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Aventuras Nuevas – Alles neu! – Teil 1

Nachdem ich euch über die letzten Wochen aus meinem bewegten Dezember berichtet habe, muss ich euch endlich mal auf den neuesten Stand aus 2017 bringen. Es hat sich so ziemlich alles geändert, was sich ändern kann, und der Bericht ist so lang, dass ich ihn in zwei Teilen schreiben werden. Hier Teil 1.

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IMG_9483 (2)Im Dezember bin ich nach Peru gereist (Berichte dieser Reise muss ich leider auf unbestimmte Zeit verschieben), um das Land zu verlassen und ein neues Touristenvisum über 90 Tage ausgestellt zu bekommen. Das hat nicht so geklappt, wie es sollte. Ich habe am Flughafen in Bogotá nur einen 7-Tage-Stempel bekommen, weil der Beamte meinte, dies seien die Tage, die von meinem alten Visum noch „übrig“ wären. Ich müsste zur Migrationsbehörde in Cúcuta, und da würde ich dann ohne Probleme (haha …) meine neuen 90 Tage bekommen. Angel und ich sind also am 03. Januar zur Behörde gefahren und dort wurde mir gesagt, wenn ich in 2017 ein neues Visum beantrage, müsste ich auch in 2017 das Land verlassen und wieder einreisen. Diese Info war komplett gegensätzlich zu den Infos, die wir zusammen im Dezember eingeholt hatten – ich war so wütend! Wir hatten extra gefragt, ob es egal sei, in welchem Jahr die Ausreise stattfindet … Tja, aber wir mussten eben mit den Infos arbeiten, die wir zu diesem Zeitpunkt hatten.

Wir standen also geschockt und planlos da … und schließlich setzten wir uns ins Auto und fuhren zur Grenze mit Venezuela. Das war die einzige Möglichkeit für mich, in meinem Zeit- und vor allem auch Finanzlimit das Land zu verlassen, wieder einzureisen und dadurch einen neuen Stempel zu erhalten, den ich ja nun mal brauchte. Diese Möglichkeit hatte Angel schon im Dezember vorgeschlagen, ich hatte mich aber dagegen ausgesprochen, denn es besteht eine Reisewarnung des Auswärtigen Amtes für Venezuela, und meine Reisekrankenversicherung übernimmt keine Kosten für Behandlungen von während dieser Reise entstandenen Verletzungen. Ich war so wütend auf die kolumbianischen Behörden, da es nie eine Antwort gibt, auf die man sich 100%ig verlassen kann – spricht man mit einer anderen Person, bekommt man ganz andere Infos!

Die Ausreise klappte problemlos – nach endlosem Warten in einer Schlange fragte der Beamte auf der kolumbianischen Seite mich lediglich, was um alles in der Welt ich denn in Venezuela wollte? Wäre er Deutscher, würde er definitiv nach Deutschland reisen – zack, hatte ich meinen Ausreisestempel, ohne dass er eine Antwort erwartete. Wir machten uns auf den Weg über die Brücke, die die beiden Ländern verbindet, und stellten uns aus der venezuelanischen Seite in die Schlange, die sich vor dem Büro formte. Ich musste schließlich alleine hinein, Angel durfte nicht mit. Dieser Beamte war weniger freundlich – was ich hier wollte, wo ich denn hinreisen würde, wie ich dahinkommen wollte, wie lange ich bleiben würde … Ich wurde ganz nervös, weil ich natürlich keine guten Antworten parat hatte. Ich gab also vor, nicht antworten zu können und der Beamte wurde böse. „No entiendes español?!“, zischte er mich an. Ich erwiderte: „Sí, le entiendo, yo entiendo más que hablo y es difícil explicar lo que voy a hacer.“ – „Doch, ich verstehe Sie, ich verstehe mehr, als ich spreche und es ist schwierig, zu erklären, was ich machen werde.“ Grummelnd, kopfschüttelnd und alles andere als zufrieden drückte mir der mürrische Beamte dann einen Stempel in den Pass. Als ich wieder aus dem Büro kam, bedrängte mich Angel: „Was wollte der denn alles wissen?!“

