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Aventuras Nuevas – Alles neu! – Teil 2

Herzlich Willkommen zu Teil 2 von „Alles neu!“ Wir waren stehen geblieben an dem Punkt, an dem meine Pläne, als Lehrerin in Kolumbien zu bleiben, mit lautem Klirren zu einem beträchtlichen Scherbenhaufen zusammenfielen.

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Angie und ich bei einem die Seelenrisse kittenden Eis

Zum Glück gibt es Angie, meine beste Freundin in Kolumbien. Inmitten unserer jeweiligen chaotischen Leben haben wir uns getroffen und bei einem Picknick alles erörtert, auseinandergepflückt, zusammengesetzt und erneut durchgekaut, bis wir uns beide etwas leichter fühlten mit allem, was sich auf uns stürzt und uns unter sich begräbt. Es tat so gut, sich mit ihr alles von der Seele zu reden, alles 3x zu sagen, weil es so ätzend ist, und sich verstanden zu fühlen. Während dieses Gesprächs sprachen wir u.a. darüber, was denn im Falle einer Absage meine Optionen wären, und ich scherzte: „I’ll just go back to Australia.“ Und es war ein Scherz, ich schwöre. Doch wie es so ist, in jedem Scherz steckt auch ein Körnchen Wahrheit und ich konnte diese Idee nicht davon abhalten, sich in meinem Kopf und Herzen einzunisten.

Für alle, die 2013 noch nicht mitgelesen haben: ich habe damals als Backpackerin von Februar – Juli auf einer Rinderfarm im Outback gelebt und gearbeitet. Viele meiner damaligen Beiträge findet ihr ab Februar 2013 im Archiv bzw. unter der Kategorie „Farm Charm“.

Ich habe also Kontakt mit meiner Gastfamilie von damals aufgenommen und gefragt, ob sie mich eventuell wieder aufnehmen würden. Keine 12 Stunden später hatte ich eine Antwort und mir fiel der Mount Everest vom Herzen. Ich sei immer willkommen und müsse ihnen nur meine Reisedaten mitteilen. Gesagt, getan – ich buchte einen Flug, kümmerte mich um die jeweils nötigen Visa, schickte die Infos nach Australien … und machte mich Millionen Mal ans Aussortieren/Koffer-Probepacken. Geplant war, mit einem Touristenvisum 3 Monate in Australien zu bleiben und dann für einen Monat nach Kolumbien zurückzukehren, um mit Angel seinen Geburtstag zu feiern, bevor es am nächsten Tag zurück nach Deutschland gehen würde. Ich hatte mich gegen eine sofortige Reise nach Hause entschieden, weil ich so meine Auslandskrankenversicherung verlieren und dies eine sehr lange zeitliche Trennung von Angel bedeuten würde. Durch die Reise nach Australien bliebe die Versicherung bestehen und er und ich würden uns vor der unausweichlichen Trennung im Juli nochmal sehen.

Den Januar sollte ich ja sowieso bei meiner Gastfamilie in Kolumbien bleiben und ich habe ihnen dann noch den Februar gegeben, damit sie sich nach jemand neuem umschauen können. Ich fand es unfair, von heute auf morgen zu verschwinden (obwohl ich das gekonnt hätte), aber auf keinen Fall wollte ich bei ihnen bleiben. Das war eine gute Entscheidung. Mit dem Wissen, dass ich bald gehen würde, ließen sich der restliche Januar und der Februar gut überstehen, aber die Atmosphäre war keine schöne und verschlechterte sich zusehends. Zu vielen Dingen nickte ich einfach nur noch, weil ich keine Lust mehr hatte, mich darüber aufzuregen, aber ich fühlte mich zunehmend eingeengt und eingeschränkt, ungerecht behandelt und unwohl. Am Ende ging es dann tatsächlich im Streit auseinander, womit ich ja schon im letzten Jahr gerechnet hatte. Ich habe aber irgendwann genug davon gehabt, alles hinzunehmen, zu nicken und „ja und Amen“ zu sagen. Nicht nur das Aupair muss sich in gewissem Grade anpassen, sondern auch eine Familie muss sich auf die Bedürfnisse und Wünsche des Aupairs einstellen, und irgendwann habe ich meine Hacken in den Boden gestemmt und mich gegen die Zügel der Familie gewehrt. Kam nicht so gut an.

Am Samstag, 04. März, zog ich aus, ohne richtiges Abschiedsgeschenk von der Familie und tatsächlich auch ohne Abschied von Seiten meines Gastvaters, der mich gegen Ende komplett ignorierte. Ich konnte nur den Kopf schütteln, denn obwohl die letzten Tage alles andere als schön waren, hatte ich Abschiedsgeschenke für die Familie vorbereitet.

Ich zog bis Montagabend zu Angie. Koffer, Boxen und Taschen ließ ich bei Angel, zu dem ich Montagabend ziehen sollte. Mit meiner Reisetasche machte ich mich nach einem kurzen Treffen mit Angel mit dem Bus auf den Weg nach Villa del Rosario, wo Angie mich vom Bus abholte. Die Familie hatte mir untersagt, Angie dort zu besuchen, aus „Sicherheitsgründen“. Dass sie mir damit die Chance nahmen, meine beste Freundin zu sehen und ihre Familie kennenzulernen, berührte sie nicht. Umso mehr genoss ich es, dass mich Angies Familie so selbstverständlich aufnahm, als gehörte ich schon ewig dazu. In diesen 2,5 Tagen habe ich mich wohler gefühlt in einem zu Hause als die letzten 8 Monate zuvor. Mir wurde klargemacht, dies sei jetzt auch mein zu Hause, ich solle mich wohlfühlen. Wir aßen zusammen, unterhielten uns, scherzten, lachten, tauschten uns aus, halfen einander. Ich fühlte mich so geborgen und angenommen und die Zeit mit Angie zu verbringen, war so wunderbar. Ich kochte für ihre Familie Kartoffelpuffer, um mich zu bedanken für alles, und als ich mich am Montagnachmittag verabschiedete, wurde ich so herzlich gedrückt und die Einladung, im Juni wieder bei ihnen zu wohnen („Eres bienvenida siempre, esta es tu casa“), klang schon fast wie eine Feststellung, als sei es klar, dass ich dann wieder bei ihnen wohnen würde. Ich lief über vor Dankbarkeit und Zuneigung.

