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Aventuras Nuevas – Als ich einmal Rednerin auf einer Abschlussfeier war …

Ich melde mich zurück mit einer weiteren Geschichte aus dem ereignisreichen Dezember! Ich arbeite so langsam alles ab, was liegengeblieben ist.

Meine Freundin Marcela hatte mich gefragt, ob ich auf der Abschlussfeier des Englischinstitutes, in dem sie arbeitete, eine Rede halten könne. Es gehe um die Wichtigkeit von Englisch im Leben, und es sei so schwer, jemanden zu finden, der interessant und/oder authentisch davon erzählen könne. Rednern von hier nähmen die Schüler das weniger ab als einer offensichtlichen „Ausländerin“ … und wo ich doch schon mal hier sei …

Sie hätte sich gar keine Sorgen machen müssen, ich mochte die Idee und sie versicherte mir, die Rede würde auf Englisch erwartet. Ich setzte mich also an den Schreibtisch und dachte nach, schrieb, strich durch, schrieb erneut quer am Rand entlang um die Ecke … Mehrere Stunden, die Tage wurden, und unzählige zerknüllte Blätter später hatte ich dann meine Rede fertig. Ich hatte mir vorgenommen, den Anfang und das Ende davon auf Spanisch zu schreiben, da dies die Authentizität des Inhaltes unterstreichen und mir von Anfang an die Aufmerksamkeit der Schüler sichern würde. Ich jagte die dafür vorgesehenen Teile durch google translate, ließ Angel Korrektur lesen und schreiben und präsentierte schließlich Marcela stolz meine Rede. Sie wand ein, dass ihre Chefs eine Rede rein auf Englisch wollten, aber begeisterte sich nach meiner Argumentation doch dafür: „Okay, wir machen deine Spanglisch-Sandwich-Rede einfach so!“

Am 12.12. hatte ich mir den Nachmittag freigenommen und machte ich mich für 17 Uhr fertig, unterstützt von Maria Elizabeth, die uns im Haushalt hilft: sie wusch last minute vorher unentdeckte Flecken aus meinem Kleid und bot mir von ihr handgefertigten Schmuck als Accessoires an – leider haben diese Stücke es nicht mehr pünktlich zu uns geschafft, obwohl ich mit Verspätung abgeholt wurde. Marcela und ihre Mutter holten mich in einem Taxi ab, dass uns durch verkehrsgefüllte Straßen zum Holiday Inn Hotel fuhr, wo die Feier stattfinden sollte. Endlich im Festsaal angekommen, bugsierte Marcela mich auf einen Stuhl auf der Tribüne und verschwand, um auf die letzte Minute noch einige Wogen zu glätten. Ihr Chef saß neben mir und tippte geschäftig auf seinem Telefon herum, während ich nervös die Leute beobachtete, meine Rede mit schwitzigen Händen auf- und zufaltete und darüber nachsann, ob es unhöflich sei, schon von meinem Wasser zu trinken. Irgendwann füllte sich unser Tisch auf dem Podest, die Lichter wurden gedimmt, nach und nach marschierten die Schüler zu ihren Sitzreihen, und die beiden Lehrer, die rednerisch durch’s Programm führten, begrüßten alle Anwesenden. Fast am Ende des ersten Drittels des Abends kamen die Vizepräsidenten des Institutes dann durch den Mittelgang spaziert, ganz entspannt, obwohl zu spät … also ehrlich! Das Programm war ein bunter Mix aus allem, es wurden verschiedene Reden gehalten, Projekte vorgestellt, gesungen und getanzt, Präsentationen … tja, präsentiert … und dann war ich dran.

Mit zitternden Beinen stand ich auf und ging, begleitet von Marcela, die die englischen Teile meiner Rede für die Familien der Schüler übersetzen würde, zum Rednerpult. Mein Mikrofon funktionierte anfangs nicht, sodass ich schon mal mit einem Lacher starten durfte – das machte mich den Zuhörern sympathisch und die Spannung viel von mir ab. Besser hätte es nicht sein können und die Rede kam sehr gut an. Ich bekam den lautesten Applaus des Abends und es war echt ein gutes Gefühl, meine Erfahrungen so einer breiten Masse präsentieren zu können – bei der sie vielleicht sogar auf fruchtbaren Boden fallen, etwas bewirken, Träume inspirieren und motivieren … Das war ein sehr belohnendes Gefühl und ich war stolz. Als wir uns wieder auf unsere Stühle plumpsen lassen wollten (so anmutig wie möglich natürlich!), klatschten die Chefs und Vizepräsidenten wie verrückt und umarmten und küssten mich … ach, ich war so erleichtert!

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Marcela steht mir bei meiner Rede zur Seite

Später wurde ich dann noch ins kalte Wasser geworden und als Glücksfee für eine Tombola ausgewählt. Der Vizepräsident fand es dann sehr witzig, mich als la mano inocente de Alemania vorzustellen und mich einige Dinge zu fragen … unter anderem, ob ich denn verheiratet oder single sei. Dies verwirrte mich so, dass ich „single“ sagte, und mich dann fix verbessern musste: „No estoy casada pero no estoy soltera tampoco. Tengo novio!“ [„Ich bin nicht verheiratet, aber auch nicht single. Ich habe einen Freund.“] Das fanden dann alle so toll und als sie dann auch noch erfuhren, dass el novio mio ein Cucuteño war, waren sie aus dem Häuschen. Angel wurde zwar eingeladen als mein +1, konnte aber nicht mitkommen, sonst hätten sie ihn sicher auch auf die Bühne geholt, um ihn sich näher anzugucken, diese verrückten Kolombianer. Der Mann, dessen Familie den Tombola-Preis gewonnen hat, hat mich 100x umarmt und sich bedankt, und ich war dann ebenfalls sehr dankbar, als ich wieder hinter den Tisch auf meinen sicheren Platz verschwinden konnte und nur noch hübsch lächeln musste.

Schließlich begann die langwierige Prozedur, die Urkunden an die Schüler zu übergeben, während der ich meine Gesichtsmuskeln für die Fotos überstrapazierte, und schließlich wurde ein typisches Abschlussfoto gemacht mit den Urkunden und fliegenden Hüten. Nach tosendem Abschiedsapplaus verlief sich die Menschenmenge ganz fix. Es wurde Sekt ausgeschenkt und wir durften uns frei bewegen – ich kann gar nicht zählen, wie viele Schüler zu mir kamen und unbedingt ein Foto mit mir machen und mit mir sprechen wollten. Es war aber eine positive Aufmerksamkeit und alle waren sehr lieb, sprachen Englisch und fragten ganz interessiert viele verschiedene Dinge. Mir wurden auf englisch und spanisch so viele herzliche Komplimente gemacht, was ich sehr genossen habe. Auch Marcelas Kollegen haben mich beglückwünscht, mir gratuliert und Komplimente gemacht – es tat so gut, denn auch sie hatten Zweifel an meiner Spanglisch-Sandwich-Idee und ich wollte Marcela keine Schwierigkeiten machen, aber gleichzeitig auch nicht die Idee hinter meiner Rede aufgeben … Gut, dass sie so gut angenommen wurde. Später machten Marcela und ich noch Fotos, alleine und mit ihren Kollegen, und schließlich verließen auch wir das Hotel – erleichtert und euphorisch, aber auch erschöpft.

Ich wurde zu Hause abgesetzt und von Javier begrüßt, der mich normalerweise nur in meiner ausgeleierten, beschmutzten Arbeitskleidung sieht – er war hin und weg von meinem Outfit. Ich berichtete von meinem Abend, übersetzte ihm meine Rede und wir machten Fotos – dass er meine Freude teilte, war ein wunderschöner Abschluss dieses tollen Abends!

Für diejenigen, die meine Rede interessiert, folgt sie jetzt im Original. Ansonsten verabschiede ich mich und bedanke mich für’s euer Mitlesen … bis zum nächsten Post! 🙂

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Buenas noches y felicitaciones por su grado. Todos ustedes pueden sentirse muy orgullosos de ustedes mismos por  cumplir este gran logro. Me siento honrada de formar parte de la celebración.

La coordinadora Marcela me invitó para dar este discurso a ustedes sobre un tema muy importante para mí y para ustedes también. Para hacerlo permitánme contarles sobre mí y mi vida.

My name is Katharina and I am 26. I am from Germany, a country in Europe, and I am in Cúcuta to learn about Colombian culture and how to speak Spanish. This is my first time in Latin America and it’s been a special experience, just like other experiences I have made in other countries.

I jumped out of an airplane, I snorkelled with dolphins, I learned the traditional war dance of New Zealand’s indigenous people, I walked through an active volcanic area, I held koalas on my arm and I lived in the Australian outback as a cowgirl for 5 months. I have friends from over 10 different countries around the world who have shared and still share their lives and cultures with me.

Now you maybe ask yourselves how that is possible. Do I speak over 10 different languages? No, no I don’t … but I speak English.