Wir setzten uns auf den Bordstein, Angel kaufte uns je ein Eis und wir redeten 20 Minuten über alles und nichts. Dann besorgten wir Angel ein Papier, das er zur Ausreise brauchte. Idiotisch, da auf dieses Papier alle Infos geschrieben werden, die auch auf seiner ID stehen. Muss aber gemacht werden, sagte er. Als der Ausreise-Beamte feststellte: „Ihr seid doch gerade erst eingereist!“, hatten wir unsere Story bereit, aber erstmal versuchte es Angel mit „Sí, pero tenemos que volver.“„Ja, aber wir müssen zurückreisen.“ und für diesen Beamten reichte das. Wir schlenderten also wieder über die Brücke zurück nach Kolumbien, reihten uns wieder in die Schlange ein und als ich vorgerufen wurde zum Beamten, war ich erleichtert, dass wir uns eine Geschichte überlegt hatten.

Er: „Du bist doch gerade erst ausgereist!“
Ich: „Ja, mit meinem Freund, wir wollten seine Freunde besuchen, aber wir müssen zurück.“
Er: „Warum denn das?“
Ich: „Er wurde angerufen, jemand aus seiner Familie hatte einen Unfall.“
Er: „Und warum reist du nicht alleine weiter?“
Ich: „Naja, es sind seine Freunde, die wir besuchen wollen und außerdem ist mein Spanisch nicht so gut, dass ich mich sicher fühle, alleine zu reisen.“
Er: „Und wo geht es jetzt für dich hin?“
Ich: „Nach Cúcuta!“
Er: „Und wo wirst du wohnen?“
Ich: „Bei Freunden.“
Er: „Hast du die Adresse?“
Ich: „Ja, die ist sicher im System gespeichert, das ist Ave… “
Er: „Okay, will ich jetzt gerade gar nicht wissen.“

Und mit einer wegwerfenden Handbewegung wendete sich der Beamte meinem Pass zu. Ich starrte ihn verwundert an – warum fragen, wenn die Antwort nicht gewünscht ist? Keine drei Sekunden später fragte er mich mit triumphierendem Blitzen in den Augen, warum ich denn nicht am Tag vorher ausgereist sei.

Ich: „Weil wir die Freunde meines Freundes heute besuchen wollen. Warum fragen Sie?“
Er: „Weil dein Visum nur bis gestern gültig war.“
Ich: „Ja, das ist der alte Stempel, aber da ist ein anderer, mit dem ich bis zum 06. bleiben darf. Ich bin letztes Jahr ausgereist.“

Und ich zeigte ihm den neuen Stempel, den ich am Flughafen bekommen hatte. Er zog die Nase hoch, wackelte mit den Augenbrauen und wendete sich seinem PC zu. Ich versuchte mich erst gar nicht mehr am Smalltalk. Mit einem vernichtenden Blick in meine Richtung stempelte er schließlich meinen Pass ab und schob ihn mir über den Tresen zu. Ich bedankte mich artig und gesellte mich zu Angel. Zusammen gingen wir zum Auto und fuhren zurück nach Hause. Das war vielleicht ein Akt!

Zu Hause angekommen, machte ich mich dann an die Beantragung des Arbeitsvisums, das ich für meine Arbeit im Februar brauchen würde. Auf der Webseite hieß es: „Sie werden wohl mindestens 15 Minuten brauchen, um dieses Formular auszufüllen.“ Ich habe mir schon gedacht, dass es länger dauern würde, war aber nicht vorbereitet auf anderthalb Stunden!! Das war alles auf Spanisch und dementsprechend schwierig, und die englische Übersetzung war ebenfalls irreführend … Fehler kann man sich bei sowas ja eher nicht leisten. Als ich dann endlich fertig war, hab ich 3 Kreuze gemacht, das könnt ihr mir glauben. Leider war auch die Bezahlung superkompliziert, da ich die vorgeschlagenen Methoden allesamt nicht nutzen konnte und auch Angel mir damit nicht helfen konnte … Zum Glück traf ich mich nachmittags mit meinem Freund Jaime, und während unseres Gesprächs stellte sich heraus, dass er mir mit einer Zahlungsmethode helfen konnte. Zum Glück! Als das dann endlich vom Tisch war und ich am 05.01. ins Institut ging, um mir alles erklären und Messungen für meine Uniform durchführen zu lassen, war ich richtig erleichtert und vorfreudig: jetzt konnte ja nichts mehr schiefgehen!

