo er lebt. Ich lief in Horacio hinein und freute mich total über dieses spontane Treffen. Marcela und Carol, die selbst je 2 Aupair-Jahre in den USA hinter sich hatten, luden mich zu einer Pizza ein, nach der ich endlich mal richtig satt war, und wir sprachen über das Aupairleben, Gastfamilien, ihre jetzige Arbeit, Sprachen lernen, was wir zusammen erlebt haben und was die Zukunft für uns wohl bringen würde. Ich traf Rafael, mit dem ich redete und redete, ich traf Alejandra, die mir ein wundervolles Abschiedsgeschenk machte und mit der ich das ganze Treffen lang auf Spanisch sprach – und es fiel mir nicht mal schwer! Ich traf Jaime, dem ich über die Maßen dankbar einen Berg ausgeliehene Bücher zurückgab und ich traf Jodi, mit der ich ebenfalls Eis aß und zum letzten Mal tiefgründige Gespräche führte.

Alle meine Freunde und Bekannten vom Spielplatz hatte ich in den vorangegangenen Tagen davon unterrichtet, dass ich bald gehen würde und sie kamen nach und nach, um mich zu umarmen, sich zu verabschieden, Nummern auszutauschen und noch ein letztes Foto mit mir zu machen. Meine beste Spielplatz-Freundin Juliana und ihre Mama Ximena machten mir ein Geschenk, und das war so wunderschön, weil es unerwartet war: eine Zeichnung samt Brief von Juliana und ein Gutschein für eine Mani-Pedi, zum Entspannen! Das hat mich über alles gefreut, weil es in krassem Gegensatz zu den nicht vorhandenen Geschenken meiner Gastfamilie stand. Zu sehen, dass sich Menschen auf dem Spielplatz so sehr um mich kümmern und sich solche Gedanken und Mühen machen, hat bewirkt, dass mir warm um’s Herz wurde. Und an meinem letzten Tag auf dem Spielplatz kam sogar mein Pflegehund nach Wochen der Abwesenheit mal wieder vorbei und brachte uns nach Hause. Ich habe mich so unendlich gefreut, Caramelo noch ein letztes Mal zu sehen und in den Arm nehmen zu können. Er ist mir sehr ans Herz gewachsen, genau so wie Maria Elizabeth, mit der ich mich am Montag vor der Manip-Pedi-Behandlung nochmals traf und Geschenke, Neuigkeiten und eine feste Umarmung austauschte. Meine Freunde werden mir sehr fehlen, das ist sicher.

Mittwochabend finalisierte ich mein Packen, zog mich um und verabschiedete mich von Angels Eltern. Wir luden das Gepäck ins Auto, stiegen ein und fuhren zum Flughafen. Es wurde nochmal stressig, weil die Unterkunft, die ich mir in Bogotá organisiert hatte, in letzter Minute geplatzt ist und wir meine neue SIM-Karte nicht aufladen konnten … Das Aufladen hat Angel dann erledigt, während ich schon über den Wolken dahinsegelte (von Cúcuta nach Bogotá) und eine Ersatzunterkunft hatte er mir auch noch organisiert. Die ist dann leider auch nicht zustande gekommen, sodass ich sehr provisorisch am Flughafen in Bogotá gecampt habe, bevor ich 8.10h am nächsten Morgen kolumbianischen Boden hinter bzw. unter mir ließ. Davon, von meiner laaaaaangen Reise, von allem was davor (seit dem letzten Post) und vor allem auch davon, was seit meiner Reise passiert ist, erzähle ich euch im nächsten Post … Was jetzt wichtig zu wissen ist, ist: ich bin heile angekommen und habe euch nicht vergessen.

Ein Gruß aus dem australischen Outback …
… y un abrazo fuerte! 

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Kolumbien, du wirst mir fehlen!

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Aventuras Nuevas – Bucaramanga 2

Da bin ich wieder mit dem ersten Tag, den Angel und ich in und um Bucaramanga vebracht haben!

Wir sind, wie gesagt, morgens aufgestanden und hatten die Wohnung für uns alleine. Angel hat uns Frühstück gemacht, das wir von der Couch aus mit Ausblick auf die sonnenbeschienenen Berge genossen haben. Dann habe ich alles abgewaschen, was so an Geschirr um die Spüle herumlungerte, wir haben unseren Rucksack gepackt für den Tag und sind losgezogen. Unsere Wasserflasche haben wir vergessen – das haben wir natürlich festgestellt, direkt nachdem wir die Türen hinter uns zugeschlagen hatten. Logisch! Wir sind dann trotzdem unbetrübt mit einem Bus Richtung Stadtzentrum gefahren und hatten den Plan, uns dort alles ein bißchen anzusehen und dann mit einem Bus zu dem nahegelegenen Parque Nacional del Chicamocha zu fahren.

Das erste, was wir gesehen haben, nachdem wir aus dem Bus ausgestiegen sind, war eine farmacia alemana – anscheinend der Zuwanderung der Deutschen in der 1860er und 70er Jahren geschuldet (mehr Infos hier) – und gleich danach habe ich etwas gesehen, dass ich schon immer probieren wollte: mango espaghetti. Für diesen Snack werden unreife Mangos an kleinen Ständen am Straßenrand geschält, zu Spaghettischnüren geschnitten und dann mit Salz, Pfeffer und Zitronensaft in einem Becher serviert. Ich habe das schon in Cúcuta gesehen, mich aber nicht getraut, alleine einen Becher der Mangospaghetti zu kaufen. Mit Angel an meiner Seite aber doch – und ich durfte sogar Fotos von der Verarbeitung machen. Die Mangos sind, wie gesagt, unreif, und darum haben sie zwar den bekannten Mangogeschmack, aber ohne die starke Süße, sodass die Gewürze und der Saft perfekt die vorhandene Süße ergänzen. Muy rico!

Nachdem wir also mango espaghetti für mich gekauft haben, sind wir über den Platz und durch den Park gewander. Auf der einen Seite gab es verschiedene, offiziell aussehende Gebäude: der palacio municipal wurde flankiert von zwei Gebäuden, deren Namen oder Bestimmung ich nicht herausfinden konnte. Auf allen anderen Seiten gab es Läden, Stände, Shops, Restaurants … alles in einem bunten Durcheinander, inmitten dessen eine angebundene Kuh darauf wartete, ge- bzw. verkauft zu werden. Wir sind dann in eine der vom Park wegführenden Straßen abgebogen und haben uns auf den Weg zum Busterminal gemacht, wo wir unsere Bustickets zum Nationalpark gekauft haben. Auf dem Rückweg von dort hat mich ein älterer Herr angesprochen. „Señorita, ten cuidado con el cecular!“, sagte er und zeigte auf meine hintere Hosentasche, aus der für alle Welt sichtbar mein Handy ragte. Manchmal bin ich einfach zu unvorsichtig! Ich habe mich überschwänglich bei ihm bedankt – das wäre es ja gewesen, wenn ich mein Telefon auf diese Weise verloren hätte. Wir haben uns dann in einem kleinen Laden etwas zu Essen und zu Trinken gekauft und sind weiter durch die Straßen gezogen, bis es Zeit war, den Bus zu besteigen. Wir saßen mit vielen anderen Reisenden in einem mittelgroßen Bus, der uns 54km südlich fuhr.

Wir sind etwa 1 Stunde gefahren und haben diese Zeit mit Gesprächen gefüllt – es war so schön, über alles und nichts mit ihm zu sprechen; darüber, wie wir uns kennengelernt haben, was wir dachten, als wir einander das erste Mal gesehen haben, als wir uns getroffen haben … und so weiter und so fort. Viel zu schnell ging die Fahrt durch Berge und atemberaubende Landschaft für meinen Geschmack. Wir wurden oberhalb des Eingangs des Nationalparkes abgesetzt und wanderten Hand in Hand zur Kasse. Schockschwerenot!, die Preise hatten sich durch die Feriensaison verdoppelt! Wir hatten mit 35.000-40.000COP pro Person gerechnet (~11 – 13€), aber sollten nun 70.000COP (~23€) berappen. Wir hätten dafür zwar alles machen dürfen, was der Park an Extra-Aktivitäten bietet, aber wir hatten weder Kleidung dafür dabei, noch kann ich mit meinem Rücken die Adrenalin-Angebote wahrnehmen. Es gab keine Möglichkeit, ohne alle diese Extras den Park zu betreten, sodass wir uns entschieden haben, nicht zu bezahlen, sondern einfach nur am Rand des Parks entlangzuwandern und die Landschaft zu betrachten – was mir vollkommen reichte. Die Aussicht war spektakulär und das Wetter war ebenfalls spitze.