[Pause]

6 years ago, I was where you are now: I graduated and I was so glad that school was over. I need to tell you something that teachers don’t like to hear: I forgot most of what I learned in school. I forgot probably more than I remember. Most of the things I was taught I didn’t find useful.

Except one subject and that is English. Speaking English opened doors for me and gave me so many opportunities to get in touch with the world. Traveling, working and living in countries that are different from my own helped me to see things in a new way, helped me to learn how to deal with problems and how to stand up for myself.

My personality changed, I grew more self-confident and more courageous. I am more curious now, more adventurous and more spontaneous. I am more understanding of people, situations and decisions and I am more grateful for what I own. I have more insight into this fascinating world, more experiences and more memories than ever before. I am lucky to call more people my friends and more than one place my home.

[Pause]

He utilizado la palabra “more” – más – varias veces – lo hice a propósito para mostrarles la cantidad de “más” que hay que experimentar para saber más de un idioma. Yo misma estoy aprendiendo hablar un idioma más – el español. No es fácil para mí – en realidad es muy desafiante. A veces sólo quiero rendirme porque es demasiado duro – y entonces recuerdo que no voy a conseguir „más” por rendirme.

Por eso, mi consejo para ustedes es: nunca rendirse porque algo es duro o difícil. Si realmente lo desean, pueden conseguirlo. El conocimiento es poder, y si siguen trabajando por este poder, lo obtendrán – con el tiempo. Con el poder que ganaron, pueden crear la vida que desean tener. Les deseo lo mejor en esta nueva etapa de sus vidas. Cualquier cosa que decidan hacer con sus vidas, espero que siempre tengan la voluntad, el valor y la fuerza para aspirar “más” y siempre enfocados en hacer el bien.

Aventuras Nuevas – La noche de velitas

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Ich habe lange nichts mehr von mir hören lassen, weil es alles sehr kuddelmuddelig war (und auch immer noch ist), aber vor ein paar Tagen gab es hier einen kolumbianischen Feiertag und die Tradition, mit der dieser eingeleitet wird, fand ich so schön, dass ich sie jetzt mit euch teilen möchte.

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Am 08. Dezember ist der Tag der unbefleckten Empfängnis der Jungfrau Maria und hier in Kolumbien ist das ein Staatsfeiertag. Während am 08. Dezember eine weiße Flagge mit einem Bild der Jungfrau Maria an den Häusern angebracht wird, stellen die Menschen hier am Abend vorher kleine Windlichter oder Kerzen auf ihre Balkone oder Fensterbänke, in ihre Höfe, auf Mäuerchen und Fußwege und auch in Parks oder auf anderen öffentlichen Plätzen werden die Lichter angezündet. Diese Tradition ist sehr sehr kolumbianisch, habe ich mir sagen lassen, und mir gefällt sie sehr gut. Wegen der Lichter nennt sich der Abend bzw. die Nacht vom 07. auf den 08. Dezember „noche de (las) velitas“.

„Las velas“ sind die Kerzen, aber in Kolumbien gehören diminutivos zum Sprachgebrauch dazu wie das Atmen zum Leben. Alles wird „verniedlicht“ mit entweder „ito“ oder „ita“ am Wortende, je nachdem, ob das Wort mit „o“ oder „a“ endet. Zum Beispiel wird das Wort „klein“ = poco zu poquito (und wenn das noch nicht klein genug ist, dann wird es auch gerne mal zu poquitico). Von velas kommen wir also zu vel-ita-s: kleine Lichtchen.

Laut wikipedia begann der Brauch, Kerzen zu entzünden, vor 162 Jahren, also am 07. Dezember 1854. Der damalige Papst erklärte die unbefleckte Empfängnis der Jungfrau Maria zu einem festen Bestandteil des Glaubens, und Gläubige überall entschieden, ihre Zustimmung und Freude darüber auszudrücken, indem sie Kerzen und Windlichter entzündeten. Die katholische Kirche Kolumbiens machte das Anstecken der Kerzen zu einer jährlichen Tradition, und so sitzen in der noche de velitas die Menschen zusammen, erzählen, beten und für jede Kerze, die man entzündet, kann man sich etwas wünschen, sagt zumindest Angel.

Ich habe von mehreren Freunden gehört, dass ich mir die velitas unbedingt ansehen müsste, und so bin ich abends am 07. Dezember durch die Nachbarschaft gewandert und habe mir die Lichter angeguckt. Es war wirklich schön, und überall saßen Menschen zusammen, Freunde und Familie, und erzählten, aßen, beteten und umarmten sich. Eine Familie hatte in ihrem Vorgarten eine riesige Krippenlandschaft (pesebre = Krippe) aufgebaut und davor ihre velitas mit Wachs auf dem Boden befestigt. Ich fragte, ob ich ein Foto machen dürfte, und wir kamen ins Gespräch. Sie luden mich letztendlich ein, mit ihnen zusammenzusitzen und wir sprachen fast eine Dreiviertelstunde. Sie verabschiedeten mich mit dem Wunsch, wenn ich irgendetwas bräuchte, könnte ich mich jederzeit an sie wenden. Das fand ich so schön, und es war wieder mal ein Beweis dafür, dass die Menschen so offen und freundlich sind, wie man ihnen selbst begegnet. Ich habe keine starke Verbindung zum Feiertag der unbefleckten Empfängnis der Jungfrau Maria, aber ich habe Interesse gezeigt und versucht, Spanisch zu sprechen, und das haben sie gemerkt.

Dies ist ein Brauch, der mir sehr gut gefällt, wie gesagt nicht wegen der Maria, sondern wegen der Gemeinschaft und des Lichtes, denn ich finde, wenn die Welt gerade etwas braucht, dann ist es Gemeinschaft und Zusammenrücken und Hoffnungsschimmer in dunklen Zeiten.

 

Aventuras Nuevas – Cita con el doctor

Hallo ihr Lieben,

ich werde euch heute davon berichten, wie mein erster Besuch bei einem kolumbianischen Arzt war. Vor 3 Wochen bin ich gestolpert und hab mich blöd an der Schulter verletzt. Wir haben zu Hause erste Hilfe geleistet und erstmal gewartet, ob das reicht, aber es wurde nicht besser. Also hat Renata mir mit Hilfe ihrer Kontakte einen Arzt gesucht, der Englisch spricht. Ich wollte das gerne alleine schaffen, zum einen, weil mir das Selbstvertrauen gibt, auch mal schwierigere Dinge alleine zu schaffen, und zum anderen, weil ich nicht immer abhängig von der Familie sein möchte. Renata hat mir alles erklärt: was ich sagen muss, was sie mich fragen könnten, wie viel es kostet, welche Unterlagen ich mitnehmen muss, wie der Ablauf ist usw. Außerdem hat sie mit dem Arzt selbst gesprochen und direkt vor meinem Termin auch nochmal angerufen und wiederholt, wer ich bin, dass ich nur wenig Spanisch spreche und im Prinzip doppelt und dreifach abgecheckt, dass der auch wirklich englisch spricht und nicht nur so tut. Total klasse. Ich wurde losgeschickt mit den Worten: „Und wenn was ist, ruf an!“

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Ein Straßenplan meiner Nachbarschaft in Cúcuta

Eigentlich war geplant, dass ich alleine dorthin gehe, aber da es an dem Tag sehr heiß war und das Straßensystem in Cúcuta sehr, sehr kompliziert ist (selbst für Cúcuteños, die Einwohner Cúcutas), hat Renzo angeboten, mich zu fahren. Das war letztendlich auch gut, denn ich hätte mich, glaube ich, verlaufen in dem System aus Calles und Avenidas und den ganzen Nummern … Dort, wo das kleine rote Dreieck ist, wohne ich. Und irgendwo außerhalb des linken Bildrandes liegt die Praxis … glaube ich. Ich finde es nicht mal auf googlemaps … muy complicado. Renzo hat mich vor dem Haus, in dem die Praxis untergebracht ist, abgesetzt und ich habe mich durch das Haus zum Arzt navigiert. Durch die Praxistür kam ich in ein kleines, vollbesetztes Wartezimmer samt TV und einem kleinen Rezeptionstresen. Alles sah eher unorganisert aus, nicht so wie in deutschen Arztpraxen. Die Sprechstundenhilfe hat mich auch nicht sehr freundlich angeschaut, als ich sagte: „Buenas tardes, tengo una cita a las 2 con doctor Páez.“ – „Hoy?“  – „Sí, a las dos. Mi nombre es Katharina.“  „Natürlich heute“, dachte ich so, „sonst wäre ich ja an einem anderen Tag gekommen.“ … Eine Tür öffnete sich und eine weitere Sprechstundenhilfe wollte meinen Pass sehen und sagte dann: „Son doscientos mil pesos, por favor.“  Ich reichte ihr 200.000 COP – umgerechnet sind das in etwa 70€. Ich wurde durchgewunken durch die Tür, durch die sie vorher erschienen ist und sie zeigte auf einen langen Gang – den sollte ich hinuntergehen und mich auf die Bank setzen. Der Arzt würde mich aufrufen.