Ich hatte anscheinend in den 6 vorangegangenen Monaten nichts gelernt. Kaum öffnete ich nach dem Besuch im Institut mein Emailpostfach, hatte ich eine Nachricht vom ministerio. Sie bräuchten ganz andere Unterlagen, ich müsste dies löschen und jenes einschicken usw usf … Zum Muckenpucken! Nach einem Gespräch mit der Direktorin, in der ich die geforderten Dokumente benannte und sie mir in sehr klarem und unhöflichem Ton erklärte, ich müsste zusehen, wie ich das regeln würde, von ihr würde ich die Dokumente nicht bekommen, war ich weit entfernt von meinem positiven Vormittagsgefühl. Ich war verzweifelt, alleine und hilflos. Mir war plötzlich klar, dass ich nicht in Kolumbien bleiben würde, weder, um für dieses Institut zu arbeiten, noch, um in der Familie zu bleiben. Trotzdem machte ich weiter, denn was blieb mir anderes übrig? Angel half mir, eine Antwort in beamten-spanisch zu verfassen und ich schickte sie ab. Ein paar Tage später kam die Antwort, die ich erwartet hatte und ich teilte der Direktorin die Absage des Ministeriums mit und dementsprechend auch meine eigene. Damit hatte das Kapitel „profesora de inglés in Cúcuta“ geendet, bevor es angefangen hatte.

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Teil 2 folgt hier!

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Aventuras Nuevas – Kolumbianische Wasser

Heute ist der Himmel grau, wolkenverhangen und es regnet. Dazu läuft „La Bicicleta“ von Shakira und Carlos Vives. Echter kolumbianischer Vallenato, ein gute Laune-Lied.

Und genauso gemischt sieht es in mir auch aus – stürmisch und nicht richtig hüh, aber auch nicht hott. Ich kann mich einfach nicht entscheiden, was ich davon halten soll, dass ich jetzt hier bin. Ich muss ganz oft an „Fifty Shades of Grey“ denken – nicht, weil mein neues Leben einem Porno gleicht, sondern weil Ana oft zu Christian sagte, er lebe in einem „ivory tower“. „Im Elfenbeinturm leben“ bedeutet, dass jemand zwar alles hat, was er an Gütern zum Leben braucht, aber ziemlich weit vom echten Leben entfernt ist.

Diese Beschreibung trifft ins Schwarze. So kommt es mir hier vor. Ich habe alles, was ich brauche und was ich nicht habe, aber brauche, kann besorgt werden, wird mir immer wieder versichert. Ich soll mich hier zu Hause fühlen und mit der Familie fühle ich mich auch wohl, aber mir fehlt das Leben „da draußen“, wenn ihr versteht, was ich damit meine.

Ich glaube, mir fehlt irgendein Leben, um ehrlich zu sein. Mein Leben zu Hause habe ich ja schließlich auch aufgegeben. Die Schule ist beendet und damit mein Leben als Schülerin/Auszubildende, meinen Nebenjob mit den WG-Kids habe ich gekündigt und meine Wohnung ist auch fest zwischenvermietet für ein Jahr. Meine Freunde sind in Deutschland und haben alle einen Job, eine Beziehung, eine Wohnung … und ich nicht. Mein deutsches Leben ist im Moment on hold – verstaut in ein paar schmuddeligen Kartons, die sich in meinem Zimmer bei meinen Eltern stapeln, und ob es mir noch passt, wenn ich wiederkomme, weiß ich nicht. Ich kann mich nicht entscheiden, ob ich viel Kontakt mit zu Hause haben möchte, einfach, um irgendeinen Kontakt mit jemandem zu haben, oder ob ich den Kontakt auf ein Minimum beschränken sollte, um mir das Ankommen hier zu erleichtern. Skype-Telefonate mit meinem Opa können nicht ersetzen, was mir fehlt und vertreiben auch nie das Bewusstsein, dass er vielleicht auch nicht mehr da ist, wenn ich wiederkomme.