Der Park wurde 2006-2009 angelegt, um die Schönheit der Landschaft des cañón del Chicamocha für Besucher und Touristen zugänglich zu machen. Dieser cañón ist 227km lang und ca. 2km tief. Der Nationalpark, der 54km von Bucaramanga liegt, zeigt zwar nur einen kleinen Ausschnitt der zerfurchten Berge und leuchtenden Täler, aber das, was man sehen kann, ist wirklich wahnsinnig schön und natürlich. Neben der natürlichen Attraktion des Parks gibt es auch noch viele andere Aktivitäten, mit denen Besucher sich hier die Zeit vertreiben können: u.a. ein Schwimmbad, Klippenschaukeln, eine Schlittschuhbahn, Paragliding, Kayakfahren … und die berühmte Schwebebahn, die von der mesa de los santos startet, um Besucher 6.3km weit über den cañón bzw. nach unten durch den cañón auf die andere Seite zu transportieren. Da wir uns, wie gesagt, dazu entschieden hatten, nur am Rand des Parks entlangzuwandern und von der mesa de los santos aus alles zu bestaunen, machten wir uns dorthin auf den Weg. Wir wurden mit wahnsinniger Aussicht belohnt und kraxelten auf den ausgetretenen Steinwegen ein bißchen nach unten, um alles aus verschiedenen Perspektiven zu sehen. Dank meines Freundes gibt es ausnahmsweise auch mal Aufnahmen von mir – ich verstecke mich ja meist hinter der Linse.

Nachdem wir unsere Augen gesättigt hatten mit dieser überragenden Aussicht, meldeten sich unsere Mägen. Wir schlenderten zurück zum „Marktplatz“, wie ich diesen mit Restaurants und Touristenshops umrahmten Platz nenne, und entschieden uns für eins der Restaurants. Wir ließen uns nieder und freuten uns an der Gesellschaft des jeweils anderen. Lange allein blieben wir jedoch nicht: viele der streunenden Katzen strichen um die Tischbeine, um den ein oder anderen Happen zu erbetteln, und Besucher mit und ohne Hunde ließen sich an den Tischen um uns herum nieder. Nachdem wir unsere Teller leergegessen hatten, machten wir uns an den Nachtisch der besonderen Art: Ameisenpopo! Hormigas culonas sind eine Spezialität des departamentos Santander, genauer gesagt liegen die Hauptproduktionszentren in San Gil und Barichara, und mir wurde gesagt, ich solle die unbedingt probieren.

„Die Ameisen mit dem riesigen Po“ werden in Kolumbien seit hunderten Jahren gegessen und zählen in manchen Gegenden als traditionelles Hochzeitsgeschenk – vermutlich auch wegen des lokal verbreiteten Glaubens, diese Ameise sei ein Aphrodisiakum. Diese Tradition rührt von präkolumbianischen Kulturen wie der der Guanes her. Nur weibliche Tiere, die Königinnen, werden gefangen, da diese erstens einen immens großen Po haben und die anderen Artgenossen zweitens als nicht essbar gelten. Zum Verzehr werden die Beine und Flügel entfernt, die Körper in Salzwasser eingeweicht und schließlich geröstet. Die Ameisen haben laut Ernährungsstudien einen hohen Proteinwert, wenige gesättigte Fettsäuren und einen insgesamt hohen Nährwert. Nur 9 Wochen, in der Regenzeit, während sie ihre Paarungsbereitschaft durch Flüge signalisieren, werden die Königin-Ameisen von den lokal ansässigen Bauern „geerntet“ – das kann schnell schmerzhaft enden, denn diese Weibchen haben starke Unterkiefer und ergeben sich nicht kampflos. Da diese kurzlebige Industrie-Sparte (samt Export nach Kanada, England und Japan) aber eine sichere Einnahmequelle für die meist ärmlichen Bauern der Gegend ist, finden sich jedes Jahr genug „Fänger“. Dadurch, und durch Rivalitäten mit anderen Ameisenvölkern, reduziert sich die Population der hormigas culonas rasant, was Grund zur Sorge über die „Ausrottung“ dieser Art gibt.

Also, wegen mir müsste sich da niemand Sorgen machen – meine Begeisterung hielt sich in Grenzen. Insekten sind schön und gut, wenn ich sie aus der Nähe, bevorzugt aber aus der Ferne, angucken kann – aber essen?! Das war mir dann doch eigentlich etwas zu nah … gleichzeitig dachte ich mir aber auch: „Wo du schon mal hier bist …“ und kaufte mit Gänsehaut und mit schon beim Gedanken an Ameisenpopo gekräuselter Zunge für umgerechnet 2,50€ (8.000COP) die kleine Packung. Angel musste schließlich den ersten Schritt Bissen tun, denn ich konnte mich nicht überwinden, die Ameise in meinen Mund zu schieben … und als ich es doch tat, musste ich dringend mit Wasser nachspülen.

Der Geschmack an sich war nicht so schlimm wie erwartet. Die Ameise war halt knusprig und salzig, mehr nicht. Dass ich auf einem Insekt herumkaute, merkte ich nur daran, dass ich letztenendes überall im Mund Ameisenärmchen und -panzerstückchen kleben hatte. Der Nachgeschmack war seltsam, nicht wirklich zu beschreiben, erdig mit ranziger Erdnuss vielleicht? Ganz merkwürdig. Angel und ich haben beide noch 2, 3 weitere gegessen, wir hatten schließlich teures Geld dafür bezahlt – aber so richtig überzeugt waren wir nicht. Die Packung liegt bis heute unangetastet auf einer meiner Kommoden 😉

Nach dieser exzellenten Mahlzeit ( 😉 ) organisierten wir uns unsere Bustickets nach Hause und dann schlenderten wir den Rest des Nachmittag noch über die verschiedenen Wege, Plattformen und Grünflächen, streichelten zwei kleine Ziegen und verschiedenste Katzen und machten es uns auf den Steinstufen gemütlich, bevor uns unser Bus im Dunkeln auf kurvigen und unebenen Bergstraßen zurück nach Bucaramanga fuhr. Dort angekommen nahmen wir verschiedene Busse zur unserem Quartier, strichen unbehelligt durch die dunklen Straßen (auch dank Angels steter Wachsamkeit, was alles im Entfernten zwielichtig Aussehende angeht) und fielen totmüde ins Bett. Ich hatte besonders mit Reisekopfschmerz zu kämpfen, mir war ganz schwummerig und schlecht, sodass ich vor Angel ins Bett ging, während er mich vor unserer Gastgeberin entschuldigte und noch ein bißchen mit ihr und dem Rest der Familie plauderte, bevor er neben mich ins Bett sank. Wir haben gut geschlafen und konnten für den nächsten Tag gut auftanken, denn …

… auch am dritten Tag hatten wir viel vor – der nächste Post kommt demnächst! 🙂

Un abrazo fuerte!

Aventuras Nuevas – Bucaramanga 1

Anfang Dezember hatte ich ein paar mehr Tage am Stück frei und Angel und ich haben diese Tage genutzt, um einen größeren Ausflug zu planen: nach Bucaramanga sollte es gehen, für 4 Tage.