Dieses „Wartezimmer“ war quasi ein Freiluftwartezimmer, sehr angenehm, da der Wind durch die Gitter wehte und der Hitze ein wenig die Stärke nahm. Ich wartete vielleicht 10 Minuten und wurde dann zum Arzt hineingerufen. Er begrüßte mich gleich mit „Good afternoon, how are you?“ und ich war so dermaßen erleichtert. Er hatte einen Akzent, an den ich mich erst gewöhnen musste, aber nach ein paar Minuten ging es super. Er wirkte sehr vertrauenswürdig und nahm sich ganz viel Zeit für mich. Er erklärte mir alles an Bildern an der Wand und war ganz entsetzt, dass ich schon so lange Schmerzmittel nehme für meinen Steiß. „No, you can’t do that. We’ll find out what it is and make it go away.“ Also ehrlich, das fand ich so lieb 🙂 Er meinte, er würde mir eine Überweisung für je 1 MRT schreiben (hier in Kolumbien RMN – resonancia magnética nuclear oder auch einfach kurz „resonancia“), erklärte mir das Prozedere und dass wir die Ergebnisse in einem zweiten (nicht mehr kostenpflichtigen) Termin besprechen würden.

Als ich die Überweisung und die Rechnung/Quittung bekam, musste ich ihm und seiner Sprechstundenhilfe erklären, wie unser deutsches Namenssystem funktioniert. Hier (sowie in vielen weiteren spanischsprachigen Ländern auch, denke ich) haben die Menschen zwei Vornamen und zwei Nachnamen. Benutzt wird meist der erste Vorname und der erste Nachname. Ich habe aber nun drei Vornamen und einen Nachnamen – das bringt die armen Kolumbianer total durcheinander, und obwohl es im Pass und auf meinem Ausweis deutlich untergliedert ist und ich es auch immer wieder erkläre, erscheint regelmäßig mein dritter Vorname als mein Nachname. Prinzipiell stört es mich nicht, aber für offizielle Dokumente ist es schon sicherer, alles ordentlich aufgereiht zu haben, damit es keine Probleme mit der Versicherung gibt. Das Vor-/Nachnamenphänomen kann ich auch schon sehr gut auf Spanisch erklären! 🙂

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Irgendwie á la Pippi Langstrumpf 😉

Nachdem wir das geklärt hatten und während alles nochmal richtig aufgeschrieben wurde, fragte mich der nette Arzt noch, wie es mir hier gefiele usw. und wollte dann wissen, ob ich Deutschunterricht geben würde – ich verneinte, weil ich ja alles in Spanisch erklären müsste und das nicht könnte. Es stellte sich heraus, dass er fragte, weil seine Tochter sehr gerne Deutsch lernen würde und perfekt Englisch spräche – ich könnte es mir ja überlegen. Wir tauschten schon mal Telefonnummern und verabredeten, beim nächsten Termin nochmal miteinander darüber zu sprechen.

 Ich sollte mir eigentlich ein Taxi zurück nehmen, aber ich habe beschlossen, zu laufen. Taxis sind hier nicht teuer, die Fahrt hätte wahrscheinlich nicht mal 2€ gekostet, aber ich hatte ja keinen Zeitdruck und bin der Meinung, dass man sich besser zurechtfindet, wenn man auch bzw. gerade komplizierte Wege selber abschreitet. Ich bin einfach in die Richtung gegangen, in der ich das Einkaufszentrum vermutet habe, und war sehr erleichtert, als es vor mir erschien – geschafft! Diesen tollen eingepackten Baum habe ich auf dem Rückweg gefunden – ziemlich cool 🙂

Eine der Kliniken, in der ich die MRTs machen konnte, liegt praktischerweise direkt gegenüber des Spielplatzes, auf dem wir immer sind, und Renata hat am Nachmittag für mich einen Termin für den nächsten Tag (Dienstag) gemacht. Abends haben wir uns zusammengesetzt und Renata ist mit mir Schritt für Schritt durchgegangen, was passieren wird. Das habe ich mir alles aufgeschrieben, auch, was ich sagen muss, und „die Liste“ war quasi mein Plan durch das Labyrinth der kolumbianischen Klinikwelt.

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In der Clinica Santa Ana wurden die resonancias gemacht.

Ich habe eingepackt: meinen Pass, meine Überweisung vom Arzt, meinen Terminzettel, meine Kreditkarte und zur Sicherheit auch noch den zu zahlenden Betrag in Pesos – und natürlich die Liste. Am Eingang der Klinik musste ich einem Sicherheitsbeamten erklären, warum ich da war: „Tengo una cita para resonancias.“ Er nickte und wies mir den Weg durch eine Glastür zur Rezeption. Dort angekommen, erklärte ich mein Anliegen nochmals und reichte den receptionistas den Terminzettel. Sie wollten meinen Pass sehen und die Überweisung des Arztes. Ich sagte, ich würde das Original für mich brauchen – „Necesito el original para mí.“ – und sie machten eine Kopie. So weit, so gut – und dann reichten sie mir einen Zettel zum Ausfüllen. Ich wurde nervös. Das stand nicht auf der Liste! Zum Glück musste ich in Deutschland auch schon mal in die Röhre, daher konnte ich mir ca. denken, was sie wissen wollten, habe aber trotzdem nochmal alles mit den Sprechstundenhilfen geklärt – bis diese allerdings auf die Idee kamen, google translator zu Hilfe zu nehmen, verging ein bißchen Zeit … Nachdem alles ausgefüllt war, bekam ich eine Quittung und musste zur caja – wo ich 775.000 COP bezahlen würde, 350.000 COP für die Schulter und 425.000 COP für den Steiß – uiuiui! Das sind ca. 235€ und fast so viel, wie ich in einem Monat verdiene. Ich habe beschlossen, das mit meiner Notfallkreditkarte zu bezahlen, auch wenn die Familie mir versichert hat, sie würden mir Geld vorstrecken.

Die Kassenfrau (Kasse=caja) war furchtbar – sie saß in einem Glaskasten und nuschelte mir alles durch einen dünnen Schlitz in der Glasscheibe zu – wie sollte ich sie nur verstehen?! Ich war so frustriert, als sie nicht zu kapieren schien, dass ich sie nicht verstand, dass ich ein bißchen auf deutsch herumschimpfte. Besser wurde es dadurch nicht, aber ich hab mich zumindest etwas besser gefühlt. Es war so gut, dass ich die Liste hatte. Renata hatte erklärt, dass sie mich fragen würden, ob es eine „credito“- oder eine „debito“-Karte wäre und was ich antworten müsste. Hier in Kolumbien ist es wohl außerdem üblich, dass in mehreren Raten bezahlt wird – also mehreren „quotas“. Auf die Frage „Cuantas quotas?“ müsste ich allerdings unbedingt mit „Una quota, por favor.“ antworten, sagte sie, weil es sonst nicht klappen würde mit der Bezahlung. Ein Glück, dass ich das vorher wusste, sonst wäre ich vermutlich ausgerastet an der caja.

Nachdem das geschafft war, ging ich zurück zur Rezeption und wurde durch einen langen Gang in den Wartebereich des MRTs geschickt, wo ich 1,5 Stunden wartete. Dann erklärte mir der Arzt dort, ich müsste mich ausziehen – kurzer Moment der Peinlichkeit, als er erwähnte, ich müsste den BH ausziehen, könnte aber die Unterhose anlassen – und ich verschwand im kleinen Bad, um mich in ein schickes, blaues Gewand zu hüllen. Es mag kittelvielleicht blöd klingen, aber das dieses Ding relativ ordentlich an mir aussah, gab mir irgendwie etwas Selbstvertrauen zurück. Ich wurde dann zum Gerät geführt und der Arzt unterhielt sich sehr freundlich mit mir – er fragte, woher ich käme, was ich hier machen würde, wie alt ich sei … Alltagsdinge eben, und dass ich antworten konnte, tat mir gut, es gab mir das Gefühl von Normalität. Er erzählte mir auch von einem Besuch in den USA und er sagte: “ … y no entendí nada! Inglés es muy complicado!“ Obwohl er Englisch also nicht verstanden hatte und für sehr kompliziert hielt, warf er immer mal wieder ein paar Worte ein und brachte mich zum Lachen. Er zog mir liebevoll blaue Puschen an die nackten Füße und half mir fürsorglich, mich hinzulegen. Bevor er mich zum zweiten Mal in die Röhre schieben musste, wollte er wissen, ob mir zu kalt sei, er könne mir gerne noch eine zweite Lage Kleidung organisieren. „No, todo bien, muchas gracias!“  Als auch der zweite Durchgang geschafft war, half er mir wieder auf, ich zog mich an und er bestätigte nochmals, dass ich auch eine CD von den Ergebnissen haben wollte: „Necesita un CD, verdad?“ Bevor er sich auf Englisch (!!) verabschiedete, sagte er mir, ich könnte die resultados am Freitagnachmittag ab 16h abholen.

