Tag-Archiv | Treffen

Was wäre, wenn … ?

Heute saß ich in einem Wartezimmer und … naja, ich wartete. Ein Mädchen, etwa 4 Jahre alt, vertrieb sich die Wartezeit mit dem Ausmalen eines Malbuches. Dazu sang sie: „Ich male male male mit meinem Pinsel!“ Ganz oft hintereinander und irgendwann schaute sie mich an und sang das für mich. Ich konnte nicht nichts sagen und so fragte ich sie etwas, sie antwortete, und dann drehte sie sich wieder um. Ich wartete weiter und schaute mich um. Irgendwann hörte ich sie zu ihrer Mama flüstern: „Mama … die Frau da … kann ich ihr *murmel murmel* zeigen?“ Was genau sie wollte, konnte ich nicht verstehen. Ihre Mama antwortete, das könne sie tun, wenn „die Frau“ das wolle. Darauf das kleine Mädchen: „Kannst du sie mal fragen?“ – „Nein, das musst du schon selbst tun.“

Daraufhin kam das Mädchen in meine Richtung getappst und sagte: „Guck mal mein Prinzessin Lillifee Heft!“ Ich lächelte, bewunderte es ausgiebig, stellte dem Mädchen Fragen und wir überlegten gemeinsam, was man mit den Stickern auf der Vorderseite anfangen könne, wozu dieses und jenes gut sei usw. Es war so ein schöner Moment! Ich muss dazu sagen, dass ich meine Blümchenkrone trug; das muss mich in den Augen des Mädchens vertrauensvoll wirken lassen haben. Völlig zu Recht natürlich 😉

Was ich aber einfach so wundervoll an dieser Begegnung fand, war die Unschuld und die Überzeugung, mit der das Mädchen auf mich zugegangen ist. Sie konnte sich, glaube ich, nicht vorstellen, dass ich unfreundlich reagiere oder mich sogar einfach nicht für Prinzessin Lillifee interessiere. Sie hatte etwas, auf das sie sehr stolz war, und wollte das mit mir teilen – wie herzerwärmend das ist. Sie hat ihre Berührungsangst überwunden und ist einfach zu mir gekommen, obwohl sie mich überhaupt nicht kannte.

Das ist etwas, das ich mir für andere, alltägliche Begegnungen ebenso wünsche. Dass wir unsere Ängste gegenüber dem Fremden, Unbekannten überwinden und mutig auf andere zugehen. Diese Begegnung hat mich nachdenklich werden lassen. Niemand hätte diesem Kind wohl grimmig entgegengeknurrt: „Lass mich in Ruhe!“ oder „Das interessiert mich nicht!“ Warum können wir nicht alle Mitmenschen, die zu uns kommen mit einem Anliegen, einer Frage, einer Hoffung, behandeln wie dieses Kind? Freundlich, interessiert, neugierig? Obwohl dies für alle Menschen gelten sollte, die sich täglich durch unser Leben schieben, habe ich in diesen Tagen natürlich besonders die Flüchtlinge im Blick. Sie kommen zu uns, bitten um Hilfe, oft lediglich mit ihrer eigenen, schrecklichen Geschichte als Gepäck, und was erwartet sie? Viel zu oft schauen sie in ablehnende Gesichter, treffen auf verschränkte Arme oder stehen vor verschlossenen Türen – oder Grenzen.

Die Begegnung mit dem Mädchen hat mich nachdenken lassen. Wie sähe die Welt aus, wenn sich jeder sicher sein könnte, bei seinen Mitmenschen ein solch offenes Ohr zu finden, egal, mit was er sich an sie wendet, wie das Mädchen es bei mir gefunden hat? Was wäre, wenn alle neugierig wären auf den anderen? Was wäre, wenn alle mutig wären und Schritte auf den anderen zumachten? Was wäre, wenn die Gespräche immer tiefgründiger und vertrauter würden und sich Freundschaften spinnen würden? Was wäre, wenn alle ihre „Schätze“ so vertrauensvoll und offen mit Fremden teilen würden, wie das Mädchen sein Prinzessin Lillifee Heft mit mir? Was wäre, wenn wir ein Lächeln übrig hätten anstatt eines abschätzigen Blickes? Was wäre, wenn alle andere Menschen so zu einer Begegnung ermutigen würden, wie die Mutter ihre Tochter?