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Bucaramanga ist die „Landeshauptstadt“ des departamentos Santander und liegt 5-6 ruckelige und schuckelige Busstunden von Cúcuta entfernt. 1622 wurde die Stadt gegründet und 1886 zur Landeshauptstadt gemacht – in den 60er und 70er Jahren gab es anscheinend eine regelrechte Invasion deutscher Abenteurer, was den Einheimischen gar nicht recht war. Heute zählt die Stadt in etwa 500.000 Einwohner und ist damit Kolumbiens achtgrößte Stadt (fünftgrößte mit den im Ballungsraum lebenden Einwohnern, dann sind es knapp über eine Million). Sie wird auch „la ciudad de los parques“ genannt, da es in ihr über 100 Grünanlagen gibt. Dies bedeutet nicht zwangsläufig „Rasenfläche“, meistens eher einen mit Bäumen und Sträuchern begrünten Platz, aber trotzdem: grün ist grün und Bucaramanga nennt sich stolz „Kolumbiens schön(st)e Stadt“. Bucaramanga hat viele kleinere Städte um sich herum eingemeindet, die einen Besuch wert sind, beispielsweise Floridablanca und Girón, und ganz in der Nähe liegt auch der Chicamocha Nationalpark. Obwohl mein Reiseführer sagte, dass Bucaramangas Zentrum selbst nicht sehr viele Attraktionen besitzt, war es für mich sehr spannend, endlich mal etwas anderes zu sehen als Cúcuta, und da mir viele Dinge des normalen Lebens, de la vida cotidiana colombiana noch fremd sind, habe ich die „Touristenzeit“ sehr genossen.

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Ein typischer „Park“ in Kolumbien – nicht ganz das, was ich als Deutsche unter einem Park verstehe

Am 02. Dezember habe ich mich gegen 13 Uhr mit gepackter Tasche auf den Weg zu Angel gemacht und von ihm aus sind wir mit dem Taxi zum Busbahnhof gefahren. Dort ist er von Bus zu Bus gelaufen, hat ob der teuren Preise immer wieder entrüstet den Kopf geschüttelt und sich zum Gehen gewendet, bis die Busfahrer so weit runtergegangen sind mit ihren Preisen, dass sie akzeptabel waren. Das war eine sehr gute Lehrstunde für mich und ich habe diese Technik ebenfalls bereits erfolgreich angewendet. Nachdem wir dann jeder 35.000 COP (umgerechnet ca. 12€) bezahlt und unsere Taschen verstaut hatten, haben wir es uns im Bus gemütlich gemacht. Wir hatten gepolsterte Sitze nebeneinander, haben das Obst, das er mitgebracht hat, gegessen und dann Musik gehört und versucht, zu schlafen. Die Reise ging durch Berge, Kurven und über Holperwege … und ich wurde Opfer übelster Reisekrankheit, wie ich sie noch nie erlebt habe. Kopfschmerzen, Schwindel, Druck auf den Ohren, Würgreiz – oh man, hab ich mich mies gefühlt! Angel blieb zum Glück verschont, sodass er sich liebevoll um mich kümmern konnte. Er hatte Tabletten dabei, die er mir gab, ich durfte mich bei ihm anlehnen und meine Beine über seine legen und er hielt mich ganz fest und strich mir über den Rücken, als es mir miserabel ging. Wir haben etwa 6 Stunden gebraucht, bis wir in Bucaramanga am Busbahnhof abgesetzt wurden.

Vom Busbahnhof aus nahmen wir ein Taxi in das Viertel, in dem eine Freundin seiner Mama wohnt, die uns für 3 Nächte bei sich aufnahm. Ich glaube, dass ich an dieser Stelle mal etwas über die Verkehrsmittel sagen muss. Wenn ich sage, wir nehmen ein Taxi, dann ist das nicht etwa ein Luxus, den wir uns leisten, sondern ganz normal hier. Für eine zehnminütige Fahrt bezahlt man in etwa 6.000COP, das sind ca. 2€. Busfahrten kosten hier, unabhängig von Fahrtzeit und Route meist so 1.600COP, also knapp 50 Cent. Es war schon sptä, als wir ankamen und da Angel sich dort auch nicht gut auskannte, haben wir uns das Taxi gegönnt und die Kosten geteilt. Die Freundin holte uns ab an einer Straßenecke und wir gingen zusammen zu ihr nach Hause. Mir ging es etwas besser, und das war auch gut so, denn wir hatten noch ein bißchen social time vor uns. Ich bin nicht ganz durchgestiegen, wer in welche Familie und welche Familienkonstellation in welche Wohnung in diesem Haus gehörte, aber alle waren sehr nett und haben viel gefragt, Essen und Trinken angeboten, auf die Kinder eingeredet, uns Tipps für den nächsten Tag gegeben und die Freundin hat dann sogar für mich einen dicken Schlafanzug rausgekramt, weil mir so kalt war. Irgendwann konnten wir dann aber glücklicherweise die Tür zu „unserem“ Zimmer hinter uns schließen, unsere Schlafklamotten überwerfen, Zähne putzen und ins Bett plumpsen. Ach, das tat gut – denn Kopfschmerzen hatte ich immer noch, trotz der Reisetabletten. Die Nacht war kurz, die Matratze sehr dünn, aber mir war nicht kalt und ich konnte neben meinem tollen Freund aufwachen 🙂

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Unser Zimmer mit Bett – und superdünner Matratze

Nach diesem gemeinsamen Aufwachen haben wir die Freundin und zwei der Kids noch getroffen, sie waren aber schon auf dem Weg aus der Tür, sodass wir einen relativ ruhigen Morgen hatten. Die Aussicht auf die Umgebung war total schön und auch die Straßen und Häuser in der Nähe fand ich bezaubernd, weil sie so ganz anders waren, als ich es von meiner Aussicht und meinem Stadtviertel in Cúcuta gewohnt war. Alles war irgendwie so wie in einem Film 🙂 Jeden Morgen bin ich leise aufgestanden, mit meiner Kamera durchs Wohnzimmer zum Fenster getappt und habe die Umgebung festgehalten – zu unterschiedlichen Zeiten, mit unterschiedlich viel Sonne … es war immer etwas Neues zu entdecken und ich teile gleich die Fotos mehrerer Tage mit euch. Was wir so unternommen haben an diesem ersten Tag, erzähle ich euch hier.

Bis bald 🙂

 

Aventuras Nuevas – Feliz Navidad y Feliz Año

Ich weiß, dass ich etwas spät dran bin für Weihnachtswünsche und irgendwie auch für Neujahrswünsche – sonst gar nicht mein Stil, aber wieso sollte es in Kolumbien anders sein als in Deutschland? Auch hier gab es last minute-Stress, verschiedenster Art. Aber der Reihe nach.

Zunächst einmal habe ich festgestellt, dass ich zu Weihnachten doch ein paar Menschen beschenken kann, und das hat mich recht glücklich gemacht. Das geht an Weihnachten oft verloren, finde ich: es geht nur um Geschenke und wer etwas bekommen muss, wer wohl beleidigt ist, wenn er nichts bekommt, für wen unbedingt das perfekte Geschenk gefunden werden sollte. Dabei geht es nicht mehr darum, warum man diesen Menschen beschenkt, sondern dass und was man schenkt. Ich hatte mich diesbezüglich auf ein ruhiges Weihnachten eingestellt, da ich nichts nach Deutschland schicken und von dort auch nichts empfangen konnte. Doch dann ist mir aufgefallen, dass ich mich bei einigen Menschen hier bedanken wollte, weil sie mein Leben hier erleichtert haben, mir Lasten abgenommen, mir geholfen, zur Seite gestanden oder mir ein Lächeln auf’s Gesicht gezaubert haben – und bei einigen auch, weil sie Freunde geworden sind.

Ich habe mich also in die Küche gestellt und deutsche Schwarz-Weiß-Kekse gebacken – die gehören bei uns zu Hause zur Weihnachtszeit dazu wie der Baum und der Adventskranz. Die habe ich dann hübsch verpackt (die Suche nach durchsichtigem Geschenkpapier war die reinste Odyssee!), kleine Nachrichten dazu geschrieben und an die Empfänger verteilt. Neben den kleinen Päckchen habe ich auch eine große Menge für meinen Gastvater abgepackt und auch für Angel’s Familie, bei der ich ein zweites zu Hause gefunden habe (sieht die zweckentfremdete ud neu gestaltete Douglastüte nicht aus wie eine „teure“ Verpackung  luxuriöser Backgüter? Ich war so stolz!). Meine Gastmama, Angel’s Mama und auch Angel haben noch extra Geschenke bekommen – und ich habe mich sehr glücklich gefühlt, dass ich an so viele Menschen denken kann, da ich noch nicht ganz 6 Monate hier lebe und schon so vielen Menschen dankbar sein kann. Das war für mich eine tolle Erfahrung.