Wundervoll. Das habe ich auch gemacht – erst durfte ich allerdings nicht in die Klinik, weil ich Anja dabeihatte. Versteh das einer, ich musste ja nur zur Rezeption! Als ich dann endlich drin war (ohne Anja), schien es eine schwere Aufgabe zu sein, meinen Namen in eine Liste einzutragen, und als es dann nach 10 Minuten endlich geschafft war, musste ich erneut das mit dem Vor-/Nachnamen erklären, weil es sowohl auf der Tasche mit den Ergebnissen als auch auf der Liste, die ich unterschreiben musste, falsch stand … Man man man. SO schwierig finde ich es es nun auch wieder nicht … Ich habe dem Arzt von Dienstag dann noch ein kleines Geschenk vorbeigebracht, weil ich es so toll von ihm fand, dass er sich so um mich gekümmert hatte. Er hat sich total gefreut und auf Englisch bedankt 🙂 Ich hatte ihm Ferrero Rocher gekauft (hier etwas richtig Feines) und eine kleine Notiz dazugeschrieben: „Gracias por su paciencia y por tener la amabilidad de ayudarme a comprender todo.“

Jetzt liegen die Bilder hier bei mir und übermorgen muss ich erneut zu Doktor Páez, um die Ergebnisse zu besprechen. Mal sehen, was dabei herauskommt. Ich bin auf jeden Fall stolz, dass ich das geschafft habe und auch größtenteils alleine (und natürlich mit Hilfe der Liste). Das fühlt sich gut an – Dinge, die ich zu Hause alleine schaffe, auch hier zu schaffen – gerade dann, wenn sie ein bißchen schwieriger sind.

In diesem Sinne werde ich den Post abschließen mit einem Zitat, das ich gestern auf facebook gefunden habe. Es geht um’s Fitnesstraining, denke ich, finde aber, man kann die Worte genauso gut auf den Alltag und die kleinen Schwierigkeiten in diesem beziehen …

Un abrazo grande! x

Aventuras Nuevas – Why I Sometimes Hate It Here – Stuff I Need To Get Off My Chest

First of all I need to tell you how grateful I am for the ’save and edit later‘ function on here because if I had posted right away what poured out of my poor heart and soul yesterday night – or actually last morning at 1am – this post would have been quite disturbing for some of you.

After an average day of a few good and a few bad moments it all came tumbling down around midnight. Right after waking up in the morning I had to deal with a text from home which unfolded into an argument and in the course of the day into something huge and time consuming. This had me start my day off with a heart beating an uncomfortable rhythm of anger and frustration.

Later in the morning a woman came around to visit (she was someone who knew someone who knew someone of my hostmum’s family) and while she greeted me with the obligatory kiss on the cheek and „Hola, cómo está?“, in the course of the conversation with my hostmum she kept talking about me right in front of me. I was there to listen to her talk about me. The fact that she did it and the way she did it made me feel inferior and invisible.

In the park when Anja and I wanted to enjoy our drumming session on the blue plastic chairs the owner of the kiosk there had the nerve to approach us and take Anja down from the chair without my permisson and tell me in Spanish why he thought it was a bad idea to put her there. I was RIGHT THERE in front of her and he thought she wasn’t safe and I was doing the wrong thing. I felt so indignant and thrown off my guard – but at the same time I felt speechless.

I had noticed that I felt more tense with the girl for a couple of days and couldn’t tolerate as well as before some things she did. I felt really stressed for reasons I couldn’t put my finger on, which stressed me even more. I tried to push it away and shrug it off. Until last night when I suppose my guard was down and I was tired and I had felt emotional all day. Everything had been building up inside of me and suddenly all these intense feelings that I hadn’t allowed myself to feel before washed over me and I couldn’t breath and there was no other thing I could do than burst into tears. I couldn’t hold in any longer and I burst into tears because… sometimes I hate it here.

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That process of bursting into tears started with Angel suggesting that we start speaking more Spanish when we text so I could practice. He said I was in a comfort zone with the mum speaking German and him speaking English. I never speak Spanish in front of him, just about „class things“, and even that I dislike. I couldn’t figure out exactly why but at his suggestion last night, everything in me screamed „No, please, not you, too!“
There are a couple of other people that I text with who can speak only Spanish. Everytime I receive a text from them I feel like I’ve just been given a huge task. I need to look up every second word to understand what they say, and then I have to think about what I want to reply, and then think about how I can say that in Spanish in a non-complicated way and then I need to look up verb forms and words and hope I get the meaning right and put everything in the right order when I compose my sentence. It’s work, it’s bloody hard work, and I still can’t say exactly what I want and feel. Also I still make mistakes after putting so much effort into my answer. It’s so frustrating and it feels like I’m on a test, not like I’m chatting with a friend. It makes me feel really awful and lonely.

However, with Angel I’m really comfortable and he’s become a close friend, considering what I told him about me in the amount of time we’ve known each other. I trust him like I trust my friends at home and we joke easily, like friends who have known each other for a long time do. He has more of an idea of my personality than anyone else here seeing that I can be more of myself with him than with any other person. Because he’s a friend, not an employer or outstander or shop assistant or whatever. Sometimes he’s my teacher (and I’m his) but most of all we’re friends.

So when he suggested speaking more Spanish, I felt my friend turn into a teacher in our „spare time“, too, and I don’t want any more pressure on me, having to speak Spanish. By starting to watch my language, too, like everyone else constantly does, he will take away something from me that I need more than learning a bit of Spanish grammar or words. It’s hard enough not being me during the day when I have to deal with people who don’t understand me (language and personality wise) and when I can’t express my feelings in a proper fashion, so when I talk to a friend I want to do it without having to think about every word in every sentence. Also there is a difference in conveying feelings – in Spanish I write bare sentences without (my real) feelings most of the time. In English I know how to express annoyance or anger, joy or interest, zest or excitement. I know how to be caring and helpful, cheesy and sneaky and funny and witty. I Spanish I don’t and therefor I am not any of these things.

So his offer (even though coming from a good place) pushed me over the edge of the emotional cliff I’d been balancing on all day. Because I am definitely not in a comfort zone. The mum is an employer, even though we get on really well. It’s still different to chatting with a friend though. The people I speak to daily are not friends. They don’t get me and collectively, they make me feel horrible and stupid and hate the language and the idea of coming here and they make me miss my friends so badly and also they make me want to go home. So after pouring my heart out to poor Angel (bless him, he dealt with me really well) and saying goodnight I kept crying it all out and then I felt like writing it all out, too. So, at 1am, I sat in front of my computer, the light of which was blinding my swollen panda eyes (yes, I forgot to take off my make up … and yes, you are allowed to laugh at this image of me squinting my eyes like a granny panda), sniffing occasionally and putting on paper (well, screen really) everything that I couldn’t and didn’t want to hold inside.

So, if you are interested in how I felt at the dead of night yesterday, you are most welcome to read on (the italic part at the end of the post). Bear in mind that these are unreflected thoughts of the tired, emotional, annoyed and lonely part of my being. Today I have still been very emotional and a bit quite embarrassed by my outburst with Angel, but I had time to reflect on what I’m feeling and why I’m feeling it and everything you’ve read up to here is the result of my thinking. So if you’d rather not read on and spoil the impression it’s fine as well.

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Thank you for bearing with me on this (emotional) rollercoaster that is my life at the moment. I’m still adjusting to everything here and it’s tough – though according to Angel I’m too Colombian already a veces. Well, I don’t know about that …

Un abrazo grande! xx

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I sometimes hate being here because I don’t have any friends. I cannot be myself because I’m lacking the language. I feel like there are people looking down on me and think that I am stupid just because I can’t understand them or voice my opinion. They think I don’t have an opinion when all I’m actually missing are the words to voice it. I hate it that I can’t buy myself clothes that fit. I hate being dependent on other people to tell me things or drive me somewhere or to deal with stuff I’d be able to deal with on my own at home. People think I’m inferior because I look different and can’t speak their language, so they think it’s okay to speak about me while I’m right in front of them. They think it’s okay to point their fingers at me or stare at me like I’m an object in a museum. They think it’s okay to want to take pictures of me with their kids because I’m obviously a rarity. And they think it’s okay to take pictures of me without my consent because I can’t object in their language. They think it’s okay to call me names and they also think it’s okay to stare at me like I’m a piece of something on a market table they can choose and take home. And you know what? They also think I am not responsible and taking care properly. They think because I’m doing it differently from the way they do it I’m not responsible and caring and loving and basically not doing it right. And it hurts. What these people keep forgetting is that I am a person with feelings and perception like anyone else. I may not completely get every single word they say but I get what they say about me when they think I don’t. I hear them talking about me and I see them looking my way and whispering to their friends and pointing their fingers at me. I feel their disapproving stares behind my back when they think I can’t see and I hate it when they come over to me and tell me what to do in a voice like I’m stupid and not capable of doing anything. I hate it when they snigger with their friends and colleagues behind my back and exchange glances like I can’t see that. These people make me hate being here and hate the language and regret the idea of coming here and want to go home. And I’m not in a comfort zone. At all. It may look like I am but I am not. I don’t have friends here and I’m missing them. I miss talking about big and small things that move our worlds and that we can share, and meeting to go for a walk and being able to stay home because I want to, not because I don’t have anywhere else to go. I miss being able to just trust someone. I hate the time difference because when I get up my friends’ days are halfway done and it feels like I can’t share anything with them … or anyone. I hate it because I feel lonely and misunderstood.