Ich erledigte noch einige Dinge, bevor ich zu Angel fuhr und verbrachte die letzten Tage dort recht unabhängig. Dienstag hatte ich zum letzten Mal Physiotherapie, ging zum Friseur, erledigte noch ein paar Einkäufe, schrieb ein paar Nachrichten und kochte abends wieder Puffer, diesmal für seine Familie. Am Mittwoch lud er mich zu einem vegetarischen Mittagessen ein (überlaufendes Herz und strahlendes Gesicht meinerseits) und danach fuhren wir zu Freunden seiner Familie, wo extra für mich noch eine kolumbianische Spezialität gebacken wurde. Ich hab leider vergessen, wie sie heißt, aber sie erinnert mich an eine Mischung aus Fladenbrot und Pfannkuchen, und ist an sich schon ziemlich süß, aber die Kolumbianer  essen sie mit leche condensada (Kondesmilch) – und zwar richtig, richtig viel. Ich habe einfach weniger davon über die Fladen gegossen und es war sooo lecker! Das war ein schönes Abschiedgeschenk.

Von allen meinen Freunden hatte ich mich in meiner letzten Woche bei der Familie verabschiedet. Jeden Abend war ich froh, die Haustür hinter mir zuzuziehen und mich auf Menschen freuen zu können, die gerne Zeit mit mir verbringen, an mir interessiert sind und die meine Ansichten teilen. Schon lange vorher traf ich Francisco, mit dem ich Eis gegessen habe, bevor er selbst zurück nach Venezuela gereist ist, wo er lebt. Ich lief in Horacio hinein und freute mich total über dieses spontane Treffen. Marcela und Carol, die selbst je 2 Aupair-Jahre in den USA hinter sich hatten, luden mich zu einer Pizza ein, nach der ich endlich mal richtig satt war, und wir sprachen über das Aupairleben, Gastfamilien, ihre jetzige Arbeit, Sprachen lernen, was wir zusammen erlebt haben und was die Zukunft für uns wohl bringen würde. Ich traf Rafael, mit dem ich redete und redete, ich traf Alejandra, die mir ein wundervolles Abschiedsgeschenk machte und mit der ich das ganze Treffen lang auf Spanisch sprach – und es fiel mir nicht mal schwer! Ich traf Jaime, dem ich über die Maßen dankbar einen Berg ausgeliehene Bücher zurückgab und ich traf Jodi, mit der ich ebenfalls Eis aß und zum letzten Mal tiefgründige Gespräche führte.

Alle meine Freunde und Bekannten vom Spielplatz hatte ich in den vorangegangenen Tagen davon unterrichtet, dass ich bald gehen würde und sie kamen nach und nach, um mich zu umarmen, sich zu verabschieden, Nummern auszutauschen und noch ein letztes Foto mit mir zu machen. Meine beste Spielplatz-Freundin Juliana und ihre Mama Ximena machten mir ein Geschenk, und das war so wunderschön, weil es unerwartet war: eine Zeichnung samt Brief von Juliana und ein Gutschein für eine Mani-Pedi, zum Entspannen! Das hat mich über alles gefreut, weil es in krassem Gegensatz zu den nicht vorhandenen Geschenken meiner Gastfamilie stand. Zu sehen, dass sich Menschen auf dem Spielplatz so sehr um mich kümmern und sich solche Gedanken und Mühen machen, hat bewirkt, dass mir warm um’s Herz wurde. Und an meinem letzten Tag auf dem Spielplatz kam sogar mein Pflegehund nach Wochen der Abwesenheit mal wieder vorbei und brachte uns nach Hause. Ich habe mich so unendlich gefreut, Caramelo noch ein letztes Mal zu sehen und in den Arm nehmen zu können. Er ist mir sehr ans Herz gewachsen, genau so wie Maria Elizabeth, mit der ich mich am Montag vor der Manip-Pedi-Behandlung nochmals traf und Geschenke, Neuigkeiten und eine feste Umarmung austauschte. Meine Freunde werden mir sehr fehlen, das ist sicher.

Mittwochabend finalisierte ich mein Packen, zog mich um und verabschiedete mich von Angels Eltern. Wir luden das Gepäck ins Auto, stiegen ein und fuhren zum Flughafen. Es wurde nochmal stressig, weil die Unterkunft, die ich mir in Bogotá organisiert hatte, in letzter Minute geplatzt ist und wir meine neue SIM-Karte nicht aufladen konnten … Das Aufladen hat Angel dann erledigt, während ich schon über den Wolken dahinsegelte (von Cúcuta nach Bogotá) und eine Ersatzunterkunft hatte er mir auch noch organisiert. Die ist dann leider auch nicht zustande gekommen, sodass ich sehr provisorisch am Flughafen in Bogotá gecampt habe, bevor ich 8.10h am nächsten Morgen kolumbianischen Boden hinter bzw. unter mir ließ. Davon, von meiner laaaaaangen Reise, von allem was davor (seit dem letzten Post) und vor allem auch davon, was seit meiner Reise passiert ist, erzähle ich euch im nächsten Post … Was jetzt wichtig zu wissen ist, ist: ich bin heile angekommen und habe euch nicht vergessen.

Ein Gruß aus dem australischen Outback …
… y un abrazo fuerte! 

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Kolumbien, du wirst mir fehlen!

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Aventuras Nuevas – Cita con el doctor

Hallo ihr Lieben,

ich werde euch heute davon berichten, wie mein erster Besuch bei einem kolumbianischen Arzt war. Vor 3 Wochen bin ich gestolpert und hab mich blöd an der Schulter verletzt. Wir haben zu Hause erste Hilfe geleistet und erstmal gewartet, ob das reicht, aber es wurde nicht besser. Also hat Renata mir mit Hilfe ihrer Kontakte einen Arzt gesucht, der Englisch spricht. Ich wollte das gerne alleine schaffen, zum einen, weil mir das Selbstvertrauen gibt, auch mal schwierigere Dinge alleine zu schaffen, und zum anderen, weil ich nicht immer abhängig von der Familie sein möchte. Renata hat mir alles erklärt: was ich sagen muss, was sie mich fragen könnten, wie viel es kostet, welche Unterlagen ich mitnehmen muss, wie der Ablauf ist usw. Außerdem hat sie mit dem Arzt selbst gesprochen und direkt vor meinem Termin auch nochmal angerufen und wiederholt, wer ich bin, dass ich nur wenig Spanisch spreche und im Prinzip doppelt und dreifach abgecheckt, dass der auch wirklich englisch spricht und nicht nur so tut. Total klasse. Ich wurde losgeschickt mit den Worten: „Und wenn was ist, ruf an!“

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Ein Straßenplan meiner Nachbarschaft in Cúcuta