Was wäre, wenn …?

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Oh Africa … ENSA

Hallo ihr lieben Lebensmaler,

ich habe euch ja versprochen, euch auf dem Laufenden zu halten, was die Vorbereitung auf meine Tansania-Reise angeht. Jetzt gibt es etwas Neues.

Unser Austausch wird vom ENSA-Programm (Entwicklungspolitisches Schulaustauschprogramm) finanziell bezuschusst. Das ENSA-Programm möchte ich euch vorstellen und dann in einem nächsten Post von der Planungskonferenz, kurz Plako, erzählen, die ich letztes Wochenende als Vertreterin meiner Schule besucht habe.

Was ist das ENSA-Programm?

ENSA ist ein Kooperationsprogramm, das vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) in Auftrag gegeben wurde. Es ist ein Teil der Entwicklungspolitischen Lernwerkstatt ASA und wird mit Nichtregierungsorganisationen (NRO oder NGO = non governmental organisations) gemeinsam durchgeführt.

Was genau fördert ENSA?

Das ENSA-Programm hat sich zum Ziel gesetzt, globales Lernen und entwicklungspolitisches Engagement von Schülergruppen finanziell zu unterstützen. ENSA fördert nicht nur „Outgoing“-Projekte, also solche, bei denen deutsche Schüler in ihr Partnerland reisen, sondern natürlich auch „Incoming“-Projekte, bei denen die Partnergruppe am Leben der Schüler aus Deutschland teilnimmt.

Wer macht mit?

Konkret sind das Schülergruppen aus Deutschland, Afrika, Asien, Lateinamerika und Südosteuropa, die eine Schulpartnerschaft auf Augenhöhe verbindet. „Auf Augenhöhe“ ist hierbei ein ganz wichtiges Schlagwort. Es bedeutet, dass beide Schülergruppen gleichwertig sind und gleichbedeutende Beiträge zur Zusammenarbeit und deren Ergebnis beitragen. Es bedeutet nicht, dass eine deutsche Schülergruppe nach bspw. Lateinamerika reist, einen Brunnen baut, den Menschen dort erklärt, wie sie ihn zu benutzen haben und dann wieder fährt. Natürlich hilft der Brunnen den Menschen, aber er ist ein Produkt eines „Ich weiß etwas, was ihr nicht wisst“-Auftritt der deutschen Schülergruppe und eine solche Begegnung ist nicht im Sinne des ENSA-Programmes.

Beispielsweise sprechen die ENSA-Mitarbeiter auch nicht von „Entwicklungsländern“, sondern vom „globalen Süden“ und vom „globalen Norden“ – auf Basis einer einfachen Frage: wer entscheidet denn, was ein entwicklungsbedürftiges Land ist? Und wenn die reichen Länder dies tun, dann sollten sie sich zuallererst fragen, welche Rolle sie selbst bei der Verteilung von „arm“ und „reich“ in der Welt haben. Ich fand das sehr einleuchtend, sodass ich die Begriffe in weiteren Posts verwenden werde. Anderes ENSA-spezifisches „Vokabular“ werde ich immer erläutern.

Was machen die Teilnehmer?