Zusätzlich zu den Geschenken musste ich meine Koffer packen – ich bin am 23. zu Angel „gezogen“ für ein paar Tage. Das hatten wir schon vor ein paar Wochen so geplant, da es Unstimmigkeiten in meiner Gastfamilie gab und wir uns auf einen Auszug am 23.12. geeinigt hatten. Die Umstände dieser Entscheidung haben sich zwar wieder geändert, sodass das Packen im kleineren Stil verlief als ursprünglich angedacht, aber an dem Plan haben wir trotzdem festgehalten, da ich Weihnachten gerne mit ihm verbringen wollte. Aber nicht nur für den Aufenthalt bei ihm mussten meine Koffer gepackt werden, sondern auch für meine erste weitere Reise in Lateinamerika: am 26.12. sollte es für mich nach Peru gehen, genauer gesagt in dessen Hauptstadt Lima. Diese Reise war notwendig, um ein neues Touristenvisum beantragen zu können, da ich vorhabe, noch länger in Kolumbien zu bleiben und mein jetziges Visum nur bis zum 02.01. (morgen) gültig ist. Bei der Aus- und Einreise würde ich einen neuen Stempel in meinen Pass bekommen, der mir erlauben sollte, erneut 90 Tage in Kolumbien zu bleiben.

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Mein Lebenslauf – Hoja de vida

Mein Wunsch, länger in Kolumbien zu bleiben, hat mehrere Gründe: zum einen möchte ich länger bei Angel bleiben können und zum anderen möchte ich gerne weiter an meinem Spanisch arbeiten, was ich zu Hause in dem Stil wie hier nicht könnte. Da es aber in meiner Gastfamilie, wie erwähnt, Unstimmigkeiten gab und wir uns dazu entschieden hatten, den Vertrag nicht zu verlängern, musste ich mich nach einer Alternative umschauen, was ganz schön an meinen Nerven gezogen und auch die Zeit mit Angel belastet hat. Er hat mir geholfen mit allem, was ich nicht alleine schaffen konnte, und wir haben meinen Lebenslauf bei mehreren Englischinstituten eingereicht. Privat habe ich mich natürlich auch umgeschaut und -hört und es ergaben sich viele, viele Möglichkeiten … die leider alle nach und nach in sich zusammengefallen sind, leise, aber meine Welt hat es doch erschüttert. Ich habe während dieser Wochen gelernt, dass die Kolumbianer zwar sagen, dass sie helfen werden, aber eigentlich meinen, dass sie helfen möchten. Ein großer Unterschied, denn irgendwann stellten alle, die mir Hilfe zugesagt hatten, dann fest, dass sie nicht helfen konnten und ich stand da – desillusioniert, hilflos und ganz verzweifelt.

Zum Glück hat mich dann ein Englischinstitut zu einem Interview eingeladen – und ich werde im Februar beginnen, als Lehrerin in der ISE -International School of English- zu unterrichten. Die Stunden, die ich absolvieren muss, sind exorbitant, die Pflichten, die ich habe, sind kolossal und breitgefächert und die Arbeit, die ich außerhalb meiner Arbeitszeit abzuleisten habe, ist gewaltig. So viel zum Soll; auf der Haben-Seite steht ein ziemlich kümmerlicher Lohn und karge Freizeit, dafür aber Zeit in Kolumbien. Was tut man nicht alles …? Wie es eben in Kolumbien so ist, wird alles auf die letzte Minute erledigt, sodass ich am 23.12. morgens ins Institut musste, um meinen Vertrag zu unterschreiben und alles für den Antrag auf ein Arbeitsvisum vorzubereiten. Das hat ziemlich lange gedauert, und zum Arzt musste ich auch noch, sodass ich in Zeitstress kam. Das Arbeitsvisum zu beantragen habe ich nicht mehr geschafft, und muss ich jetzt recht fix erledigen. Ich hoffe, dass damit alles glatt läuft – drückt mir die Daumen!

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Glitzernde, blinkende Lichter kolumbianischer Weihnacht

Weihnachten war dann etwas ganz anderes als zu Hause – hier ist es eher eine große Party mit lauter Musik, viel Alkohol und blinkenden Lichtern. Mir hat die Besinnlichkeit, Ruhe und die Gemeinschaft gefehlt, und obwohl (oder gerade weil) ich inmitten von Angels spanischsprechender, kommender und gehender Familie saß, habe ich mich sehr einsam gefühlt und mich nach Hause gesehnt. Es gab keinen erkennbaren Ablauf für mich, kein Aufgehobensein, kein Zusammensein, wie ich es gewohnt bin und liebe, und auch keinen Baum oder Geschenke. Eine kleine Bescherung haben wir gemacht, als wir von der Familienfeier wieder zu Hause waren, und die Freude über mein Geschenk auf seinem Gesicht zu sehen, war unbezahlbar. Ich habe wieder etwas gelernt dieses Jahr: Weihnachten zu Hause ist etwas Besonderes, und etwas, das ich in den nächsten Jahren mehr zu schätzen wissen werde.

Am 26. hat Angel mich dann morgens zum Flughafen gefahren und ich machte mich auf die Reise nach Lima (Peru) mit Stopover in Bogotá (Kolumbien). Am 31.12. bin ich um kurz nach Mitternacht wieder auf kolumbianischem Boden gelandet und habe gemerkt, wie sehr das ein Gefühl von „nach Hause kommen“ ist, gerade auch dann, als ich gegen 8 Uhr morgens nach einer komplizierten, turbulenten Heimreise leichten Schrittes in Angels Arme lief, der mich in Cúcuta abholte. Mit ihm und seiner Familie habe ich dann auch Silvester verbracht und jetzt ist schon das neue Jahr! Wie flugs das ging! Irgendwie fühlt es sich an, als wäre gerade gestern alles losgegangen mit 2016 … und plötzlich ist es 2017. Bevor es wieder losgeht mit dem ganzen Organisieren, das ansteht, möchte ich mir aber noch die Zeit nehmen, euch meine Wünsche für Weihnachten und Neujahr zu überbringen (nachträglich zwar, aber trotzdem mit der gleichen Herzlichkeit):

Ich hoffe, dass ihr alle eine wundervolle Weihnachtszeit hattet, mit Menschen, die euch am Herzen liegen und denen ihr „Danke“ sagen konntet. Dass ihr zu Weihnachten und auch „zwischen den Jahren“ Zeit hattet, euch zu besinnen auf das, was euch wichtig ist, was gut lief und was zum Glück vorbei ist. Dass ihr reflektieren konntet, was ihr alles geschafft, erreicht und überlebt habt, was euch stärker gemacht und was euch etwas gelehrt hat. Dass ihr euch klar werden konntet darüber, was euch für 2017 wichtig ist, was ihr erreichen wollt und welche Ziele ihr habt. Welche Menschen ihr in eurem Leben haben wollt und braucht und welchen ihr vielleicht freundlich die Tür aufhalten solltet. Ich hoffe, dass ihr gut ins neue Jahr gestartet seid und dass ihr die vielen weißen Seiten, die das Jahresbuch euch bietet, freudig und zuversichtlich mit Farben und Musik, mit Abenteuern, Liebe und Freude, Glücksmomenten, Frieden, gemeinsamer Zeit, Freundschaft … und Leben füllen werdet. Ich wünsche euch, dass ihr 2017 zu eurem Jahr machen und zum Zeitpunkt der nächsten Jahreswende zufrieden sein könnt mit dem, was war, und neugierig auf das blicken werdet, was kommt. In diesem Sinne:

navidad

Aventuras Nuevas – Why I Sometimes Hate It Here – Stuff I Need To Get Off My Chest

First of all I need to tell you how grateful I am for the ’save and edit later‘ function on here because if I had posted right away what poured out of my poor heart and soul yesterday night – or actually last morning at 1am – this post would have been quite disturbing for some of you.