Eigentlich war geplant, dass ich alleine dorthin gehe, aber da es an dem Tag sehr heiß war und das Straßensystem in Cúcuta sehr, sehr kompliziert ist (selbst für Cúcuteños, die Einwohner Cúcutas), hat Renzo angeboten, mich zu fahren. Das war letztendlich auch gut, denn ich hätte mich, glaube ich, verlaufen in dem System aus Calles und Avenidas und den ganzen Nummern … Dort, wo das kleine rote Dreieck ist, wohne ich. Und irgendwo außerhalb des linken Bildrandes liegt die Praxis … glaube ich. Ich finde es nicht mal auf googlemaps … muy complicado. Renzo hat mich vor dem Haus, in dem die Praxis untergebracht ist, abgesetzt und ich habe mich durch das Haus zum Arzt navigiert. Durch die Praxistür kam ich in ein kleines, vollbesetztes Wartezimmer samt TV und einem kleinen Rezeptionstresen. Alles sah eher unorganisert aus, nicht so wie in deutschen Arztpraxen. Die Sprechstundenhilfe hat mich auch nicht sehr freundlich angeschaut, als ich sagte: „Buenas tardes, tengo una cita a las 2 con doctor Páez.“ – „Hoy?“  – „Sí, a las dos. Mi nombre es Katharina.“  „Natürlich heute“, dachte ich so, „sonst wäre ich ja an einem anderen Tag gekommen.“ … Eine Tür öffnete sich und eine weitere Sprechstundenhilfe wollte meinen Pass sehen und sagte dann: „Son doscientos mil pesos, por favor.“  Ich reichte ihr 200.000 COP – umgerechnet sind das in etwa 70€. Ich wurde durchgewunken durch die Tür, durch die sie vorher erschienen ist und sie zeigte auf einen langen Gang – den sollte ich hinuntergehen und mich auf die Bank setzen. Der Arzt würde mich aufrufen.

Dieses „Wartezimmer“ war quasi ein Freiluftwartezimmer, sehr angenehm, da der Wind durch die Gitter wehte und der Hitze ein wenig die Stärke nahm. Ich wartete vielleicht 10 Minuten und wurde dann zum Arzt hineingerufen. Er begrüßte mich gleich mit „Good afternoon, how are you?“ und ich war so dermaßen erleichtert. Er hatte einen Akzent, an den ich mich erst gewöhnen musste, aber nach ein paar Minuten ging es super. Er wirkte sehr vertrauenswürdig und nahm sich ganz viel Zeit für mich. Er erklärte mir alles an Bildern an der Wand und war ganz entsetzt, dass ich schon so lange Schmerzmittel nehme für meinen Steiß. „No, you can’t do that. We’ll find out what it is and make it go away.“ Also ehrlich, das fand ich so lieb 🙂 Er meinte, er würde mir eine Überweisung für je 1 MRT schreiben (hier in Kolumbien RMN – resonancia magnética nuclear oder auch einfach kurz „resonancia“), erklärte mir das Prozedere und dass wir die Ergebnisse in einem zweiten (nicht mehr kostenpflichtigen) Termin besprechen würden.

Als ich die Überweisung und die Rechnung/Quittung bekam, musste ich ihm und seiner Sprechstundenhilfe erklären, wie unser deutsches Namenssystem funktioniert. Hier (sowie in vielen weiteren spanischsprachigen Ländern auch, denke ich) haben die Menschen zwei Vornamen und zwei Nachnamen. Benutzt wird meist der erste Vorname und der erste Nachname. Ich habe aber nun drei Vornamen und einen Nachnamen – das bringt die armen Kolumbianer total durcheinander, und obwohl es im Pass und auf meinem Ausweis deutlich untergliedert ist und ich es auch immer wieder erkläre, erscheint regelmäßig mein dritter Vorname als mein Nachname. Prinzipiell stört es mich nicht, aber für offizielle Dokumente ist es schon sicherer, alles ordentlich aufgereiht zu haben, damit es keine Probleme mit der Versicherung gibt. Das Vor-/Nachnamenphänomen kann ich auch schon sehr gut auf Spanisch erklären! 🙂

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Irgendwie á la Pippi Langstrumpf 😉

Nachdem wir das geklärt hatten und während alles nochmal richtig aufgeschrieben wurde, fragte mich der nette Arzt noch, wie es mir hier gefiele usw. und wollte dann wissen, ob ich Deutschunterricht geben würde – ich verneinte, weil ich ja alles in Spanisch erklären müsste und das nicht könnte. Es stellte sich heraus, dass er fragte, weil seine Tochter sehr gerne Deutsch lernen würde und perfekt Englisch spräche – ich könnte es mir ja überlegen. Wir tauschten schon mal Telefonnummern und verabredeten, beim nächsten Termin nochmal miteinander darüber zu sprechen.

 Ich sollte mir eigentlich ein Taxi zurück nehmen, aber ich habe beschlossen, zu laufen. Taxis sind hier nicht teuer, die Fahrt hätte wahrscheinlich nicht mal 2€ gekostet, aber ich hatte ja keinen Zeitdruck und bin der Meinung, dass man sich besser zurechtfindet, wenn man auch bzw. gerade komplizierte Wege selber abschreitet. Ich bin einfach in die Richtung gegangen, in der ich das Einkaufszentrum vermutet habe, und war sehr erleichtert, als es vor mir erschien – geschafft! Diesen tollen eingepackten Baum habe ich auf dem Rückweg gefunden – ziemlich cool 🙂

Eine der Kliniken, in der ich die MRTs machen konnte, liegt praktischerweise direkt gegenüber des Spielplatzes, auf dem wir immer sind, und Renata hat am Nachmittag für mich einen Termin für den nächsten Tag (Dienstag) gemacht. Abends haben wir uns zusammengesetzt und Renata ist mit mir Schritt für Schritt durchgegangen, was passieren wird. Das habe ich mir alles aufgeschrieben, auch, was ich sagen muss, und „die Liste“ war quasi mein Plan durch das Labyrinth der kolumbianischen Klinikwelt.

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In der Clinica Santa Ana wurden die resonancias gemacht.

Ich habe eingepackt: meinen Pass, meine Überweisung vom Arzt, meinen Terminzettel, meine Kreditkarte und zur Sicherheit auch noch den zu zahlenden Betrag in Pesos – und natürlich die Liste. Am Eingang der Klinik musste ich einem Sicherheitsbeamten erklären, warum ich da war: „Tengo una cita para resonancias.“ Er nickte und wies mir den Weg durch eine Glastür zur Rezeption. Dort angekommen, erklärte ich mein Anliegen nochmals und reichte den receptionistas den Terminzettel. Sie wollten meinen Pass sehen und die Überweisung des Arztes. Ich sagte, ich würde das Original für mich brauchen – „Necesito el original para mí.“ – und sie machten eine Kopie. So weit, so gut – und dann reichten sie mir einen Zettel zum Ausfüllen. Ich wurde nervös. Das stand nicht auf der Liste! Zum Glück musste ich in Deutschland auch schon mal in die Röhre, daher konnte ich mir ca. denken, was sie wissen wollten, habe aber trotzdem nochmal alles mit den Sprechstundenhilfen geklärt – bis diese allerdings auf die Idee kamen, google translator zu Hilfe zu nehmen, verging ein bißchen Zeit … Nachdem alles ausgefüllt war, bekam ich eine Quittung und musste zur caja – wo ich 775.000 COP bezahlen würde, 350.000 COP für die Schulter und 425.000 COP für den Steiß – uiuiui! Das sind ca. 235€ und fast so viel, wie ich in einem Monat verdiene. Ich habe beschlossen, das mit meiner Notfallkreditkarte zu bezahlen, auch wenn die Familie mir versichert hat, sie würden mir Geld vorstrecken.