Sowohl beim Outgoing als auch beim Incoming beschäftigen sich die Schüler mit einem gemeinsamen Thema, das für beide Gruppen sowie global bedeutsam ist. Unsere Gruppe beschäftigt sich zum Beispiel mit Umwelterziehung in der frühkindlichen Bildung, da unsere Partnerschule ebenfalls Erzieher/innen ausbildet. Es wird um Umweltverschmutzung, Nachhaltigkeit und Nutzung natürlicher Ressourcen gehen – ein Thema, das für uns alle eine hohe Bedeutung hat. Ziel ist es, zu verstehen, welche Themen und Inhalte Schüler und Schülerinnen aus anderen Ländern berühren, die Welt aus einem anderen Blickwinkel zu sehen und globale Zusammenhänge sowie Gemeinsamkeiten zu entdecken.

Was hat ENSA davon?

ENSA ist es sehr wichtig, dass dieser Erkenntnisgewinn nicht nur bei den teilnehmenden Schülern und Schülerinnen bleibt, sondern dass diese sich vernetzen, ihre Erfahrungen mit Freunden und Mitschülern teilen und sich gemeinsam mit ihnen für globale Gerechtigkeit einsetzen. Darum veranstaltet ENSA regelmäßig vor Outgoings oder Incomings sogenannte „Plakos“ (Planungskonferenzen) und nach den Aufenthalten „Evalkos“ (Evaluationskonferenzen), um den unterschiedlichen Projekten aus ganz Deutschland die Möglichkeit zum gegenseitigen Kennenlernen und zum Austausch zu bieten, alle auf ihre Begegnungen vorzubereiten oder diese im Nachhinein auszuwerten.

Und jetzt kommt’s …

Eine solche „Plako“ habe ich letztes Wochenende gemeinsam mit einem weiteren teilnehmenden Schüler und unseren beiden betreuenden Lehrkräften besucht. Es war eine wunderbare Erfahrung und ich habe unglaublich viel mitgenommen aus den Workshops, Kleingruppenarbeiten, Ausstellungen und persönlichen Austauschen. Alles, was ich so erlebt habe, möchte ich euch berichten, aber ihr müsst euch bis zum nächsten Post gedulden.

Wer nicht so lange warten kann oder möchte, kann sich auch gerne noch weiter über ENSA und ASA informieren. Einfach die beiden unterlegten Worte anklicken und draufloslesen.

Farm Charm – Zivilisation

Uuuuh, Zivilisation. Das bedeutet unter anderem:
Straßen. Autos. Ampeln. Verkehr. Menschen. Läden. Lichter, Straßenlaternen. Busse.

Am Donnerstag haben Kate, Fraser und ich uns gegen 14h auf den Weg in die Stadt gemacht. Der eigentliche Grund war ein Zahnarzttermin von Kate, aber verbunden damit waren mehrere andere Dinge, unter anderem auch Frasers Abreise. Das hat die Stimmung ganz schön gedrückt, aber wir haben uns allergrößte Mühe gegeben, die letzten Stunden mit ihm zu genießen. Außerdem haben wir Wajihah wiedergesehen, die extra noch eine Nacht länger in Townsville geblieben ist. „The Brook Crew“ war wieder beisammen!

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Kate, meine Wenigkeit, Wajihah und Fraser formen die Brook-Crew!

Nachdem wir also 4 Stunden über Queenslands einsame Straßen gefahren waren – Fahranweisung waren: rechts, links, rechts – kamen wir in Townsville an und haben unsere Zimmer bezogen; durch einen glücklichen Zufall haben wir für den Preis eines Schlafsaales Doppelzimmer bekommen, sodass Kate und ich uns eines geteilt und Fraser und Wajihah im anderen genächtigt haben.
Wir haben uns kurz frischgemacht und das Hostel auskundschaftet, dann haben wir uns auf den Weg in die Stadt gemacht, um etwas zu essen. Im Pub haben wir uns dann über unsere Zukunftspläne ausgetauscht, da Wajihah am nächsten Tag nach Cairns reisen sollte, für Fraser ging es zurück nach Sydney und auch Kate wird in einer Woche abreisen! Außerdem haben wir Fraser nach seinen „Highs and Lows“ gefragt, also seinen Höhe- und Tiefpunkten; eine Brook-Tradition und da er kein BBQ zum Abschied bekommen hatte, fanden wir, dass wir ihn einfach beim letzten gemeinsam Essen fragen sollten.