Also, alles ist anders und neu und gilt, entdeckt zu werden – und genau so wollte ich das doch, oder nicht? Hat mein Bauch nicht freudig gegrummelt, als ich den Gedanken hatte? Und dann bei der Durchführung dieser verrückten Idee – da habe ich mir doch gesagt, nichts kann mich stoppen? Hm. Dieses Hochgefühl spüre ich momentan eher nicht.

himmel

Es ist schwierig, hier Kontakte zu knüpfen. Nein halt – das stimmt so nicht ganz. Es fällt mir schwer, hier Kontakte zu knüpfen. Die Sprachbarriere ist echt ziemlich hoch – ich spreche natürlich noch ganz wenig, aber das, was ich kann, versuche ich, anzuwenden. Also im Prinzip hangele ich mich mit „Hallo, wie geht’s? Ich heiße Katharina. Ich komme aus Deutschland. Ich spreche ganz wenig Spanisch, kannst du/können Sie bitte langsamer sprechen?“  von Satz zu Satz meines Gegenübers. Oder besser: ich würde es versuchen, wenn nicht gleich alle verstummen würden, wenn sie meine verständnislose Miene sehen. Ehrlich, sobald ich erkläre, dass ich noch nicht so viel kann, werde ich gefühlt zur Aussätzigen. Und das schüchtert mich so ein, dass ich mich immer weniger traue, mit irgendjemandem zu sprechen.

Die Männer hier schauen mir hinterher, kriegen große Augen, rufen irgendwas – ich kann nichts sagen, weil ich nichts verstehe. Ich fühle mich unwohl, wenn ich alleine an einer Gruppe von 3 oder mehr Männern vorbeigehen muss, und gehe, wenn ich kann, einen Umweg. Frauen stecken die Köpfe zusammen und schauen dann ungeniert in meine Richtung. Heute bin ich mit dem Hund spazieren gewesen und es hat doch tatsächlich ein Mädchen in meinem Alter mit dem Finger auf mich gezeigt und ihren Freund auf mich aufmerksam gemacht. Dann wurde ich begafft wie ein wandelndes Ausstellungsstück. Dass mal jemand auf die Idee kommt, mich anzusprechen – darauf kann ich wohl eine Weile warten.

Gestern haben Renata und ich eine Britin getroffen, die mit einem kolumbianischen Freund unterwegs war. Wir haben uns viel unterhalten und es hat sich angefühlt wie ein ganz normales Leben – einfach erzählen, jemanden kennenlernen. Ihr Freund aber sprach kein Englisch und schaute genervt drein, wenn ich allerdings zu spanisch gewechselt habe, schaute er noch genervter, weil ich sicherlich Fehler gemacht habe. Mitten im Gespräch darüber, ob ich die Lebensmittel hier mag, wollte er plötzlich wissen, ob ich auf Jungs oder Mädels stehe – ich war so schockiert, überspielte das aber reflexartig mit einem Lachen und antwortete. Im Nachhinein war ich jedoch total aufgewühlt und empört – wie kann er wagen, mir eine solch persönliche Frage zu stellen, einfach basierend auf meinem Kurzhaarschnitt? Und ich antworte auch noch, als wäre es das Normalste der Welt, von einem wildfremden Menschen nach meinen sexuellen Vorlieben gefragt zu werden. Wenig später meinte er dann, es sei angebracht, mich auf meine Hautunreinheiten direkt anzusprechen. Natürlich hatte er direkt die Lösung parat: er führte sie auf meine vegetarische Ernährung zurück – wie unglaublich dreist. Ich konnte mich am Ende überhaupt nicht mehr beruhigen, aber in dem Moment war ich einfach so perplex, dass ich nicht genauso dreist reagiert und nach seiner sexuellen Orientierung gefragt und ihm meine Meinung zu seinen Haaren und den gebleachten Zähnen mitgeteilt habe.