Die Kassenfrau (Kasse=caja) war furchtbar – sie saß in einem Glaskasten und nuschelte mir alles durch einen dünnen Schlitz in der Glasscheibe zu – wie sollte ich sie nur verstehen?! Ich war so frustriert, als sie nicht zu kapieren schien, dass ich sie nicht verstand, dass ich ein bißchen auf deutsch herumschimpfte. Besser wurde es dadurch nicht, aber ich hab mich zumindest etwas besser gefühlt. Es war so gut, dass ich die Liste hatte. Renata hatte erklärt, dass sie mich fragen würden, ob es eine „credito“- oder eine „debito“-Karte wäre und was ich antworten müsste. Hier in Kolumbien ist es wohl außerdem üblich, dass in mehreren Raten bezahlt wird – also mehreren „quotas“. Auf die Frage „Cuantas quotas?“ müsste ich allerdings unbedingt mit „Una quota, por favor.“ antworten, sagte sie, weil es sonst nicht klappen würde mit der Bezahlung. Ein Glück, dass ich das vorher wusste, sonst wäre ich vermutlich ausgerastet an der caja.

Nachdem das geschafft war, ging ich zurück zur Rezeption und wurde durch einen langen Gang in den Wartebereich des MRTs geschickt, wo ich 1,5 Stunden wartete. Dann erklärte mir der Arzt dort, ich müsste mich ausziehen – kurzer Moment der Peinlichkeit, als er erwähnte, ich müsste den BH ausziehen, könnte aber die Unterhose anlassen – und ich verschwand im kleinen Bad, um mich in ein schickes, blaues Gewand zu hüllen. Es mag kittelvielleicht blöd klingen, aber das dieses Ding relativ ordentlich an mir aussah, gab mir irgendwie etwas Selbstvertrauen zurück. Ich wurde dann zum Gerät geführt und der Arzt unterhielt sich sehr freundlich mit mir – er fragte, woher ich käme, was ich hier machen würde, wie alt ich sei … Alltagsdinge eben, und dass ich antworten konnte, tat mir gut, es gab mir das Gefühl von Normalität. Er erzählte mir auch von einem Besuch in den USA und er sagte: “ … y no entendí nada! Inglés es muy complicado!“ Obwohl er Englisch also nicht verstanden hatte und für sehr kompliziert hielt, warf er immer mal wieder ein paar Worte ein und brachte mich zum Lachen. Er zog mir liebevoll blaue Puschen an die nackten Füße und half mir fürsorglich, mich hinzulegen. Bevor er mich zum zweiten Mal in die Röhre schieben musste, wollte er wissen, ob mir zu kalt sei, er könne mir gerne noch eine zweite Lage Kleidung organisieren. „No, todo bien, muchas gracias!“  Als auch der zweite Durchgang geschafft war, half er mir wieder auf, ich zog mich an und er bestätigte nochmals, dass ich auch eine CD von den Ergebnissen haben wollte: „Necesita un CD, verdad?“ Bevor er sich auf Englisch (!!) verabschiedete, sagte er mir, ich könnte die resultados am Freitagnachmittag ab 16h abholen.

Wundervoll. Das habe ich auch gemacht – erst durfte ich allerdings nicht in die Klinik, weil ich Anja dabeihatte. Versteh das einer, ich musste ja nur zur Rezeption! Als ich dann endlich drin war (ohne Anja), schien es eine schwere Aufgabe zu sein, meinen Namen in eine Liste einzutragen, und als es dann nach 10 Minuten endlich geschafft war, musste ich erneut das mit dem Vor-/Nachnamen erklären, weil es sowohl auf der Tasche mit den Ergebnissen als auch auf der Liste, die ich unterschreiben musste, falsch stand … Man man man. SO schwierig finde ich es es nun auch wieder nicht … Ich habe dem Arzt von Dienstag dann noch ein kleines Geschenk vorbeigebracht, weil ich es so toll von ihm fand, dass er sich so um mich gekümmert hatte. Er hat sich total gefreut und auf Englisch bedankt 🙂 Ich hatte ihm Ferrero Rocher gekauft (hier etwas richtig Feines) und eine kleine Notiz dazugeschrieben: „Gracias por su paciencia y por tener la amabilidad de ayudarme a comprender todo.“

Jetzt liegen die Bilder hier bei mir und übermorgen muss ich erneut zu Doktor Páez, um die Ergebnisse zu besprechen. Mal sehen, was dabei herauskommt. Ich bin auf jeden Fall stolz, dass ich das geschafft habe und auch größtenteils alleine (und natürlich mit Hilfe der Liste). Das fühlt sich gut an – Dinge, die ich zu Hause alleine schaffe, auch hier zu schaffen – gerade dann, wenn sie ein bißchen schwieriger sind.

In diesem Sinne werde ich den Post abschließen mit einem Zitat, das ich gestern auf facebook gefunden habe. Es geht um’s Fitnesstraining, denke ich, finde aber, man kann die Worte genauso gut auf den Alltag und die kleinen Schwierigkeiten in diesem beziehen …

Un abrazo grande! x

Aventuras Nuevas – Why I Sometimes Hate It Here – Stuff I Need To Get Off My Chest

First of all I need to tell you how grateful I am for the ’save and edit later‘ function on here because if I had posted right away what poured out of my poor heart and soul yesterday night – or actually last morning at 1am – this post would have been quite disturbing for some of you.

After an average day of a few good and a few bad moments it all came tumbling down around midnight. Right after waking up in the morning I had to deal with a text from home which unfolded into an argument and in the course of the day into something huge and time consuming. This had me start my day off with a heart beating an uncomfortable rhythm of anger and frustration.

Later in the morning a woman came around to visit (she was someone who knew someone who knew someone of my hostmum’s family) and while she greeted me with the obligatory kiss on the cheek and „Hola, cómo está?“, in the course of the conversation with my hostmum she kept talking about me right in front of me. I was there to listen to her talk about me. The fact that she did it and the way she did it made me feel inferior and invisible.

In the park when Anja and I wanted to enjoy our drumming session on the blue plastic chairs the owner of the kiosk there had the nerve to approach us and take Anja down from the chair without my permisson and tell me in Spanish why he thought it was a bad idea to put her there. I was RIGHT THERE in front of her and he thought she wasn’t safe and I was doing the wrong thing. I felt so indignant and thrown off my guard – but at the same time I felt speechless.