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Aventuras Nuevas – Das Land der 1000 Möglichkeiten

Hallo liebe Lebensmaler,

ich hatte ja erwähnt, dass mir hier viel hinterhergeschaut und -gerufen wird und wie unangenehm mir diese Aufmerksamkeit war. An der Aufmerksamkeit hat sich nichts geändert, an mir allerdings schon ein bißchen – oder vielleicht eher in mir. Ich hatte mehr Zeit, darüber nachzudenken und gehe jetzt ganz anders mit der Aufmerksamkeit um.

Unangenehm war mir die Aufmerksamkeit vor allem, weil ich nicht wusste, wie ichspotlight angemessen mit ihr umgehen kann – ist das etwas Positives, was mir nachgerufen wird? Sollte ich lächeln und nicken oder lieber die Stirn krausziehen und den Kopf schütteln? Dass ich nicht wusste, wie ich reagieren sollte, war für mich auch deshalb unangenehm, weil ich fürchtete, dass alle Welt nun erahnen würde, dass ich kaum bzw. nicht sehr gut Spanisch spreche. Für mich ist es immer unerfreulich, wenn etwas beleuchtet und präsentiert wird, was mir selbst nicht so gut gefällt. Und da ich wegen meines Aussehens hier eh schon auf dem Präsentierteller im Scheinwerferlicht stehe, wollte ich vermeiden, dass auch noch „ans Licht kommt“, dass ich kein/kaum Spanisch spreche.

Ich habe mit Vera, mit Angel und mit ein paar anderen Freunden über diese Aufmerksamkeit und die Gefühle gesprochen, die ausgelöst werden, wenn ich angestarrt werde – das tat unglaublich gut, denn sie waren sich unabhängig voneinander alle total einig. Ihr gemeinsames Verdikt war: „Die Leute sind interessiert an dir. Du bist neu und anders und ungewöhnlich, aber sie wissen nicht so recht mit dir umzugehen.“

Das habe ich mir durch den Kopf gehen lassen, habe es hin und her gewendet und von allen Seiten beleuchtet – und dabei habe ich gemerkt, dass es den Leuten mit mir so gehen muss wie mir mit diesem Gedanken. Ich habe begonnen, das mir fremde und mich beunruhigende Verhalten als Chance zu sehen – ich erhalte jeden Tag tausend Einladungen, mit unglaublich vielen verschiedenen, neuen Menschen in Kontakt zu treten, tausend Möglichkeiten sozusagen. Mit dieser Einstellung ging es mir besser und ich begann, die viele Aufmerksamkeit (in den meisten Fällen) schön zu finden. Ich bin einfach nicht dieses Mädchen, das verlegen und verschlossen auf den Boden schaut, niemanden anlächelt, aus Angst, sonst ein Gespräch führen zu müssen und sich so irgendwie auch selbst isoliert – völlig konträr handelnd zu dem Wunsch, hier zu Hause zu sein.

Zusätzlich zu dieser Änderung des Blickwinkels habe ich begriffen, dass ich mit der Mitgliedschaft im Club auch meine Eigenverantwortung zurückbekommen habe: ich kann nicht nur in den Club gehen, ich bin jetzt selbst dafür verantwortlich, dass ich dorthin gehe. Es liegt nicht mehr in jemand anderes Verantwortung, ob ich gehe – nein, es liegt in meiner Hand, meinen Füßen, meinem Kopf.

Und es stellte sich heraus, dass der größte Schweinehund, den ich überwinden musste, der in meinem Kopf war. Er drückte sich zitternd in die Ecken meines Oberstübchens, schweinehundund winselte und jaulte, dass es doch peinlich sei, wenn man uns nicht verstünde, dass es sich blöd anfühlen würde, dass wir angestarrt würden, dass es mir sicher unangenehm sei, wenn alle dächten, ich sei doofer, als ich eigentlich tatsächlich bin.

Und natürlich hatte er Recht – es ist mir peinlich, wenn mich die Leute nicht verstehen oder ich sie nicht, es fühlt sich blöd an, angestarrt zu werden und es ist mir tatsächlich sehr unangenehm, wenn ich das Gefühl habe, die Leute halten mich für nicht so helle. Aber das wird sich nicht ändern, wenn ich nicht rausgehe und übe, übe, übe. „Nur durch’s Fallen lernt man das Laufen“, hat meine Lieblingslehrerin in der Ausbildung immer gesagt, und diesen Spruch habe ich verinnerlicht, ich liebte ihn so sehr, dass er einer der Grundsätze meiner Arbeit wurde. Blöd bloß, dass es so schwer ist, ihn auch bei mir selbst anzuwenden.

Eines Nachmittags aber, als der Schweinehund grad faul in der Sonne lag, kam mir der Gedanke: „Ich könnte heute neue Schuhe kaufen.“ Blitzschnell schoss ich hoch, packte alles, was ich brauchte und marschierte los. Ich unterband alles Winseln und Jaulen und Fiepen, ich ließ nicht zu, dass ich irgendetwas dachte, bis ich in der Mall im Schuhladen stand und es peinlicher gewesen wäre, zu gehen als zu bleiben. Nach etwa einer halben Stunde verließ ich den Laden – mit meinen neuen Sandalen (die laut Verkäufer sehr gut zu meiner „weißen Haut“ passten) und der Telefonnummer ebendieses Verkäufers, die mir mit der dringenden Ermahnung, ihm unbedingt zu schreiben, überreicht wurde.

Und was soll ich sagen? Das passiert oft. Die Menschen, die mich ansprechen, wenn ich alleine unterwegs bin oder die über Anja versuchen, mit mir in Kontakt zu kommen, waren immer sehr freundlich und interessiert. Viele wollen wissen, was ich hier mache, wie lange ich schon hier bin, wie es mir gefällt, ob es anders ist als zu Hause … und wenn sie hören, dass ich erst 7 Wochen hier bin (heute sind es 8!), dann reißen sie erstaunt die Augen auf und meinen, dass ich für diese kurze Zeit schon sehr gut Spanisch spräche. Sie machen mir Mut, indem sie sagen, dass ich keinen erkennbaren Akzent hätte, dass Spanisch sehr kompliziert sei und dass es normal sei, es schwer zu finden, sie meinen, ich sei sehr mutig und manche geben mir ihre Nummer und sagen, wenn ich etwas brauche, dann solle ich ihnen Bescheid geben …

Ich hatte, wenn ich so darüber nachdenke, viele, viele tolle Begegnungen. Die Schwimmclique im Club, die sich einen Arm ausgerissen hat, um mir eine ihrer Schwimmbrillen anzubieten; Samuel, der Schwimmlehrer; die beiden, die mir total freundlich die Öffnungszeiten des Fitnessstudios vorgelesen haben; die Frau, der ich ihre weggewehte Mütze aufgesammelt habe; der Typ, der mir lauthals Küsse zugeworfen hat und mich heiraten wollte – und die beiden Frauen, die das erst auf sich bezogen haben; unser Park-Freund, dessen Namen ich nicht weiß, aber den seines Hundes; der Kioskbesitzer; die zwei Frauen, die zwar keine profesoras waren, „pero mamas!“ mit Santiago und Luisa; der Papa, der nicht herausfinden konnte, woher mein Akzent kommt und der Englisch mit mir gesprochen hat; gestern der wundervolle 5-jährige Aron, der mich zum Abschied umarmte, mit seinem tollen Großvater; die Sicherheitstypen im Ventura oder im Metro; der eine Verkäufer, der sich im éxito so freundlich (und langsam) mit mir unterhalten hat; Andrea aus dem Nagelstudio; viele Fitnesstypen im Park; Juan Pablo und seine Mama; unsere Portiers und die Reinigungsfrau, die mich immer anlächeln und mir helfen mit Anja; die beiden Bauarbeiter aus dem Park; „unser“ Eisverkäufer mit der Krücke; die 4er-Clique im Juan Valdez, die mir immer irgendwas zugerufen haben; die Angestellten im Juan Valdez, die mir erlauben, während des Saubermachens sitzen zu bleiben („No, tranquila!“); die Postobon-Lieferanten … die Liste ist eigentlich ziemlich endlos.