Das Mädchen auf dem Shop, mit dem ich Nummern ausgetauscht hatte – sie hat mich spontan zu dem Geburtstag ihres Onkels eingeladen (Freitag auf Samstag), dann aber nicht gesagt, wann wir losfahren wollen. Als ich wiederholt fragte, war sie sich plötzlich nicht mehr sicher, ob sie nicht vielleicht doch am Samstag arbeiten muss – ich sagte, sie solle sich einfach melden. Hat sie aber nicht. Ihr WhatsApp Profilbild ist seit gestern neu – eindeutig auf einer Familienfeier entstanden. Ich war so enttäuscht. Der Schlag war umso härter, weil ich darauf angewiesen bin, dass sich die Leute hier freundlich verhalten und möglichst mehr Schritte auf mich zugehen als ich auf sie zugehen kann – ich stecke doch noch in meinen Babyschuhen, was Kolumbien angeht. Und klein fühle mich ich oft wirklich. Ich mag das nicht.

jackeEs ist so schwer, in einem Land Fuß zu fassen, wenn einem alles fremd ist: das Essen, die Sprache, der Kleidungsstil, die Bräuche, die Kultur, die Gewohnheiten, der Umgang miteinander, die Währung, das Klima. Irgendwie ist mir (abgesehen vom Deutschprechen mit Renata) wirklich gar nichts vertraut hier, an das ich mich wie an einen Rettungsring klammern könnte.

Damit mir das kalte, kolumbianische Wasser, in dem ich mich ohne Rettungsring mehr oder weniger erfolgreich über Wasser halte und unruhig vor mich hintreibe, mir nicht ganz so viel anhaben kann, suche ich Zuflucht in meiner Strickjacke. Wenn ich mich darin einwickele (ja, auch bei 40°C), kommt mir alles nicht mehr so schlimm vor – ich habe eine Schutzschicht aus grauem Polyacryl um mich geschlungen, die bis zu den Knien reicht. Alles davon abwärts bewegt sich weiter fort – in Babyschritten zwar, aber stehenbleiben ist einfach keine Option. Und nach und nach wird der Rest meines eingepackten Körpers wohl hinterherkommen.

Aventuras Nuevas – Alles neu

Ich bin bereits über eine Woche hier in Cúcuta und habe mir die Freiheit genommen, nichts zu bloggen. Ich brauche Zeit, mich einzugewöhnen, denn dieser Übergang ist härter als die, die ich bisher erlebt habe.

Ich bin, wie einige von euch wissen dürften, Perfektionistin bzw. mag es nicht, wenn ich etwas nicht kann. Man könnte auch sagen: ich möchte gerne zur Menge passen, um dann durch etwas aufzufallen, was ich mir selbst ausgesucht habe – und nicht durch etwas, das mir selber unangenehm ist.

Genauso geht es mir hier. Ich möchte gleich spanisch sprechen können. Ich möchte gleich Gespräche mit allen führen können und ich möchte gleich allen Slang und alle schnell gemurmelten Sätze verstehen. Ich möchte gleich braun werden. Ich möchte gleich Freunde finden bzw. noch toller wäre es ja, wenn die Menschen, die meine neuen Freude werden, mich fänden. Das wäre die Krönung. Ich möchte mich gleich super auskennen im Viertel. Ich möchte gleich alleine einkaufen gehen können. Ich möchte gleich die Kultur verstehen. Ich möchte gleich Kolumbien lieben, so wie ich Neuseeland liebe. Ich möchte gleich … ALLES.

Puh! Das ist ein ganz schöner Druck, den ich mir da selbst mache, wie ihr euch sicherlich auch schon gedacht habt. Mir ist das auch durchaus bewusst und ich versuche, mich daran zu erinnern, dass niemand alles sofort können kann. Es ist utopisch, nach einer Woche schon braun zu sein, als sei man 3 Monate hier. Es ist utopisch, plötzlich alle Wörter und Grammatikstrukturen und Idiome verinnerlicht zu haben. Und das Gefühl für ein Land stellt sich ebenfalls mit der Zeit ein – ich glaube auch, dass ich erst so richtig begriffen habe, wie sehr ich Neuseeland ins Herz geschlossen habe, als das Abenteuer vorbei war.

Also brauche ich eben einfach Zeit. Es ist alles so komplex – oder es erscheint mir komplex. Einen Schritt nach dem anderen tun.