I had noticed that I felt more tense with the girl for a couple of days and couldn’t tolerate as well as before some things she did. I felt really stressed for reasons I couldn’t put my finger on, which stressed me even more. I tried to push it away and shrug it off. Until last night when I suppose my guard was down and I was tired and I had felt emotional all day. Everything had been building up inside of me and suddenly all these intense feelings that I hadn’t allowed myself to feel before washed over me and I couldn’t breath and there was no other thing I could do than burst into tears. I couldn’t hold in any longer and I burst into tears because… sometimes I hate it here.

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That process of bursting into tears started with Angel suggesting that we start speaking more Spanish when we text so I could practice. He said I was in a comfort zone with the mum speaking German and him speaking English. I never speak Spanish in front of him, just about „class things“, and even that I dislike. I couldn’t figure out exactly why but at his suggestion last night, everything in me screamed „No, please, not you, too!“
There are a couple of other people that I text with who can speak only Spanish. Everytime I receive a text from them I feel like I’ve just been given a huge task. I need to look up every second word to understand what they say, and then I have to think about what I want to reply, and then think about how I can say that in Spanish in a non-complicated way and then I need to look up verb forms and words and hope I get the meaning right and put everything in the right order when I compose my sentence. It’s work, it’s bloody hard work, and I still can’t say exactly what I want and feel. Also I still make mistakes after putting so much effort into my answer. It’s so frustrating and it feels like I’m on a test, not like I’m chatting with a friend. It makes me feel really awful and lonely.

However, with Angel I’m really comfortable and he’s become a close friend, considering what I told him about me in the amount of time we’ve known each other. I trust him like I trust my friends at home and we joke easily, like friends who have known each other for a long time do. He has more of an idea of my personality than anyone else here seeing that I can be more of myself with him than with any other person. Because he’s a friend, not an employer or outstander or shop assistant or whatever. Sometimes he’s my teacher (and I’m his) but most of all we’re friends.

So when he suggested speaking more Spanish, I felt my friend turn into a teacher in our „spare time“, too, and I don’t want any more pressure on me, having to speak Spanish. By starting to watch my language, too, like everyone else constantly does, he will take away something from me that I need more than learning a bit of Spanish grammar or words. It’s hard enough not being me during the day when I have to deal with people who don’t understand me (language and personality wise) and when I can’t express my feelings in a proper fashion, so when I talk to a friend I want to do it without having to think about every word in every sentence. Also there is a difference in conveying feelings – in Spanish I write bare sentences without (my real) feelings most of the time. In English I know how to express annoyance or anger, joy or interest, zest or excitement. I know how to be caring and helpful, cheesy and sneaky and funny and witty. I Spanish I don’t and therefor I am not any of these things.

So his offer (even though coming from a good place) pushed me over the edge of the emotional cliff I’d been balancing on all day. Because I am definitely not in a comfort zone. The mum is an employer, even though we get on really well. It’s still different to chatting with a friend though. The people I speak to daily are not friends. They don’t get me and collectively, they make me feel horrible and stupid and hate the language and the idea of coming here and they make me miss my friends so badly and also they make me want to go home. So after pouring my heart out to poor Angel (bless him, he dealt with me really well) and saying goodnight I kept crying it all out and then I felt like writing it all out, too. So, at 1am, I sat in front of my computer, the light of which was blinding my swollen panda eyes (yes, I forgot to take off my make up … and yes, you are allowed to laugh at this image of me squinting my eyes like a granny panda), sniffing occasionally and putting on paper (well, screen really) everything that I couldn’t and didn’t want to hold inside.

So, if you are interested in how I felt at the dead of night yesterday, you are most welcome to read on (the italic part at the end of the post). Bear in mind that these are unreflected thoughts of the tired, emotional, annoyed and lonely part of my being. Today I have still been very emotional and a bit quite embarrassed by my outburst with Angel, but I had time to reflect on what I’m feeling and why I’m feeling it and everything you’ve read up to here is the result of my thinking. So if you’d rather not read on and spoil the impression it’s fine as well.

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Thank you for bearing with me on this (emotional) rollercoaster that is my life at the moment. I’m still adjusting to everything here and it’s tough – though according to Angel I’m too Colombian already a veces. Well, I don’t know about that …

Un abrazo grande! xx

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I sometimes hate being here because I don’t have any friends. I cannot be myself because I’m lacking the language. I feel like there are people looking down on me and think that I am stupid just because I can’t understand them or voice my opinion. They think I don’t have an opinion when all I’m actually missing are the words to voice it. I hate it that I can’t buy myself clothes that fit. I hate being dependent on other people to tell me things or drive me somewhere or to deal with stuff I’d be able to deal with on my own at home. People think I’m inferior because I look different and can’t speak their language, so they think it’s okay to speak about me while I’m right in front of them. They think it’s okay to point their fingers at me or stare at me like I’m an object in a museum. They think it’s okay to want to take pictures of me with their kids because I’m obviously a rarity. And they think it’s okay to take pictures of me without my consent because I can’t object in their language. They think it’s okay to call me names and they also think it’s okay to stare at me like I’m a piece of something on a market table they can choose and take home. And you know what? They also think I am not responsible and taking care properly. They think because I’m doing it differently from the way they do it I’m not responsible and caring and loving and basically not doing it right. And it hurts. What these people keep forgetting is that I am a person with feelings and perception like anyone else. I may not completely get every single word they say but I get what they say about me when they think I don’t. I hear them talking about me and I see them looking my way and whispering to their friends and pointing their fingers at me. I feel their disapproving stares behind my back when they think I can’t see and I hate it when they come over to me and tell me what to do in a voice like I’m stupid and not capable of doing anything. I hate it when they snigger with their friends and colleagues behind my back and exchange glances like I can’t see that. These people make me hate being here and hate the language and regret the idea of coming here and want to go home. And I’m not in a comfort zone. At all. It may look like I am but I am not. I don’t have friends here and I’m missing them. I miss talking about big and small things that move our worlds and that we can share, and meeting to go for a walk and being able to stay home because I want to, not because I don’t have anywhere else to go. I miss being able to just trust someone. I hate the time difference because when I get up my friends’ days are halfway done and it feels like I can’t share anything with them … or anyone. I hate it because I feel lonely and misunderstood.

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Aventuras Nuevas – Das Land der 1000 Möglichkeiten

Hallo liebe Lebensmaler,

ich hatte ja erwähnt, dass mir hier viel hinterhergeschaut und -gerufen wird und wie unangenehm mir diese Aufmerksamkeit war. An der Aufmerksamkeit hat sich nichts geändert, an mir allerdings schon ein bißchen – oder vielleicht eher in mir. Ich hatte mehr Zeit, darüber nachzudenken und gehe jetzt ganz anders mit der Aufmerksamkeit um.