After an average day of a few good and a few bad moments it all came tumbling down around midnight. Right after waking up in the morning I had to deal with a text from home which unfolded into an argument and in the course of the day into something huge and time consuming. This had me start my day off with a heart beating an uncomfortable rhythm of anger and frustration.

Later in the morning a woman came around to visit (she was someone who knew someone who knew someone of my hostmum’s family) and while she greeted me with the obligatory kiss on the cheek and „Hola, cómo está?“, in the course of the conversation with my hostmum she kept talking about me right in front of me. I was there to listen to her talk about me. The fact that she did it and the way she did it made me feel inferior and invisible.

In the park when Anja and I wanted to enjoy our drumming session on the blue plastic chairs the owner of the kiosk there had the nerve to approach us and take Anja down from the chair without my permisson and tell me in Spanish why he thought it was a bad idea to put her there. I was RIGHT THERE in front of her and he thought she wasn’t safe and I was doing the wrong thing. I felt so indignant and thrown off my guard – but at the same time I felt speechless.

I had noticed that I felt more tense with the girl for a couple of days and couldn’t tolerate as well as before some things she did. I felt really stressed for reasons I couldn’t put my finger on, which stressed me even more. I tried to push it away and shrug it off. Until last night when I suppose my guard was down and I was tired and I had felt emotional all day. Everything had been building up inside of me and suddenly all these intense feelings that I hadn’t allowed myself to feel before washed over me and I couldn’t breath and there was no other thing I could do than burst into tears. I couldn’t hold in any longer and I burst into tears because… sometimes I hate it here.

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That process of bursting into tears started with Angel suggesting that we start speaking more Spanish when we text so I could practice. He said I was in a comfort zone with the mum speaking German and him speaking English. I never speak Spanish in front of him, just about „class things“, and even that I dislike. I couldn’t figure out exactly why but at his suggestion last night, everything in me screamed „No, please, not you, too!“
There are a couple of other people that I text with who can speak only Spanish. Everytime I receive a text from them I feel like I’ve just been given a huge task. I need to look up every second word to understand what they say, and then I have to think about what I want to reply, and then think about how I can say that in Spanish in a non-complicated way and then I need to look up verb forms and words and hope I get the meaning right and put everything in the right order when I compose my sentence. It’s work, it’s bloody hard work, and I still can’t say exactly what I want and feel. Also I still make mistakes after putting so much effort into my answer. It’s so frustrating and it feels like I’m on a test, not like I’m chatting with a friend. It makes me feel really awful and lonely.

However, with Angel I’m really comfortable and he’s become a close friend, considering what I told him about me in the amount of time we’ve known each other. I trust him like I trust my friends at home and we joke easily, like friends who have known each other for a long time do. He has more of an idea of my personality than anyone else here seeing that I can be more of myself with him than with any other person. Because he’s a friend, not an employer or outstander or shop assistant or whatever. Sometimes he’s my teacher (and I’m his) but most of all we’re friends.

So when he suggested speaking more Spanish, I felt my friend turn into a teacher in our „spare time“, too, and I don’t want any more pressure on me, having to speak Spanish. By starting to watch my language, too, like everyone else constantly does, he will take away something from me that I need more than learning a bit of Spanish grammar or words. It’s hard enough not being me during the day when I have to deal with people who don’t understand me (language and personality wise) and when I can’t express my feelings in a proper fashion, so when I talk to a friend I want to do it without having to think about every word in every sentence. Also there is a difference in conveying feelings – in Spanish I write bare sentences without (my real) feelings most of the time. In English I know how to express annoyance or anger, joy or interest, zest or excitement. I know how to be caring and helpful, cheesy and sneaky and funny and witty. I Spanish I don’t and therefor I am not any of these things.

So his offer (even though coming from a good place) pushed me over the edge of the emotional cliff I’d been balancing on all day. Because I am definitely not in a comfort zone. The mum is an employer, even though we get on really well. It’s still different to chatting with a friend though. The people I speak to daily are not friends. They don’t get me and collectively, they make me feel horrible and stupid and hate the language and the idea of coming here and they make me miss my friends so badly and also they make me want to go home. So after pouring my heart out to poor Angel (bless him, he dealt with me really well) and saying goodnight I kept crying it all out and then I felt like writing it all out, too. So, at 1am, I sat in front of my computer, the light of which was blinding my swollen panda eyes (yes, I forgot to take off my make up … and yes, you are allowed to laugh at this image of me squinting my eyes like a granny panda), sniffing occasionally and putting on paper (well, screen really) everything that I couldn’t and didn’t want to hold inside.

So, if you are interested in how I felt at the dead of night yesterday, you are most welcome to read on (the italic part at the end of the post). Bear in mind that these are unreflected thoughts of the tired, emotional, annoyed and lonely part of my being. Today I have still been very emotional and a bit quite embarrassed by my outburst with Angel, but I had time to reflect on what I’m feeling and why I’m feeling it and everything you’ve read up to here is the result of my thinking. So if you’d rather not read on and spoil the impression it’s fine as well.

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Thank you for bearing with me on this (emotional) rollercoaster that is my life at the moment. I’m still adjusting to everything here and it’s tough – though according to Angel I’m too Colombian already a veces. Well, I don’t know about that …

Un abrazo grande! xx

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I sometimes hate being here because I don’t have any friends. I cannot be myself because I’m lacking the language. I feel like there are people looking down on me and think that I am stupid just because I can’t understand them or voice my opinion. They think I don’t have an opinion when all I’m actually missing are the words to voice it. I hate it that I can’t buy myself clothes that fit. I hate being dependent on other people to tell me things or drive me somewhere or to deal with stuff I’d be able to deal with on my own at home. People think I’m inferior because I look different and can’t speak their language, so they think it’s okay to speak about me while I’m right in front of them. They think it’s okay to point their fingers at me or stare at me like I’m an object in a museum. They think it’s okay to want to take pictures of me with their kids because I’m obviously a rarity. And they think it’s okay to take pictures of me without my consent because I can’t object in their language. They think it’s okay to call me names and they also think it’s okay to stare at me like I’m a piece of something on a market table they can choose and take home. And you know what? They also think I am not responsible and taking care properly. They think because I’m doing it differently from the way they do it I’m not responsible and caring and loving and basically not doing it right. And it hurts. What these people keep forgetting is that I am a person with feelings and perception like anyone else. I may not completely get every single word they say but I get what they say about me when they think I don’t. I hear them talking about me and I see them looking my way and whispering to their friends and pointing their fingers at me. I feel their disapproving stares behind my back when they think I can’t see and I hate it when they come over to me and tell me what to do in a voice like I’m stupid and not capable of doing anything. I hate it when they snigger with their friends and colleagues behind my back and exchange glances like I can’t see that. These people make me hate being here and hate the language and regret the idea of coming here and want to go home. And I’m not in a comfort zone. At all. It may look like I am but I am not. I don’t have friends here and I’m missing them. I miss talking about big and small things that move our worlds and that we can share, and meeting to go for a walk and being able to stay home because I want to, not because I don’t have anywhere else to go. I miss being able to just trust someone. I hate the time difference because when I get up my friends’ days are halfway done and it feels like I can’t share anything with them … or anyone. I hate it because I feel lonely and misunderstood.

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Aventuras Nuevas – Mein Besuch beim „estilista“

Hallo liebe Lebensmaler,

diejenigen unter euch, die schon länger auf meinem Blog sind und quasi mit mir reisen, können sich vielleicht noch daran erinnern, dass ich in Australien meine längeren Haare gegen einen Undercut getauscht habe – wer möchte, kann hier nachschauen. Trotz manch anderer verrückter Einfälle ist die Frisur seitdem so geblieben, bzw. die kurzen Haare sind noch kürzer geworden – 6mm! Ich liebe meine Haare so, denn ich muss nichts mit ihnen tun, sie liegen einfach immer (meistens … na gut … sie machen was sie wollen, aber zumindest weiß ich das und versuche gar nicht erst, etwas dagegen zu tun).