Heute ist mir bewusst geworden, dass es durchaus schon Unterschiede zu den ersten Tagen hier gibt. Ich gehe mittlerweile selbständig mit dem Hund der Familie spazieren (gerne und auch abends) und kenne mich aus gehe zumindest nicht verloren. Ich kann Menschen auf dem Weg grüßen und wenn sie redenredenreden, sie stoppen und ihnen erklären, dass ich nur ganz wenig spanisch spreche und sie außerdem bitten, langsamer zu reden. Ich verstehe eine Menge spanisch, wenn langsam genug geredet wird und ich kann auch einfache Sätze sagen („eine Menge“ gerade mit Blick auf die Tatsache, dass ich vielleicht 5 Stunden Unterricht in meinem Leben hatte … vor gefühlt 100 Jahren). Vor ein paar Stunden hat mich Renzo mitgenommen in einen Shop, in dem ein Mädchen arbeitet, das ein bißchen deutsch kann. Sie hat mich auf deutsch begrüßt und ich habe auf spanisch geantwortet und es hat geklappt 😉 Wir haben Nummern getauscht – mal sehen, ob sich daraus eine Freunschaft ergibt.

Ich werde also einfach warten und das Beste aus der Situation machen. Auch wenn ich manchmal einfach nur im Bett liegen und den Kopf ins Kissen drücken möchte – es wird besser werden.

Als es auf die letzten Tage in Deutschland zuging, habe ich meinen Kids auf der Arbeit auf ihre Fragen nach der Reise geantwortet: „Ich bin ganz schön nervös und aufgeregt – ich weiß nicht, ob ich das schaffe.“ Und dann kam von einer Teenagerin, mit der ich mich sehr gut verstehe, zurück: „Du wolltest das, also musst du das jetzt auch machen.“  So ist das wohl – und wenn es soweit ist, dass ich mich etwas wohler fühle, werdet ihr von mir hören. Bis dahin bleibt es bei „normalen“, also nicht-Reise-Posts.

(„Na du!“, anwortete sie übrigens auf die Frage, wer ihnen denn so einen „Unsinn“ beibringen würde. Hiermit ist es bewiesen: ich mache tatsächlich nur Quatsch auf der Arbeit 😉 )

Bienvenidos a Colombia!

Hallo ihr Lieben 🙂

Ich sende euch herzlichste Grüße aus Südamerika! Ich wollte euch eigentlich noch vor der Ausreise Bescheid geben, dass es losgeht, wann es losgeht, wie es mir geht … aber es war zu viel los! Ihr habt sicher auch gemerkt, dass meine Posts weniger wurden. Ich hatte natürlich immer noch eine Liste mit abertausend Dingen, die erledigt werden mussten und es kamen für eine abgehakte Sache zwei neue dazu. Besonders mit der Post hatte ich erhebliche Probleme.

Außerdem habe ich seit einigen Wochen mit einer Entzündung des Steißes zu tun, die äußerst schmerzhaft ist. Ich kann nicht sitzen, ohne dass es unglaublich doll wehtut und kann laut meinem Arzt nichts tun als warten und Tonnen an Schmerzmitteln schlucken. Die leider nichts helfen. Das hat mir ganz schön zugesetzt – ich habe mir wegen allem Sorgen gemacht: Kann ich so lange fliegen? Kann ich mit dieser Entzündung überhaupt mit der Kleinen spielen? Kann ich meinen Backpack benutzen oder brauche ich einen Koffer? Übernimmt die Versicherung die Kosten, wenn in Kolumbien etwas ist? Sollte ich die Reise absagen/verschieben?

glitter

Letzen Endes habe ich meine Reisekasse strapaziert, mir einen hübschen blauen Koffer gekauft und die Zähne zusammengebissen. Ich hab mich in meine Lieblingskleidungsstücke geworfen: meinen schwarzen Jumpsuit mit Palmen drauf, meine Chucks und meine graue, lange Strickjacke sowie meinen Hut und los ging es. Der Flug war echt hart, die Schmerzmittel haben einfach nicht mehr gewirkt und ich war total kaputt.
Am 7.7. fuhren meine Mama und ich morgens um 7h zu Hause los, um 10.35h verspätete sich der Abflug aus Hannover um eine Stunde, aber in Frankfurt blieb alles beim Alten. Der Flug von Frankfurt nach Bogotá verlief planmäßig, bis auf dass wir nicht pünktlich landen konnten. Das Fußballspiel wurde live übertragen und im Flugzeug waren auf fast allen Bildschirmen ein grüner Rasen und 20 flitzende Fußballer zu sehen. Das Endergebnis war leider nicht so ganz nach meinem Geschmack, aber wenigstens haben sich die mitreisenden Franzosen gefreut 😉