Unangenehm war mir die Aufmerksamkeit vor allem, weil ich nicht wusste, wie ichspotlight angemessen mit ihr umgehen kann – ist das etwas Positives, was mir nachgerufen wird? Sollte ich lächeln und nicken oder lieber die Stirn krausziehen und den Kopf schütteln? Dass ich nicht wusste, wie ich reagieren sollte, war für mich auch deshalb unangenehm, weil ich fürchtete, dass alle Welt nun erahnen würde, dass ich kaum bzw. nicht sehr gut Spanisch spreche. Für mich ist es immer unerfreulich, wenn etwas beleuchtet und präsentiert wird, was mir selbst nicht so gut gefällt. Und da ich wegen meines Aussehens hier eh schon auf dem Präsentierteller im Scheinwerferlicht stehe, wollte ich vermeiden, dass auch noch „ans Licht kommt“, dass ich kein/kaum Spanisch spreche.

Ich habe mit Vera, mit Angel und mit ein paar anderen Freunden über diese Aufmerksamkeit und die Gefühle gesprochen, die ausgelöst werden, wenn ich angestarrt werde – das tat unglaublich gut, denn sie waren sich unabhängig voneinander alle total einig. Ihr gemeinsames Verdikt war: „Die Leute sind interessiert an dir. Du bist neu und anders und ungewöhnlich, aber sie wissen nicht so recht mit dir umzugehen.“

Das habe ich mir durch den Kopf gehen lassen, habe es hin und her gewendet und von allen Seiten beleuchtet – und dabei habe ich gemerkt, dass es den Leuten mit mir so gehen muss wie mir mit diesem Gedanken. Ich habe begonnen, das mir fremde und mich beunruhigende Verhalten als Chance zu sehen – ich erhalte jeden Tag tausend Einladungen, mit unglaublich vielen verschiedenen, neuen Menschen in Kontakt zu treten, tausend Möglichkeiten sozusagen. Mit dieser Einstellung ging es mir besser und ich begann, die viele Aufmerksamkeit (in den meisten Fällen) schön zu finden. Ich bin einfach nicht dieses Mädchen, das verlegen und verschlossen auf den Boden schaut, niemanden anlächelt, aus Angst, sonst ein Gespräch führen zu müssen und sich so irgendwie auch selbst isoliert – völlig konträr handelnd zu dem Wunsch, hier zu Hause zu sein.

Zusätzlich zu dieser Änderung des Blickwinkels habe ich begriffen, dass ich mit der Mitgliedschaft im Club auch meine Eigenverantwortung zurückbekommen habe: ich kann nicht nur in den Club gehen, ich bin jetzt selbst dafür verantwortlich, dass ich dorthin gehe. Es liegt nicht mehr in jemand anderes Verantwortung, ob ich gehe – nein, es liegt in meiner Hand, meinen Füßen, meinem Kopf.

Und es stellte sich heraus, dass der größte Schweinehund, den ich überwinden musste, der in meinem Kopf war. Er drückte sich zitternd in die Ecken meines Oberstübchens, schweinehundund winselte und jaulte, dass es doch peinlich sei, wenn man uns nicht verstünde, dass es sich blöd anfühlen würde, dass wir angestarrt würden, dass es mir sicher unangenehm sei, wenn alle dächten, ich sei doofer, als ich eigentlich tatsächlich bin.

Und natürlich hatte er Recht – es ist mir peinlich, wenn mich die Leute nicht verstehen oder ich sie nicht, es fühlt sich blöd an, angestarrt zu werden und es ist mir tatsächlich sehr unangenehm, wenn ich das Gefühl habe, die Leute halten mich für nicht so helle. Aber das wird sich nicht ändern, wenn ich nicht rausgehe und übe, übe, übe. „Nur durch’s Fallen lernt man das Laufen“, hat meine Lieblingslehrerin in der Ausbildung immer gesagt, und diesen Spruch habe ich verinnerlicht, ich liebte ihn so sehr, dass er einer der Grundsätze meiner Arbeit wurde. Blöd bloß, dass es so schwer ist, ihn auch bei mir selbst anzuwenden.

Eines Nachmittags aber, als der Schweinehund grad faul in der Sonne lag, kam mir der Gedanke: „Ich könnte heute neue Schuhe kaufen.“ Blitzschnell schoss ich hoch, packte alles, was ich brauchte und marschierte los. Ich unterband alles Winseln und Jaulen und Fiepen, ich ließ nicht zu, dass ich irgendetwas dachte, bis ich in der Mall im Schuhladen stand und es peinlicher gewesen wäre, zu gehen als zu bleiben. Nach etwa einer halben Stunde verließ ich den Laden – mit meinen neuen Sandalen (die laut Verkäufer sehr gut zu meiner „weißen Haut“ passten) und der Telefonnummer ebendieses Verkäufers, die mir mit der dringenden Ermahnung, ihm unbedingt zu schreiben, überreicht wurde.

Und was soll ich sagen? Das passiert oft. Die Menschen, die mich ansprechen, wenn ich alleine unterwegs bin oder die über Anja versuchen, mit mir in Kontakt zu kommen, waren immer sehr freundlich und interessiert. Viele wollen wissen, was ich hier mache, wie lange ich schon hier bin, wie es mir gefällt, ob es anders ist als zu Hause … und wenn sie hören, dass ich erst 7 Wochen hier bin (heute sind es 8!), dann reißen sie erstaunt die Augen auf und meinen, dass ich für diese kurze Zeit schon sehr gut Spanisch spräche. Sie machen mir Mut, indem sie sagen, dass ich keinen erkennbaren Akzent hätte, dass Spanisch sehr kompliziert sei und dass es normal sei, es schwer zu finden, sie meinen, ich sei sehr mutig und manche geben mir ihre Nummer und sagen, wenn ich etwas brauche, dann solle ich ihnen Bescheid geben …

Ich hatte, wenn ich so darüber nachdenke, viele, viele tolle Begegnungen. Die Schwimmclique im Club, die sich einen Arm ausgerissen hat, um mir eine ihrer Schwimmbrillen anzubieten; Samuel, der Schwimmlehrer; die beiden, die mir total freundlich die Öffnungszeiten des Fitnessstudios vorgelesen haben; die Frau, der ich ihre weggewehte Mütze aufgesammelt habe; der Typ, der mir lauthals Küsse zugeworfen hat und mich heiraten wollte – und die beiden Frauen, die das erst auf sich bezogen haben; unser Park-Freund, dessen Namen ich nicht weiß, aber den seines Hundes; der Kioskbesitzer; die zwei Frauen, die zwar keine profesoras waren, „pero mamas!“ mit Santiago und Luisa; der Papa, der nicht herausfinden konnte, woher mein Akzent kommt und der Englisch mit mir gesprochen hat; gestern der wundervolle 5-jährige Aron, der mich zum Abschied umarmte, mit seinem tollen Großvater; die Sicherheitstypen im Ventura oder im Metro; der eine Verkäufer, der sich im éxito so freundlich (und langsam) mit mir unterhalten hat; Andrea aus dem Nagelstudio; viele Fitnesstypen im Park; Juan Pablo und seine Mama; unsere Portiers und die Reinigungsfrau, die mich immer anlächeln und mir helfen mit Anja; die beiden Bauarbeiter aus dem Park; „unser“ Eisverkäufer mit der Krücke; die 4er-Clique im Juan Valdez, die mir immer irgendwas zugerufen haben; die Angestellten im Juan Valdez, die mir erlauben, während des Saubermachens sitzen zu bleiben („No, tranquila!“); die Postobon-Lieferanten … die Liste ist eigentlich ziemlich endlos.