Die Krux mit kurzen Haaren ist nun aber, dass regelmäßig ein Friseur besucht werden muss. War der Friseurbesuch damals in Australien schon nervenaufreibend, könnt ihr euch sicherlich vorstellen, wie es mir hier geht. Erstens war es für mich schon auf Englisch schwierig, zu erklären, was ich möchte, wie soll ich das auf Spanisch schaffen? Und zweitens haben die Frauen hier Haare wie aus einer Fabrik: alle lang bis zum Po, alle glatt, Punkt. Ich glaube, dass ein estilista, der keine Übung hat mit kurzen, lockigen Haaren, leicht überfordert sein und den Job versauen könnte. Und das konnte ich mir seelisch einfach nicht leisten. Wenn meine Haare blöd aussehen, fühle ich mich total unwohl.

Zum Glück hat Angel eine ganz ähnliche Frisur wie ich und meinte, er würde mich mit zu seinem Friseur nehmen – der wüsste etwas mit kurzen, lockigen Haaren anzufangen. So ein Glück! Diesen Friseurbesuch haben wir bestimmt 3 Wochen immer wieder verschoben (typisch kolumbianisch), aber dieses Wochenende hat es geklappt. Samstag hat Angel mich abgeholt und wir sind zur peluquería gefahren. Ich habe nicht auf den Namen geachtet, und als ich Angel später fragte, meinte er: „Irgendwas mit Glam And Beauty oder so …“ DAS hätte ich mir auch denken können 😀

Wir öffneten die Tür und uns schallte – wie in Kolumbien eben üblich – Musik entgegen. Daran hab ich mich mittlerweile gewöhnt und es stört mich nicht – im Gegenteil, ich genieße es, die neuesten kolumbianischen Charts zu sehen oder ältere Sommerhits wieder ins Gedächtnis gerufen zu bekommen. Und die Musik war gut – irgendwie war alles mit extra Bass unterlegt. Wir setzten uns auf die Couch und warteten, schrien uns regelrecht an bei dem Versuch, eine Unterhaltung zu führen, und alle dort Anwesenden schauten neugierig und mehr oder weniger offensichtlich zu uns herüber, weil wir natürlich Englisch sprachen. Die peluquería ähnelte übrigens nur entfernt unseren Friseuren in Deutschland. Unten habe ich euch einen Grundriss aufgezeichnet, weil ich leider keine Fotos machen konnte. Alles wirkte vollgestellt und irgendwie durcheinander, Spiegel stapelten sich auf Werkzeugkästen, die Haare wurden vom Stuhl auf den Boden geföhnt, wo sie dann liegen blieben und was hier überall üblich scheint, war auch in dieser peluquería vertreten: die Angestellten hängen während der Arbeit am Handy. Da wird mal schnell ’ne WhatsApp geschrieben oder eine Sprachnachricht abgehört, während der Kunde mit feuchten Haaren auf das Schnipp-Schnapp der Schere wartet.

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Angel war zuerst dran, weil ich sehen wollte, was bei ihm passiert und ob ich mich sicher fühlen kann. Ich hab die Musik genossen, mich an die Einheimischen angepasst und mein Handy herausgekramt, während ich immer mal wieder Angel und den Friseur beobachtete. Angel sah mit seiner neuen Frisur gut aus und so hab ich mich auch getraut. Unter den neugierigen Augen aller wurden mir die Haare gewaschen und als ich mich auf dem Stuhl niederließ, erklärte Angel dem Friseur, was ich wollte. Eigentlich wollte ich 6mm wie immer, aber er meinte, er würde erstmal mit 9mm beginnen, kürzer ginge ja immer noch. Okay. Das war eine gute Entscheidung, denn anscheinend sind 6mm nicht überall 6mm. Ich erklärte, was mit den längeren Haaren passieren sollte – wieder erklärte der Friseur, er würde sie erstmal nur zur Hälfte abschneiden, kürzer ginge ja immer noch …

Nach dem ersten Schneiden bat ich um’s Trockenföhnen, um zu sehen, zu was sich meine Haare heute entscheiden würden. Danach musste der schockierte Friseur noch mal die gleiche Menge Haare abschneiden wie zuvor. Er versicherte sich vor jedem Schnitt, ob ich sicher sei – auch Angel war besorgt und fragte auch immer nochmal nach. Meine Haare wurden kürzer als seine, ich glaube, das war unerwartet für ihn. Als die langen Haare kurz genug waren, wollte ich noch meinen Hinterkopf sehen – ein Glück, dass ich daran gedacht habe! Der Friseur hatte ein Haardreieck stehen lassen, das von unten nach oben immer länger wurde  und das sah so dermaßen bescheuert aus! Ich erklärte ihm „Más corto, por favor! Todo el pelo aquí…“ und fuchtelte mit meinen Händen herum, um ihm zu erklären, dass alles ab sollte. Ich bin bestimmt 3x aufgestanden und habe im Spiegel nachgesehen, und musste jedes Mal sagen „Más corto, porfa“, sehr zum Erstaunen aller. Irgendwann fragten die anderen Frauen Angel, woher ich kommen würde und dann sprachen sie über etwas anderes, was ich nicht mehr verstand. Als die Haare endlich so waren, wie ich das wollte, wurde mir noch Gel ins Haar geklatscht, dann zahlten wir und verließen „Glam and Beauty“ – wie ich den Laden jetzt einfach nenne. Der Schnitt kostete 15.000COP, also nicht mal 5€.

Im Auto meinte ich zu Angel, dass die Leute mich ja ganz schön angestarrt hätten. Er meinte, sie hätten gesagt, die Frisur stehe mir sehr gut und lange Haare wären eben nicht für jeden etwas. Ich nickte zufrieden, während er noch hinzufügte: „Und sie meinten, du wärst sehr mutig.“ Ich meinte zu ihm, dass er sich das doch jetzt ausdenken würde, und er erwiderte: „Nein, das haben sie echt gesagt. Der Friseur hat auch zu ihnen gesagt: „Hört ihr das? Sie sagt mir wirklich, ich soll es kürzer machen! Sie will das so!““ Hier ist es wohl so, dass die Frauen es schon furchtbar finden, wenn nur 2cm Spitzen geschnitten werden, und sie in solchen Momenten wohl regelrecht mit den Tränen kämpfen. Klar, dass ich da Kontrastproramm bin mit meinem „Kürzer … nein, noch kürzer … noch etwas kürzer, bitte.“ 😀 Tja, ich finde es tatsächlich etwas kurz, aber innerhalb einer Woche wird es schon wieder nachgewachsen sein und so aussehen, wie ich das möchte, also ist es kein großes Drama. Ich sah definitiv schon schlimmer aus nach einem Besuch beim Friseur!

Ich glaube, Angel war sehr erleichtert, dass ich glücklich war. Als er mich beim Abholen von zu Hause fragte, was ich haben wollte, meinte ich scherzhaft, dass er jetzt unter großem Druck stünde, weil er das alles erklären müsse. Und er entgegnete total ernst: „Ja, das ist echt so! Wenn es sch… aussieht, dann ist das meine Schuld!“ Ich beruhigte ihn, ich würde genau das wollen, was er auch bekommt, nur eben mit einer winzigen Änderung, und wenn ich doof aussehen würde, würde er auch doof aussehen und dann wären wir ja quitt.

Es sah aber nicht doof aus, und ich bin richtig richtig stolz, dass ich das geschafft habe. Es scheint wie nichts großes, aber für mich ist es eine ungeheure Überwindung gewesen. Erstens: jemand muss mich mitnehmen und für mich übersetzen, sodass ich total in Anhängigkeit von ihm bin – er sieht mich in einem schwachen Moment. Zweitens: in einen Laden gehen, wo ich angestarrt werde. Drittens: mich in einem fremden Land einem fremden Friseur mit fremder Sprache anvertrauen und hoffen, dass das Ergebnis so aussieht wie zu Hause. Und schließlich viertens: genau sagen, was ich will und was ich nicht will.