In Bogotá angekommen war ich überfordert. Ich dachte, die Beamten würden nett sein, würden sich bemühen, mir zu helfen, weil ich ja kaum Spanisch spreche und wir würden in einem lustigen Mix aus Englisch und Spanisch alle Fragen klären … nix da. Die meisten der Beamten waren kurz angebunden und offensichtlich genervt davon, dass ich ihre Sprache nicht sprach und sie sich nun selbst abmühen mussten mit Englisch. Manche lachten mich aus oder redeten einfach weiter auf mich ein, obwohl ich auf Spanisch erklärte, dass ich nur ganz wenig Spanisch sprechen würde. Sie verdrehten die Augen und schickten mich weiter zu ihren Kollegen, die allesamt eine „ist doch nicht mein Problem, du willst ja was von mir“-Ausstrahlung versprühten. Im Normalfall hätte ich schlagfertig auf deutsch ebenso schnell dahergebrabbelt, aber ich war einfach so kaputt und schmerzgeplagt und überfordert und außerdem wirklich auf Hilfe angewiesen …

Der einzige freundliche Mensch, der mir dort begegnete, war der Buskoordinator. Ich kam gerade zur Haltestelle, als der Bus, der die zwei Terminals verband, abfuhr. Er sagte etwas auf Spanisch, ich wiederholte mein Sätzchen, ich spräche nur ein bißchen Spanisch und er versuchte tatsächlich, sich mit Händen und Füßen verständlich zu machen. Das war Balsam für meine Seele! Als das weder für ihn noch für mich funktionierte, versuchte ich es so: „Escribir?“ Schreiben? Ich bekam ein Blatt und einen Stift und wir klärten unser Problem so. Alles war gut – er bot mir einen Sitzplatz an, ich verneinte lächelnd und dank jahrelanger Activity-Übung konnte ich ihm erklären, mir täte der Po weh. Diese Begegnung stellte mich ein bißchen wieder her.

Letztenendes lag ich nach der Busfahrt aber am Terminal 2 des Flughafens auf den beinharten Stühlen, die sich so einladend in meinen Rücken und meine Hüften bohrten wie Legosteine in Fußsohlen, und musste mich von einem älteren Herren anstarren lassen, der mich wohl sehr gerne ebenfalls in einer spanischen Schimpftirade davon unterrichtet hätte, was er davon hielt, dass ich mich ignoranterweise auf Sitzmöbel legte. Ich hatte keinen Nerv mehr zu gar nichts und ignorierte ihn mit unterdrückten Tränen in den Augen.

Auf dem Flug von Bogotá nach Cúcuta konnte ich tatsächlich ein bißchen schlafen und alles klappte gut. Ich glaube, wir hatten wieder Verspätung, aber durch mein Nickerchen habe ich nichts mitbekommen – außerdem habe ich kein Wort der spanischen Durchsagen verstanden. Ich hob mein Köfferchen vom Band und wurde von Renzo abgeholt, dem Papa der Familie. Wir erzählten ein bißchen auf Englisch und das tat so unglaublich gut! Einfach reden können und der andere versteht dich und ist nett zu dir.
Wir kamen irgendwann nach Mitternacht in meinem neuen zu Hause an und nach einer kurzen Email nach Hause habe ich mich sofort ins riesige Doppelbett geworfen und geschlafen. Es war so ein geniales Gefühl. Liegen, schlafen, nicht reden müssen in einer Sprache, in der ich niemanden verstehe und mich auch niemand versteht.

Ich wohne jetzt im 7. Stock des „edificio Caranday“ und habe mein eigenes Zimmer samt walk-in closet und en-suite bathroom. Hört sich sehr schick an, oder? 🙂 Ich muss es noch etwas persönlicher gestalten, diejenigen die meine Zimmer in Australien gesehen haben, wissen, was ich meine (Canberra, Farm). Ich bin ja aber erst 4 Tage hier und habe noch Zeit. Aus meinem Alltag berichte ich euch, wenn ich etwas mehr Zeit habe, aber hier seht ihr den Ausblick aus meinem Zimmer. Unglaublich schön, oder?

sunrise