Ich habe beschlossen, einfach dieses Mädchen zu sein, dass man gerne ansprechen würde, weil es strahlt, weil es sich wohlfühlt, weil es Spaß zu habenheart und witzig zu sein scheint, weil es sich Dinge traut und weil man es deswegen gerne in seinem Bekannten- oder Freundeskreis hätte. Ich möchte, dass die Leute sich trauen, mich anzusprechen, weil sie das Gefühl haben, ich antworte bestimmt freundlich, egal, was sie sagen.

Und es klappt. Ich trete viel mehr in Kontakt mit Menschen und traue mich, zu sprechen, ich gehe aufrechter und habe Freude daran, Gespräche zu führen. Wenn ich zum Beispiel mit der Mama durch die Straßen gehe und uns der Postobon-Lieferant (Getränkemarke) zuwinkt, dann meint sie: „Wow, der ist echt dein Freund!“, wenn wir an der Baustelle vorbeigehen und niemand mehr pfeift, meint sie: „Du hast ganz schön Eindruck gemacht auf die Bauarbeiter!“ oder wenn Samuel im Club über das Schwimmbecken hinweg meinen Namen schreit und lacht und winkt, dann meint sie: „Wow, der mag dich echt gerne!“

Ich würde nicht so weit gehen, zu sagen, dass ich viele Freunde habe, aber es fühlt sich ein klitzekleines bißchen natürlicher an, mal hier und da ein „Hallo“ zugerufen zu bekommen oder selber jemandem zuwinken zu können. Ich traue mich mehr, sodass mehr schöne Dinge passieren, und darum traue ich mich dann noch mehr und dann  … und dann …    🙂

Un abrazo grande con una sonrisa radiante! x

Aventuras Nuevas – Mein Besuch beim „estilista“

Hallo liebe Lebensmaler,

diejenigen unter euch, die schon länger auf meinem Blog sind und quasi mit mir reisen, können sich vielleicht noch daran erinnern, dass ich in Australien meine längeren Haare gegen einen Undercut getauscht habe – wer möchte, kann hier nachschauen. Trotz manch anderer verrückter Einfälle ist die Frisur seitdem so geblieben, bzw. die kurzen Haare sind noch kürzer geworden – 6mm! Ich liebe meine Haare so, denn ich muss nichts mit ihnen tun, sie liegen einfach immer (meistens … na gut … sie machen was sie wollen, aber zumindest weiß ich das und versuche gar nicht erst, etwas dagegen zu tun).

Die Krux mit kurzen Haaren ist nun aber, dass regelmäßig ein Friseur besucht werden muss. War der Friseurbesuch damals in Australien schon nervenaufreibend, könnt ihr euch sicherlich vorstellen, wie es mir hier geht. Erstens war es für mich schon auf Englisch schwierig, zu erklären, was ich möchte, wie soll ich das auf Spanisch schaffen? Und zweitens haben die Frauen hier Haare wie aus einer Fabrik: alle lang bis zum Po, alle glatt, Punkt. Ich glaube, dass ein estilista, der keine Übung hat mit kurzen, lockigen Haaren, leicht überfordert sein und den Job versauen könnte. Und das konnte ich mir seelisch einfach nicht leisten. Wenn meine Haare blöd aussehen, fühle ich mich total unwohl.

Zum Glück hat Angel eine ganz ähnliche Frisur wie ich und meinte, er würde mich mit zu seinem Friseur nehmen – der wüsste etwas mit kurzen, lockigen Haaren anzufangen. So ein Glück! Diesen Friseurbesuch haben wir bestimmt 3 Wochen immer wieder verschoben (typisch kolumbianisch), aber dieses Wochenende hat es geklappt. Samstag hat Angel mich abgeholt und wir sind zur peluquería gefahren. Ich habe nicht auf den Namen geachtet, und als ich Angel später fragte, meinte er: „Irgendwas mit Glam And Beauty oder so …“ DAS hätte ich mir auch denken können 😀

Wir öffneten die Tür und uns schallte – wie in Kolumbien eben üblich – Musik entgegen. Daran hab ich mich mittlerweile gewöhnt und es stört mich nicht – im Gegenteil, ich genieße es, die neuesten kolumbianischen Charts zu sehen oder ältere Sommerhits wieder ins Gedächtnis gerufen zu bekommen. Und die Musik war gut – irgendwie war alles mit extra Bass unterlegt. Wir setzten uns auf die Couch und warteten, schrien uns regelrecht an bei dem Versuch, eine Unterhaltung zu führen, und alle dort Anwesenden schauten neugierig und mehr oder weniger offensichtlich zu uns herüber, weil wir natürlich Englisch sprachen. Die peluquería ähnelte übrigens nur entfernt unseren Friseuren in Deutschland. Unten habe ich euch einen Grundriss aufgezeichnet, weil ich leider keine Fotos machen konnte. Alles wirkte vollgestellt und irgendwie durcheinander, Spiegel stapelten sich auf Werkzeugkästen, die Haare wurden vom Stuhl auf den Boden geföhnt, wo sie dann liegen blieben und was hier überall üblich scheint, war auch in dieser peluquería vertreten: die Angestellten hängen während der Arbeit am Handy. Da wird mal schnell ’ne WhatsApp geschrieben oder eine Sprachnachricht abgehört, während der Kunde mit feuchten Haaren auf das Schnipp-Schnapp der Schere wartet.

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Angel war zuerst dran, weil ich sehen wollte, was bei ihm passiert und ob ich mich sicher fühlen kann. Ich hab die Musik genossen, mich an die Einheimischen angepasst und mein Handy herausgekramt, während ich immer mal wieder Angel und den Friseur beobachtete. Angel sah mit seiner neuen Frisur gut aus und so hab ich mich auch getraut. Unter den neugierigen Augen aller wurden mir die Haare gewaschen und als ich mich auf dem Stuhl niederließ, erklärte Angel dem Friseur, was ich wollte. Eigentlich wollte ich 6mm wie immer, aber er meinte, er würde erstmal mit 9mm beginnen, kürzer ginge ja immer noch. Okay. Das war eine gute Entscheidung, denn anscheinend sind 6mm nicht überall 6mm. Ich erklärte, was mit den längeren Haaren passieren sollte – wieder erklärte der Friseur, er würde sie erstmal nur zur Hälfte abschneiden, kürzer ginge ja immer noch …

Nach dem ersten Schneiden bat ich um’s Trockenföhnen, um zu sehen, zu was sich meine Haare heute entscheiden würden. Danach musste der schockierte Friseur noch mal die gleiche Menge Haare abschneiden wie zuvor. Er versicherte sich vor jedem Schnitt, ob ich sicher sei – auch Angel war besorgt und fragte auch immer nochmal nach. Meine Haare wurden kürzer als seine, ich glaube, das war unerwartet für ihn. Als die langen Haare kurz genug waren, wollte ich noch meinen Hinterkopf sehen – ein Glück, dass ich daran gedacht habe! Der Friseur hatte ein Haardreieck stehen lassen, das von unten nach oben immer länger wurde  und das sah so dermaßen bescheuert aus! Ich erklärte ihm „Más corto, por favor! Todo el pelo aquí…“ und fuchtelte mit meinen Händen herum, um ihm zu erklären, dass alles ab sollte. Ich bin bestimmt 3x aufgestanden und habe im Spiegel nachgesehen, und musste jedes Mal sagen „Más corto, porfa“, sehr zum Erstaunen aller. Irgendwann fragten die anderen Frauen Angel, woher ich kommen würde und dann sprachen sie über etwas anderes, was ich nicht mehr verstand. Als die Haare endlich so waren, wie ich das wollte, wurde mir noch Gel ins Haar geklatscht, dann zahlten wir und verließen „Glam and Beauty“ – wie ich den Laden jetzt einfach nenne. Der Schnitt kostete 15.000COP, also nicht mal 5€.

Im Auto meinte ich zu Angel, dass die Leute mich ja ganz schön angestarrt hätten. Er meinte, sie hätten gesagt, die Frisur stehe mir sehr gut und lange Haare wären eben nicht für jeden etwas. Ich nickte zufrieden, während er noch hinzufügte: „Und sie meinten, du wärst sehr mutig.“ Ich meinte zu ihm, dass er sich das doch jetzt ausdenken würde, und er erwiderte: „Nein, das haben sie echt gesagt. Der Friseur hat auch zu ihnen gesagt: „Hört ihr das? Sie sagt mir wirklich, ich soll es kürzer machen! Sie will das so!““ Hier ist es wohl so, dass die Frauen es schon furchtbar finden, wenn nur 2cm Spitzen geschnitten werden, und sie in solchen Momenten wohl regelrecht mit den Tränen kämpfen. Klar, dass ich da Kontrastproramm bin mit meinem „Kürzer … nein, noch kürzer … noch etwas kürzer, bitte.“ 😀 Tja, ich finde es tatsächlich etwas kurz, aber innerhalb einer Woche wird es schon wieder nachgewachsen sein und so aussehen, wie ich das möchte, also ist es kein großes Drama. Ich sah definitiv schon schlimmer aus nach einem Besuch beim Friseur!