Vielleicht kennt ihr das: man sitzt beim Friseur und nickt begeistert, während man die Zähne zusammenbeißt und schon darüber nachdenkt, ob es wohl bis zum Date in 3 Tagen wieder halbwegs normal aussieht. Zu Hause wäscht man die Haare 2x und hofft, das hilft …
Mir fällt es SO schwer, direkt zu sagen, dass jemand etwas nicht zu meiner Zufriedenheit gemacht hat. Ich gehe immer davon aus, dass die Person ihr Bestes gegeben hat und es ist mir unangenehm, das für nicht gut genug zu befinden. Ich gehe lieber mit einem schlechten Gefühl aus dem Laden, als eine Person mit einem schlechten Gefühl darin zurückzulassen. Und wenn ich dann doch mal etwas sage und der zweite Versuch immer noch nicht zufriedenstellend ist, dann nicke ich trotzdem und beiße die Zähne zusammen. Vermutlich bin ich einfach konfliktscheu – das habe ich auch in anderen Situationen bemerkt, denn es fällt mir schwer, ohne verlegenes Lachen oder schon in der Frage enthaltene Entschuldigungen für das, was ich sage, das zu fordern, was ich mir wünsche und was mir zusteht.

Hier kann ich mir das aber einfach nicht erlauben – ich bin so weit außerhalb aller Komfortzonensicherheit, dass alles, was mit meinem Äußeren zu tun hat, einen riesigen Beitrag zu meinem Wohlbefinden leistet. Und dass ich mich hier wohlfühle, hat schlicht und einfach auch etwas mit meinem „Überleben“ zu tun. Ich werde seelisch angreifbarer, wenn ich mich mit meinem Körper unwohl fühle und flugs segle ich die Abwärtsspirale hinab.

Natürlich war es auch ein unangenehmes Gefühl, immer wieder zu fordern „Hier noch etwas … da noch mehr … dort gefällt es mir nicht …“, gerade, weil ich durch bestimmt 10 Paar Argusaugen beobachtet wurde und ich es auf Englisch zu Angel sagen und dieser es übersetzen musste. Es klang wie eine eiskalte Forderung und ich bevorzuge es normalerweise, meine Forderungen netter zu verpacken bzw. mit freundlichen Aussagen zu begleiten, damit mich die Menschen „trotzdem noch mögen“. Also ehrlich, wenn ich es hier aufschreibe, klingt es nicht sehr schmeichelhaft für mich … Jedenfalls hatte ich in diesem Friseursalon das Gefühl, ich wäre nur ein Objekt, für das übersetzt und an dem herumgeschnippelt wird, bis es endlich zufrieden ist und Ruhe gibt – und die Menschen dort gar nicht die richtige, freundliche Katharina kennenlernen. Andererseits habe ich mir gedacht, es gibt später niemanden verantwortlich zu machen außer dich selbst, wenn du nicht sagst, was dir nicht passt. Wenn du dich nachher nicht gut fühlst mit deiner Frisur, dann kannst du nicht meckern und niemandem die Schuld geben, weil du nichts gesagt hast. Und so habe ich meine Kritik-Angst und den Gedanken „Was denken die Leute von mir?“ zur Seite geschoben und genau das gefordert, was ich wollte.

Und soll ich euch was sagen? Das hat sich stark angefühlt. Richtig stark. Für das einzustehen, was ich haben wollte und mich nicht verunsichern zu lassen von den lang- und glatthaarigen Mädels mit ihren 5cm Fingernägeln und perfektem Barbie-Makeup, mich nicht beirren zu lassen durch den zweifelnden Blick des estilistas und mich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen durch Angels gefurchte Stirn – das war aus meiner jetzigen Sicht eine richtig starke Leistung. Und irgendwie haben die Menschen so doch die richtige Katharina kennengelernt: die starke, mutige Weltenbummlerin, die sich nicht an die Erwartungen anpasst, wie sie auszusehen und wo sie zu arbeiten und was sie zu tun hat.

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Das war’s von meinem Friseurabenteuer. Ich glaube, das nächste Mal traue ich mich auch, alleine dorthin zu gehen, denn der Friseur kennt mich und meine Haare jetzt, ich kann gestikulierend erklären, was ich möchte und ich weiß, wo der Laden liegt und wie das Prozedere funktioniert. Dadurch, dass ich mich einfach in die Situationen begebe, vor denen ich anfangs eher zurückgeschreckt bin, erlange ich Stück für Stück mehr Selbstbewusstsein und Selbständigkeit und das fühlt sich richtig gut an.

Was sagt ihr zur neuen, alten Frisur?
Un abrazo grande! x

Aventuras Nuevas – El Club de Cazadores: Jäger? Vielleicht Sonnenjäger! ☼

Hallo liebe Lebensmaler,

ich habe euch bisher ziemlich wenig von meinem Alltag und meiner Umgebung erzählt, weil ich am Anfang so mit mir selbst beschäftigt war und dann plötzlich alles auf einmal passiert ist und ich gar nicht hinterhergekommen bin mit dem Fühlen, Erleben, Verarbeiten und Berichten. Ich versuche jetzt, mich langsam an alles heranzutasten und heute möchte ich euch vom „Club“ erzählen.

Hier in Cúcuta ist es ziemlich heiß. Wir haben zwar gerade Winter, aber alles, was das anscheinend bedeutet, ist, dass mehr Wind weht als sonst. Wir haben fast jeden Tag Temperaturen zum wortwörtlichen Dahinschmelzen: zwischen 33°C und 40°C ist alles möglich, und wenn wir Glück haben, wird es abends „kühler“ (30°C).  Nach dem Duschen und Abtrocknen bin ich bereits wieder durchgeschwitzt, aber ich habe mich schon darauf eingestellt, denn prinzipiell mag ich Hitze lieber als Kälte.

Gleichzeitig bin ich aber auch großer Fan davon, mich abzukühlen, und Schwimmbäder eignen sich dazu bestens. Leider gibt es hier wenig öffentliche Schwimmbäder und keins in der Nähe, sondern meist private Schwimmclubs, in denen man Mitglied sein muss. Als ich hier ankam, konnten wir noch auf Einladung einer Freundin der Familie einen Club besuchen, diesen also quasi zwei Monate „testen“, aber die einmalige Mitgliedschaftsgebühr und monatlichen Kosten waren exorbitant und standen in keinem Verhältnis zu dem, was uns geboten wurde. Das Kinderbecken war okay, hatte aber eine „im Wasser-Bar“, wo Erwachsene sich nachmittags um 16h ihre Cola mit „güisqui“ (spanische Schreibweise von „Whisky“) hinter die Binde kippten und megalaut Charts hörten. Das Schwimmbecken war recht klein und meist fand zu der Zeit, in der wir dort waren, Schwimmunterricht statt und zwar von rechts nach links und nicht entlang der langen Seite. Keine Ahnung, warum, aber das ist hier so üblich, und es bedeutete, dass wir nicht ordentlich schwimmen konnten, was uns allen wichtig war.

Seit zwei Wochen sind wir aber Mitglied im Club de Cazadores, also „Club der Jäger“, der ca. 10 Gehminuten von uns entfernt ist. Auf der Website sah er sehr schick aus und während Renata alles mit der Clubleitung regelte, erkundeten Anja und ich die Umgebung. Es gibt ein großes Schwimmbecken mit unterschiedlichen Tiefen, ein flacheres Kinderbecken, genug Sitzmöglichkeiten, sowohl überdacht als auch unter freiem Himmel, eine Bar und ein paar kleine „Lädchen“ für Eis oder Säfte, ein Nagelstudio, ein Spa, eine Sauna und ein Fitnessstudio, einen Spielplatz und mehrere Sportplätze, auf denen unterschiedliche Sportarten gelehrt und betrieben werden. Leider gab es sehr wenig Grünfläche, aber immerhin ein kleines Eckchen Rasen. Das alles hörte sich ziemlich gut an und war auch auf den ersten Blick wirklich toll. Nach einigen Besuchen entdeckten unsere kritischen Augen (und Ohren) einige Mängel, mit denen wir aber trotzdem leben können.