Nach unserem Abendmahl haben wir uns noch in eine Bar verirrt, die uns überfordert hat an Menschen, Musik und Misswahlen – und mir das teuerste Cider meines Lebens verkauft hat. Den restlichen Abend haben wir dann im Hostel verbracht, wo wir Mädels Fraser in Ruhe gelassen und uns in Kates und meinem Zimmer zusammengesetzt haben, um einfach nur zu quatschen – wie in guten alten Brook-Zeiten.

Am nächsten Tag haben wir uns morgens – mal wieder – von Wajihah verabschiedet und sind dann zu dritt losgefahren, um Kate beim Zahnarzt abzusetzen und im Baumarkt etwas für Darcy und Lynda umzutauschen. Nachdem Fraser und ich uns ein paar Mal erfolgreich verfahren haben, haben wir Kate wieder abgeholt und sind zurück in die Stadt gedüst. Nach kurzer Selbstverfügung kam dann der furchtbarste Teil des Tages: die Fahrt zum Flughafen und der Abschied von Fraser. Nach Umarmungen und guten Wünschen haben wir gewunken und dann bin ich in Tränen ausgebrochen. Ich kann euch gar nicht sagen, wie sehr mir dieser Kerl ans Herz gewachsen ist. Auch Kate ist das ziemlich nah gegangen, wenn auch weniger Tränen involviert waren – sie weiß ja, wann sie ihn wiedersieht, ich hingegen bin mir ziemlich sicher, dass ich ihn an diesem Flughafen das letzte Mal zu Gesicht bekommen habe. Ein winziger Hoffnungsfunke glimmt in mir, dass wir uns eventuell in Neuseeland treffen, aber das wird vermutlich nicht so einfach.

Den restlichen Tag haben wir in allen möglichen Läden verbracht, unter anderem einem Friseur (meine neue Frisur zeige ich euch in den nächsten Tagen! Bin schon gespannt, was ihr sagt!) und 2nd-Hand-Shops. Abends sind wir auf den 286m hohen Castle Hill gefahren, um uns einen 360°- Sonnenuntergang anzuschauen. Es war echt atemberaubend, auf der einen Seite die Stadt mit ihren Lichtern, auf der anderen Seite aber die Sonne ins Meer tauchen zu sehen, in dessen Mitte die schwarze „Magnetische Insel“ schwamm.

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Kate und der Sonnenuntergang – wunderschön, wie ich finde.

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Die untergehende Sonne lässt die Felsen rot erstrahlen – ein klasse Kontrast zum Meerblau und Himmelviolett.

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Magnetic Island – 8km vom Festland entfernt.

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Time to stop and stare – findet ihr Kate?

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Solch lebendige Farben!

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Am nächsten Tag haben wir uns nach dem Auschecken unseren Weg durch die Stadt zum Strand gebahnt, um in Juliette’s Café etwas zu trinken, unsere Füße im Sand zu vergraben und die Sonne auf unserer Haut zu genießen. Danach ging es dann Richtung Farm – das Abenteuer Zivilisation ist erfolgreich abgeschlossen.

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Kaffee, gute Bücher und nette Gesellschaft – ein wunderbarer Start in den Tag.

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Diese Brände sind kontrollierte Brände – zum einen machen sie die Erde fruchtbar, zum anderen werden so natürliche Brände verhindert, die in der Trockenzeit einfach ausbrechen und unberechenbar wüten.

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Die 2 Kerle in diesem Auto haben uns unsere Heimreise ungemein versüßt, indem wir immer wieder aneinander vorbeigefahren sind und gehupt haben. Als wir auf die Landstraße heimwärts abbogen, haben sie sogar gewunken. Australia, mate.

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Hit the road, Jack.

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Hier links, nach 1 Stunde rechts, und nach einer weiteren Stunde wieder links. Easy as, mate.