Ich glaube, Angel war sehr erleichtert, dass ich glücklich war. Als er mich beim Abholen von zu Hause fragte, was ich haben wollte, meinte ich scherzhaft, dass er jetzt unter großem Druck stünde, weil er das alles erklären müsse. Und er entgegnete total ernst: „Ja, das ist echt so! Wenn es sch… aussieht, dann ist das meine Schuld!“ Ich beruhigte ihn, ich würde genau das wollen, was er auch bekommt, nur eben mit einer winzigen Änderung, und wenn ich doof aussehen würde, würde er auch doof aussehen und dann wären wir ja quitt.

Es sah aber nicht doof aus, und ich bin richtig richtig stolz, dass ich das geschafft habe. Es scheint wie nichts großes, aber für mich ist es eine ungeheure Überwindung gewesen. Erstens: jemand muss mich mitnehmen und für mich übersetzen, sodass ich total in Anhängigkeit von ihm bin – er sieht mich in einem schwachen Moment. Zweitens: in einen Laden gehen, wo ich angestarrt werde. Drittens: mich in einem fremden Land einem fremden Friseur mit fremder Sprache anvertrauen und hoffen, dass das Ergebnis so aussieht wie zu Hause. Und schließlich viertens: genau sagen, was ich will und was ich nicht will.

Vielleicht kennt ihr das: man sitzt beim Friseur und nickt begeistert, während man die Zähne zusammenbeißt und schon darüber nachdenkt, ob es wohl bis zum Date in 3 Tagen wieder halbwegs normal aussieht. Zu Hause wäscht man die Haare 2x und hofft, das hilft …
Mir fällt es SO schwer, direkt zu sagen, dass jemand etwas nicht zu meiner Zufriedenheit gemacht hat. Ich gehe immer davon aus, dass die Person ihr Bestes gegeben hat und es ist mir unangenehm, das für nicht gut genug zu befinden. Ich gehe lieber mit einem schlechten Gefühl aus dem Laden, als eine Person mit einem schlechten Gefühl darin zurückzulassen. Und wenn ich dann doch mal etwas sage und der zweite Versuch immer noch nicht zufriedenstellend ist, dann nicke ich trotzdem und beiße die Zähne zusammen. Vermutlich bin ich einfach konfliktscheu – das habe ich auch in anderen Situationen bemerkt, denn es fällt mir schwer, ohne verlegenes Lachen oder schon in der Frage enthaltene Entschuldigungen für das, was ich sage, das zu fordern, was ich mir wünsche und was mir zusteht.

Hier kann ich mir das aber einfach nicht erlauben – ich bin so weit außerhalb aller Komfortzonensicherheit, dass alles, was mit meinem Äußeren zu tun hat, einen riesigen Beitrag zu meinem Wohlbefinden leistet. Und dass ich mich hier wohlfühle, hat schlicht und einfach auch etwas mit meinem „Überleben“ zu tun. Ich werde seelisch angreifbarer, wenn ich mich mit meinem Körper unwohl fühle und flugs segle ich die Abwärtsspirale hinab.

Natürlich war es auch ein unangenehmes Gefühl, immer wieder zu fordern „Hier noch etwas … da noch mehr … dort gefällt es mir nicht …“, gerade, weil ich durch bestimmt 10 Paar Argusaugen beobachtet wurde und ich es auf Englisch zu Angel sagen und dieser es übersetzen musste. Es klang wie eine eiskalte Forderung und ich bevorzuge es normalerweise, meine Forderungen netter zu verpacken bzw. mit freundlichen Aussagen zu begleiten, damit mich die Menschen „trotzdem noch mögen“. Also ehrlich, wenn ich es hier aufschreibe, klingt es nicht sehr schmeichelhaft für mich … Jedenfalls hatte ich in diesem Friseursalon das Gefühl, ich wäre nur ein Objekt, für das übersetzt und an dem herumgeschnippelt wird, bis es endlich zufrieden ist und Ruhe gibt – und die Menschen dort gar nicht die richtige, freundliche Katharina kennenlernen. Andererseits habe ich mir gedacht, es gibt später niemanden verantwortlich zu machen außer dich selbst, wenn du nicht sagst, was dir nicht passt. Wenn du dich nachher nicht gut fühlst mit deiner Frisur, dann kannst du nicht meckern und niemandem die Schuld geben, weil du nichts gesagt hast. Und so habe ich meine Kritik-Angst und den Gedanken „Was denken die Leute von mir?“ zur Seite geschoben und genau das gefordert, was ich wollte.

Und soll ich euch was sagen? Das hat sich stark angefühlt. Richtig stark. Für das einzustehen, was ich haben wollte und mich nicht verunsichern zu lassen von den lang- und glatthaarigen Mädels mit ihren 5cm Fingernägeln und perfektem Barbie-Makeup, mich nicht beirren zu lassen durch den zweifelnden Blick des estilistas und mich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen durch Angels gefurchte Stirn – das war aus meiner jetzigen Sicht eine richtig starke Leistung. Und irgendwie haben die Menschen so doch die richtige Katharina kennengelernt: die starke, mutige Weltenbummlerin, die sich nicht an die Erwartungen anpasst, wie sie auszusehen und wo sie zu arbeiten und was sie zu tun hat.

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Das war’s von meinem Friseurabenteuer. Ich glaube, das nächste Mal traue ich mich auch, alleine dorthin zu gehen, denn der Friseur kennt mich und meine Haare jetzt, ich kann gestikulierend erklären, was ich möchte und ich weiß, wo der Laden liegt und wie das Prozedere funktioniert. Dadurch, dass ich mich einfach in die Situationen begebe, vor denen ich anfangs eher zurückgeschreckt bin, erlange ich Stück für Stück mehr Selbstbewusstsein und Selbständigkeit und das fühlt sich richtig gut an.

Was sagt ihr zur neuen, alten Frisur?
Un abrazo grande! x

Aventuras Nuevas – El Club de Cazadores: Jäger? Vielleicht Sonnenjäger! ☼

Hallo liebe Lebensmaler,

ich habe euch bisher ziemlich wenig von meinem Alltag und meiner Umgebung erzählt, weil ich am Anfang so mit mir selbst beschäftigt war und dann plötzlich alles auf einmal passiert ist und ich gar nicht hinterhergekommen bin mit dem Fühlen, Erleben, Verarbeiten und Berichten. Ich versuche jetzt, mich langsam an alles heranzutasten und heute möchte ich euch vom „Club“ erzählen.

Hier in Cúcuta ist es ziemlich heiß. Wir haben zwar gerade Winter, aber alles, was das anscheinend bedeutet, ist, dass mehr Wind weht als sonst. Wir haben fast jeden Tag Temperaturen zum wortwörtlichen Dahinschmelzen: zwischen 33°C und 40°C ist alles möglich, und wenn wir Glück haben, wird es abends „kühler“ (30°C).  Nach dem Duschen und Abtrocknen bin ich bereits wieder durchgeschwitzt, aber ich habe mich schon darauf eingestellt, denn prinzipiell mag ich Hitze lieber als Kälte.

Gleichzeitig bin ich aber auch großer Fan davon, mich abzukühlen, und Schwimmbäder eignen sich dazu bestens. Leider gibt es hier wenig öffentliche Schwimmbäder und keins in der Nähe, sondern meist private Schwimmclubs, in denen man Mitglied sein muss. Als ich hier ankam, konnten wir noch auf Einladung einer Freundin der Familie einen Club besuchen, diesen also quasi zwei Monate „testen“, aber die einmalige Mitgliedschaftsgebühr und monatlichen Kosten waren exorbitant und standen in keinem Verhältnis zu dem, was uns geboten wurde. Das Kinderbecken war okay, hatte aber eine „im Wasser-Bar“, wo Erwachsene sich nachmittags um 16h ihre Cola mit „güisqui“ (spanische Schreibweise von „Whisky“) hinter die Binde kippten und megalaut Charts hörten. Das Schwimmbecken war recht klein und meist fand zu der Zeit, in der wir dort waren, Schwimmunterricht statt und zwar von rechts nach links und nicht entlang der langen Seite. Keine Ahnung, warum, aber das ist hier so üblich, und es bedeutete, dass wir nicht ordentlich schwimmen konnten, was uns allen wichtig war.