Ich habe beschlossen, einfach dieses Mädchen zu sein, dass man gerne ansprechen würde, weil es strahlt, weil es sich wohlfühlt, weil es Spaß zu habenheart und witzig zu sein scheint, weil es sich Dinge traut und weil man es deswegen gerne in seinem Bekannten- oder Freundeskreis hätte. Ich möchte, dass die Leute sich trauen, mich anzusprechen, weil sie das Gefühl haben, ich antworte bestimmt freundlich, egal, was sie sagen.

Und es klappt. Ich trete viel mehr in Kontakt mit Menschen und traue mich, zu sprechen, ich gehe aufrechter und habe Freude daran, Gespräche zu führen. Wenn ich zum Beispiel mit der Mama durch die Straßen gehe und uns der Postobon-Lieferant (Getränkemarke) zuwinkt, dann meint sie: „Wow, der ist echt dein Freund!“, wenn wir an der Baustelle vorbeigehen und niemand mehr pfeift, meint sie: „Du hast ganz schön Eindruck gemacht auf die Bauarbeiter!“ oder wenn Samuel im Club über das Schwimmbecken hinweg meinen Namen schreit und lacht und winkt, dann meint sie: „Wow, der mag dich echt gerne!“

Ich würde nicht so weit gehen, zu sagen, dass ich viele Freunde habe, aber es fühlt sich ein klitzekleines bißchen natürlicher an, mal hier und da ein „Hallo“ zugerufen zu bekommen oder selber jemandem zuwinken zu können. Ich traue mich mehr, sodass mehr schöne Dinge passieren, und darum traue ich mich dann noch mehr und dann  … und dann …    🙂

Un abrazo grande con una sonrisa radiante! x

Aventuras Nuevas – Kolumbianische Wasser

Heute ist der Himmel grau, wolkenverhangen und es regnet. Dazu läuft „La Bicicleta“ von Shakira und Carlos Vives. Echter kolumbianischer Vallenato, ein gute Laune-Lied.

Und genauso gemischt sieht es in mir auch aus – stürmisch und nicht richtig hüh, aber auch nicht hott. Ich kann mich einfach nicht entscheiden, was ich davon halten soll, dass ich jetzt hier bin. Ich muss ganz oft an „Fifty Shades of Grey“ denken – nicht, weil mein neues Leben einem Porno gleicht, sondern weil Ana oft zu Christian sagte, er lebe in einem „ivory tower“. „Im Elfenbeinturm leben“ bedeutet, dass jemand zwar alles hat, was er an Gütern zum Leben braucht, aber ziemlich weit vom echten Leben entfernt ist.

Diese Beschreibung trifft ins Schwarze. So kommt es mir hier vor. Ich habe alles, was ich brauche und was ich nicht habe, aber brauche, kann besorgt werden, wird mir immer wieder versichert. Ich soll mich hier zu Hause fühlen und mit der Familie fühle ich mich auch wohl, aber mir fehlt das Leben „da draußen“, wenn ihr versteht, was ich damit meine.

Ich glaube, mir fehlt irgendein Leben, um ehrlich zu sein. Mein Leben zu Hause habe ich ja schließlich auch aufgegeben. Die Schule ist beendet und damit mein Leben als Schülerin/Auszubildende, meinen Nebenjob mit den WG-Kids habe ich gekündigt und meine Wohnung ist auch fest zwischenvermietet für ein Jahr. Meine Freunde sind in Deutschland und haben alle einen Job, eine Beziehung, eine Wohnung … und ich nicht. Mein deutsches Leben ist im Moment on hold – verstaut in ein paar schmuddeligen Kartons, die sich in meinem Zimmer bei meinen Eltern stapeln, und ob es mir noch passt, wenn ich wiederkomme, weiß ich nicht. Ich kann mich nicht entscheiden, ob ich viel Kontakt mit zu Hause haben möchte, einfach, um irgendeinen Kontakt mit jemandem zu haben, oder ob ich den Kontakt auf ein Minimum beschränken sollte, um mir das Ankommen hier zu erleichtern. Skype-Telefonate mit meinem Opa können nicht ersetzen, was mir fehlt und vertreiben auch nie das Bewusstsein, dass er vielleicht auch nicht mehr da ist, wenn ich wiederkomme.

Also, alles ist anders und neu und gilt, entdeckt zu werden – und genau so wollte ich das doch, oder nicht? Hat mein Bauch nicht freudig gegrummelt, als ich den Gedanken hatte? Und dann bei der Durchführung dieser verrückten Idee – da habe ich mir doch gesagt, nichts kann mich stoppen? Hm. Dieses Hochgefühl spüre ich momentan eher nicht.

himmel

Es ist schwierig, hier Kontakte zu knüpfen. Nein halt – das stimmt so nicht ganz. Es fällt mir schwer, hier Kontakte zu knüpfen. Die Sprachbarriere ist echt ziemlich hoch – ich spreche natürlich noch ganz wenig, aber das, was ich kann, versuche ich, anzuwenden. Also im Prinzip hangele ich mich mit „Hallo, wie geht’s? Ich heiße Katharina. Ich komme aus Deutschland. Ich spreche ganz wenig Spanisch, kannst du/können Sie bitte langsamer sprechen?“  von Satz zu Satz meines Gegenübers. Oder besser: ich würde es versuchen, wenn nicht gleich alle verstummen würden, wenn sie meine verständnislose Miene sehen. Ehrlich, sobald ich erkläre, dass ich noch nicht so viel kann, werde ich gefühlt zur Aussätzigen. Und das schüchtert mich so ein, dass ich mich immer weniger traue, mit irgendjemandem zu sprechen.