Es gibt zum Beispiel ein erhöhtes Podest mit riesigen Boxen, aus denen den ganzen Tag laute Musik läuft – das Leben hier wird überall von Musik begleitet (im Schwimmbad, im Einkaufszentrum, in den einzelnen Läden, beim Friseur, im Nagelstudio, …) und es ist auch keine Seltenheit, dass aus verschiedenen Boxen verschiedene Lieder laufen – es entsteht ein Wettbewerb, wessen Musik lauter aufgedreht werden kann. Niemand beschwert sich jedoch, auch wenn man sein eigenes Wort nicht verstehen kann. Das Leben in Kolumbien ist wohl einfach so – die Leute werden nervös, wenn es zu leise wird. (Auch abends dringen oft aus verschiedenen Bars laute Musik, Gesang oder Stimmengewirr zu mir ins Schlafzimmer, das dementsprechend zum Wachzimmer wird.) Das Fleckchen Rasen, das wir im Club zu unserem Platz auserkoren haben, ist leider direkt unter den Boxen und so bitten Renata oder ich regelmäßig darum, die wummernde Discomusik oder die spanischen Rhythmen doch bitte leiser zu stellen. Wir werden ebenso regelmäßig verwirrt angeschaut und belehrt, das müsse so sein. Wie unhöflich von uns, den anderen Leuten die Musik nicht zu gönnen! Also ehrlich. Tztztz. Manchmal machen wir aber auch einfach übertrieben Party – wir klatschen und wippen im Takt der Musik, bewegen die Köpfe ruckartig nach vorne und hinten und machen mit Armen und Beinen die tollsten Verrenkungen. Anja findet es genial und wir lachen uns schlapp.

Auch in diesem Schwimmerbecken wird im Schwimmunterricht von rechts nach links geschwommen und nicht längs – ich frage mich wirklich, was das soll? Hier werden aber zwei Bahnen abgetrennt, damit man dort in Ruhe schwimmen oder einfach sein kann, was uns gut gefällt. Blöd ist, das beide Becken immer in der prallen Sonne sind, aber man kann ja nicht alles haben. Wir bleiben meist so 20 Minuten im Wasser, dann machen wir Snackpause und danach geht Renata ihre Bahnen ziehen, während Anja und ich den Club erkunden. Wir entdecken die Duschen, sammeln Müll auf und bringen ihn in die bereitgestellten Mülleimer (Anjas Hobby), rocken ab zur Musik, die aus den Lautsprechern oder aus dem Fitnessstudio schallt und freuen uns, wenn andere Leute mitmachen, schauen uns ein Basketballspiel an oder vergnügen uns auf dem Spielplatz. Leider liegen auf dem Boden oft Scherben, Drahtstücke oder kleine Haufen Kot, sodass ich immer beide Augen auf den Boden gerichtet habe, um Unfälle zu vermeiden. Laut Clubordnung und Leitung sind Hunde verboten und es ist uns ein Rätsel, wieso die braunen Haufen regelmäßig auftauchen – und vor allem nicht entfernt werden! Auch der Spielplatz hat seine Tücken. Viele Oberflächen sind aus mir unerklärlichen Gründen aus Metall, was natürlich total Sinn ergibt für Spielgeräte, die die meiste Zeit in der prallen Sonne stehen, da werdet ihr mir sicher zustimmen. Manche Geräte sehen auch nicht sehr vertrauenerweckend aus und einiges ist bereits kaputtgegangen, seit wir dort sind (nicht durch uns natürlich!). Es ist trotzdem schön, dass es überhaupt einen Spielplatz mit verschiedenen und tollen Geräten gibt und ich lasse Anja im Rahmen der sicheren Möglichkeiten so viel Freiraum, dass sie sich ungestört ausprobieren kann – und sie macht waghalsige Dinge, kann ich euch sagen!

Ich freue mich trotz mancher Mängel wirklich sehr, dass wir in diesem Club Mitglied sind. Den Weg alleine zurücklegen zu können gibt mir das Gefühl, mein Leben irgendwie in der Hand zu haben, wenn ihr versteht, was ich meine. Ich bin nicht mehr darauf angewiesen, dass die Familie mich fährt, ich finde mich zurecht und tue etwas für meinen Körper und meine Gesundheit und gleichzeitig etwas gegen die ungesunde Energie, die machmal in mir brodelt und mit der ich nicht weiß, wohin. Das scheinen winzige Schritte zu sein, aber mit diesen winzigen Schritten gehe ich dem Gefühl entgegen, mich hier wohlzufühlen, und dieses Gefühl ist unglaublich gewachsen in letzter Zeit. Ich bin „gezwungen“, mich alleine mit Menschen auseinanderzusetzen und mit ihnen in Kontakt zu treten, sowohl auf der Straße als auch im Club, ohne Hilfe und Übersetzerin. „Gezwungen“ mit Anführungsstrichen, weil es nicht ein negatives Zwingen ist, sondern ein liebevoller, notwendiger Schubser in die Richtung, in die ich mir wünsche, zu gehen. Anfangs bin ich jedoch davor zurückgescheut, jetzt traue ich mich und das fühlt sich gut an. Ich bin mit der „realen Welt“ in Berührung und das macht es realer und leichter, ein Teil davon zu sein bzw. zu werden. Die meisten Leute, die ich bis jetzt dort oder auf dem Weg dorthin getroffen habe, waren jedenfalls sehr freundlich. Auf dem Weg lächeln mich viele Menschen an, grüßen mich, machen mir in der für sie eigenen subtilen Art Komplimente (z.B. Kussmünder begleitet von „Muy hermosa!“ oder „Muy bonita!“) oder hupen mich an. Im Club sind die Menschen ebenfalls sehr nett und überaus hilfsbereit, wenn sie merken, dass ich mit Spanisch noch unsicher bin. Sie versuchen sich in Englisch, versuchen, jemanden zu finden, der Englisch spricht oder nutzen Hände und Füße, um mir etwas zu erzählen oder zu erklären. Die Pförtner kennen mich schon, ist ja auch nicht so schwer, mich wiederzuerkennen als Blondine zwischen den Kolumbianern  😉 Sie machen mir die Pforte auf, ohne meinen Ausweis sehen zu wollen und wünschen mir wie selbstverständlich „Buenos días!“, worauf ich strahlend ebenfalls mit einem „Buenos días!“ antworte.

Morgens stehe ich jetzt meist gegen 6.15h auf, streife meinen Bikini über und mache mich auf den Weg, um vor der Arbeit in Ruhe einen Kilometer zu schwimmen. Ich brauche mich nicht zu beeilen, denn ich beginne meinen Arbeitstag erst um 10h, sodass ich mir oft die Zeit nehme, um mich auf den Liegen auszustrecken und der Musik zu lauschen, die manchmal anwesenden anderen Leute zu beobachten oder einfach in den Himmel zu schauen.

Ich weiß, dass ich hier ein sehr luxuriöses Leben führe und finde das einerseits toll, denn in Deutschland bin ich das in diesen Ausmaßen nicht gewöhnt, andererseits finde ich es schade, denn dies scheint nicht das Leben eines typischen Kolumbianers zu sein – vielleicht das der gehobeneren Schicht, ja, aber das Leben des Großteils der kolumbianischen Gesellschaft scheint sich sehr von meinem zu unterscheiden. Aber das ist nun mal so – in Deutschland gibt es ja auch nicht DAS typische deutsche Leben – ich bin mir sicher, dass sich das Lebens eines ALGII-Empfängers sehr von dem einer Anwaltsfamilie unterscheidet. Und egal, welches Leben ich hier kennenlerne – es ist auf jeden Fall anders als das, was ich in Deutschland führe und definitiv eine Umstellung, Erfahrung und Herausforderung! Ich werde mir Mühe geben, euch in Zukunft mehr davon zu berichten und teilhaben zu lassen – ich freue mich darauf, dass ihr mit mir mitreist und mir die Gelegenheit gebt, euch zu berichten.

Bis zum nächsten Post … un abrazo grande! x