Seit zwei Wochen sind wir aber Mitglied im Club de Cazadores, also „Club der Jäger“, der ca. 10 Gehminuten von uns entfernt ist. Auf der Website sah er sehr schick aus und während Renata alles mit der Clubleitung regelte, erkundeten Anja und ich die Umgebung. Es gibt ein großes Schwimmbecken mit unterschiedlichen Tiefen, ein flacheres Kinderbecken, genug Sitzmöglichkeiten, sowohl überdacht als auch unter freiem Himmel, eine Bar und ein paar kleine „Lädchen“ für Eis oder Säfte, ein Nagelstudio, ein Spa, eine Sauna und ein Fitnessstudio, einen Spielplatz und mehrere Sportplätze, auf denen unterschiedliche Sportarten gelehrt und betrieben werden. Leider gab es sehr wenig Grünfläche, aber immerhin ein kleines Eckchen Rasen. Das alles hörte sich ziemlich gut an und war auch auf den ersten Blick wirklich toll. Nach einigen Besuchen entdeckten unsere kritischen Augen (und Ohren) einige Mängel, mit denen wir aber trotzdem leben können.

Es gibt zum Beispiel ein erhöhtes Podest mit riesigen Boxen, aus denen den ganzen Tag laute Musik läuft – das Leben hier wird überall von Musik begleitet (im Schwimmbad, im Einkaufszentrum, in den einzelnen Läden, beim Friseur, im Nagelstudio, …) und es ist auch keine Seltenheit, dass aus verschiedenen Boxen verschiedene Lieder laufen – es entsteht ein Wettbewerb, wessen Musik lauter aufgedreht werden kann. Niemand beschwert sich jedoch, auch wenn man sein eigenes Wort nicht verstehen kann. Das Leben in Kolumbien ist wohl einfach so – die Leute werden nervös, wenn es zu leise wird. (Auch abends dringen oft aus verschiedenen Bars laute Musik, Gesang oder Stimmengewirr zu mir ins Schlafzimmer, das dementsprechend zum Wachzimmer wird.) Das Fleckchen Rasen, das wir im Club zu unserem Platz auserkoren haben, ist leider direkt unter den Boxen und so bitten Renata oder ich regelmäßig darum, die wummernde Discomusik oder die spanischen Rhythmen doch bitte leiser zu stellen. Wir werden ebenso regelmäßig verwirrt angeschaut und belehrt, das müsse so sein. Wie unhöflich von uns, den anderen Leuten die Musik nicht zu gönnen! Also ehrlich. Tztztz. Manchmal machen wir aber auch einfach übertrieben Party – wir klatschen und wippen im Takt der Musik, bewegen die Köpfe ruckartig nach vorne und hinten und machen mit Armen und Beinen die tollsten Verrenkungen. Anja findet es genial und wir lachen uns schlapp.

Auch in diesem Schwimmerbecken wird im Schwimmunterricht von rechts nach links geschwommen und nicht längs – ich frage mich wirklich, was das soll? Hier werden aber zwei Bahnen abgetrennt, damit man dort in Ruhe schwimmen oder einfach sein kann, was uns gut gefällt. Blöd ist, das beide Becken immer in der prallen Sonne sind, aber man kann ja nicht alles haben. Wir bleiben meist so 20 Minuten im Wasser, dann machen wir Snackpause und danach geht Renata ihre Bahnen ziehen, während Anja und ich den Club erkunden. Wir entdecken die Duschen, sammeln Müll auf und bringen ihn in die bereitgestellten Mülleimer (Anjas Hobby), rocken ab zur Musik, die aus den Lautsprechern oder aus dem Fitnessstudio schallt und freuen uns, wenn andere Leute mitmachen, schauen uns ein Basketballspiel an oder vergnügen uns auf dem Spielplatz. Leider liegen auf dem Boden oft Scherben, Drahtstücke oder kleine Haufen Kot, sodass ich immer beide Augen auf den Boden gerichtet habe, um Unfälle zu vermeiden. Laut Clubordnung und Leitung sind Hunde verboten und es ist uns ein Rätsel, wieso die braunen Haufen regelmäßig auftauchen – und vor allem nicht entfernt werden! Auch der Spielplatz hat seine Tücken. Viele Oberflächen sind aus mir unerklärlichen Gründen aus Metall, was natürlich total Sinn ergibt für Spielgeräte, die die meiste Zeit in der prallen Sonne stehen, da werdet ihr mir sicher zustimmen. Manche Geräte sehen auch nicht sehr vertrauenerweckend aus und einiges ist bereits kaputtgegangen, seit wir dort sind (nicht durch uns natürlich!). Es ist trotzdem schön, dass es überhaupt einen Spielplatz mit verschiedenen und tollen Geräten gibt und ich lasse Anja im Rahmen der sicheren Möglichkeiten so viel Freiraum, dass sie sich ungestört ausprobieren kann – und sie macht waghalsige Dinge, kann ich euch sagen!

Ich freue mich trotz mancher Mängel wirklich sehr, dass wir in diesem Club Mitglied sind. Den Weg alleine zurücklegen zu können gibt mir das Gefühl, mein Leben irgendwie in der Hand zu haben, wenn ihr versteht, was ich meine. Ich bin nicht mehr darauf angewiesen, dass die Familie mich fährt, ich finde mich zurecht und tue etwas für meinen Körper und meine Gesundheit und gleichzeitig etwas gegen die ungesunde Energie, die machmal in mir brodelt und mit der ich nicht weiß, wohin. Das scheinen winzige Schritte zu sein, aber mit diesen winzigen Schritten gehe ich dem Gefühl entgegen, mich hier wohlzufühlen, und dieses Gefühl ist unglaublich gewachsen in letzter Zeit. Ich bin „gezwungen“, mich alleine mit Menschen auseinanderzusetzen und mit ihnen in Kontakt zu treten, sowohl auf der Straße als auch im Club, ohne Hilfe und Übersetzerin. „Gezwungen“ mit Anführungsstrichen, weil es nicht ein negatives Zwingen ist, sondern ein liebevoller, notwendiger Schubser in die Richtung, in die ich mir wünsche, zu gehen. Anfangs bin ich jedoch davor zurückgescheut, jetzt traue ich mich und das fühlt sich gut an. Ich bin mit der „realen Welt“ in Berührung und das macht es realer und leichter, ein Teil davon zu sein bzw. zu werden. Die meisten Leute, die ich bis jetzt dort oder auf dem Weg dorthin getroffen habe, waren jedenfalls sehr freundlich. Auf dem Weg lächeln mich viele Menschen an, grüßen mich, machen mir in der für sie eigenen subtilen Art Komplimente (z.B. Kussmünder begleitet von „Muy hermosa!“ oder „Muy bonita!“) oder hupen mich an. Im Club sind die Menschen ebenfalls sehr nett und überaus hilfsbereit, wenn sie merken, dass ich mit Spanisch noch unsicher bin. Sie versuchen sich in Englisch, versuchen, jemanden zu finden, der Englisch spricht oder nutzen Hände und Füße, um mir etwas zu erzählen oder zu erklären. Die Pförtner kennen mich schon, ist ja auch nicht so schwer, mich wiederzuerkennen als Blondine zwischen den Kolumbianern  😉 Sie machen mir die Pforte auf, ohne meinen Ausweis sehen zu wollen und wünschen mir wie selbstverständlich „Buenos días!“, worauf ich strahlend ebenfalls mit einem „Buenos días!“ antworte.

Morgens stehe ich jetzt meist gegen 6.15h auf, streife meinen Bikini über und mache mich auf den Weg, um vor der Arbeit in Ruhe einen Kilometer zu schwimmen. Ich brauche mich nicht zu beeilen, denn ich beginne meinen Arbeitstag erst um 10h, sodass ich mir oft die Zeit nehme, um mich auf den Liegen auszustrecken und der Musik zu lauschen, die manchmal anwesenden anderen Leute zu beobachten oder einfach in den Himmel zu schauen.

Ich weiß, dass ich hier ein sehr luxuriöses Leben führe und finde das einerseits toll, denn in Deutschland bin ich das in diesen Ausmaßen nicht gewöhnt, andererseits finde ich es schade, denn dies scheint nicht das Leben eines typischen Kolumbianers zu sein – vielleicht das der gehobeneren Schicht, ja, aber das Leben des Großteils der kolumbianischen Gesellschaft scheint sich sehr von meinem zu unterscheiden. Aber das ist nun mal so – in Deutschland gibt es ja auch nicht DAS typische deutsche Leben – ich bin mir sicher, dass sich das Lebens eines ALGII-Empfängers sehr von dem einer Anwaltsfamilie unterscheidet. Und egal, welches Leben ich hier kennenlerne – es ist auf jeden Fall anders als das, was ich in Deutschland führe und definitiv eine Umstellung, Erfahrung und Herausforderung! Ich werde mir Mühe geben, euch in Zukunft mehr davon zu berichten und teilhaben zu lassen – ich freue mich darauf, dass ihr mit mir mitreist und mir die Gelegenheit gebt, euch zu berichten.

Bis zum nächsten Post … un abrazo grande! x