Die Männer hier schauen mir hinterher, kriegen große Augen, rufen irgendwas – ich kann nichts sagen, weil ich nichts verstehe. Ich fühle mich unwohl, wenn ich alleine an einer Gruppe von 3 oder mehr Männern vorbeigehen muss, und gehe, wenn ich kann, einen Umweg. Frauen stecken die Köpfe zusammen und schauen dann ungeniert in meine Richtung. Heute bin ich mit dem Hund spazieren gewesen und es hat doch tatsächlich ein Mädchen in meinem Alter mit dem Finger auf mich gezeigt und ihren Freund auf mich aufmerksam gemacht. Dann wurde ich begafft wie ein wandelndes Ausstellungsstück. Dass mal jemand auf die Idee kommt, mich anzusprechen – darauf kann ich wohl eine Weile warten.

Gestern haben Renata und ich eine Britin getroffen, die mit einem kolumbianischen Freund unterwegs war. Wir haben uns viel unterhalten und es hat sich angefühlt wie ein ganz normales Leben – einfach erzählen, jemanden kennenlernen. Ihr Freund aber sprach kein Englisch und schaute genervt drein, wenn ich allerdings zu spanisch gewechselt habe, schaute er noch genervter, weil ich sicherlich Fehler gemacht habe. Mitten im Gespräch darüber, ob ich die Lebensmittel hier mag, wollte er plötzlich wissen, ob ich auf Jungs oder Mädels stehe – ich war so schockiert, überspielte das aber reflexartig mit einem Lachen und antwortete. Im Nachhinein war ich jedoch total aufgewühlt und empört – wie kann er wagen, mir eine solch persönliche Frage zu stellen, einfach basierend auf meinem Kurzhaarschnitt? Und ich antworte auch noch, als wäre es das Normalste der Welt, von einem wildfremden Menschen nach meinen sexuellen Vorlieben gefragt zu werden. Wenig später meinte er dann, es sei angebracht, mich auf meine Hautunreinheiten direkt anzusprechen. Natürlich hatte er direkt die Lösung parat: er führte sie auf meine vegetarische Ernährung zurück – wie unglaublich dreist. Ich konnte mich am Ende überhaupt nicht mehr beruhigen, aber in dem Moment war ich einfach so perplex, dass ich nicht genauso dreist reagiert und nach seiner sexuellen Orientierung gefragt und ihm meine Meinung zu seinen Haaren und den gebleachten Zähnen mitgeteilt habe.

Das Mädchen auf dem Shop, mit dem ich Nummern ausgetauscht hatte – sie hat mich spontan zu dem Geburtstag ihres Onkels eingeladen (Freitag auf Samstag), dann aber nicht gesagt, wann wir losfahren wollen. Als ich wiederholt fragte, war sie sich plötzlich nicht mehr sicher, ob sie nicht vielleicht doch am Samstag arbeiten muss – ich sagte, sie solle sich einfach melden. Hat sie aber nicht. Ihr WhatsApp Profilbild ist seit gestern neu – eindeutig auf einer Familienfeier entstanden. Ich war so enttäuscht. Der Schlag war umso härter, weil ich darauf angewiesen bin, dass sich die Leute hier freundlich verhalten und möglichst mehr Schritte auf mich zugehen als ich auf sie zugehen kann – ich stecke doch noch in meinen Babyschuhen, was Kolumbien angeht. Und klein fühle mich ich oft wirklich. Ich mag das nicht.

jackeEs ist so schwer, in einem Land Fuß zu fassen, wenn einem alles fremd ist: das Essen, die Sprache, der Kleidungsstil, die Bräuche, die Kultur, die Gewohnheiten, der Umgang miteinander, die Währung, das Klima. Irgendwie ist mir (abgesehen vom Deutschprechen mit Renata) wirklich gar nichts vertraut hier, an das ich mich wie an einen Rettungsring klammern könnte.

Damit mir das kalte, kolumbianische Wasser, in dem ich mich ohne Rettungsring mehr oder weniger erfolgreich über Wasser halte und unruhig vor mich hintreibe, mir nicht ganz so viel anhaben kann, suche ich Zuflucht in meiner Strickjacke. Wenn ich mich darin einwickele (ja, auch bei 40°C), kommt mir alles nicht mehr so schlimm vor – ich habe eine Schutzschicht aus grauem Polyacryl um mich geschlungen, die bis zu den Knien reicht. Alles davon abwärts bewegt sich weiter fort – in Babyschritten zwar, aber stehenbleiben ist einfach keine Option. Und nach und nach wird der Rest meines eingepackten Körpers wohl hinterherkommen.

Gebt mir Parabeln! Ich mach das!

Ich hätte in meinem ganzen Leben nicht vermutet, dass es mal soweit kommt. Ich bin erstaunt, wenn nicht sogar total platt. Vielleicht sollte ich mich mal durchchecken lassen. Die Überschrift stimmt nämlich – ich meine nicht Vokabeln und hab mich auch sonst nicht vertippt, ich meine tatsächlich Parabeln, diese Mathedinger.

Wie konnte das passieren? Wieso verlange ich nach Parabeln? Ganz einfach: ich sitze über meinem Jahresurlaubsplan. Jahresurlaub?, denkt der eine oder andere von euch jetzt vielleicht. Wir haben fast Mai, und sie sitzt an ihrem Jahresurlaub? Ich weiß, ich weiß. Ich schiebe es schon seit Wochen Monaten vor mir her, weil es eine verdammt komplizierte Angelegenheit ist. Ich arbeite nämlich Nächte und nicht Tage. Daher muss ich meine Urlaubstagsanzahl immer umrechnen. Wenn ich 45 Stunden im Monat arbeite, muss ich 45 Stunden durch die Anzahl der Arbeitstage im jeweiligen Monat teilen, um meine tägliche Stundenzahl zu errechnen.

Bis hierhin ist alles klar. Dann wird es aber kompliziert, weil ich nämlich beispielsweise 20 Urlaubstage einreichen muss, um 3,3 Nächte Urlaub zu bekommen. Huh? Und überhaupt: verratet mir mal, wie ich „Komma 3“ Nächte Urlaub mache?! Also hab ich ein Plus von 0,3 Stunden und muss die dann irgendwo anhängen. Außerdem muss ich meinen Urlaub also pro Monat ausrechnen und das ist absolut verworren, und ich bin eh keine Mathekanone.

Also, eigentlich stimmt das auch nicht. Mit Parabeln à la f(x)=-0.8·(x-2)² -4 hab ich überhaupt kein Problem. Diese Parabel ist nach unten geöffnet und gestaucht, ihr Scheitelpunkt liegt bei x=2 und y=4 und die Polynomdarstellung lautet f(x)=-0,8x²+3,2x-4,8. Daraus wiederum lässt sich ablesen, dass der Schnittpunkt mit der y-Achse bei -4,8 liegt. Das ist üüüüberhaupt kein Problem für mich. Aber vor meiner Urlaubsplanung kapituliere ich … alles klärchen. Man sieht: in der Schule werde ich total klasse auf mögliche Aufgaben des täglichen Arbeitslebens vorbereitet. Nicht.