Stell dir vor …

 

refugeeswelcome

 

Was macht dieser Satz mit dir?

Ich hab den ersten Teil gelesen und in meiner Brust machte sich ein beklemmendes Gefühl breit. Ich werde demnächst auch in einem Land sein, das mir fremd ist, das ich nur aus den Medien kenne, dessen Sprache ich nicht spreche und dessen Bräuche und Sitten mir fremd sind. Ich habe jegliche Unterstützung meiner Freunde und Familie hier und in diesem fremden Land erwarten mich Menschen, die sich auf mich freuen und etwas Gutes für mich wollen. Trotzdem habe ich Angst, bin unsicher und hege Zweifel. Und doch: ich fliehe nicht, ich reise; ich muss nicht weg, ich will. Wie muss es jemandem gehen, der Hals über Kopf aus Angst vor Folter, Verfolgung oder sonstigen Qualen sein zu Hause verlassen muss, teils ohne Gepäck und gewiss ohne Gewissheit, was kommt? Der Stein auf meiner Brust wog plötzlich ganz schwer.

Und dann kam der zweite Teil des Satzes, und mit ihm ein Lächeln auf mein Gesicht – weil er so unerwartet war. Mein Herz konnte wieder schlagen, die Last war irgendwie weg. Willkommen sein – das klingt für mich nach offenen Armen, nach einer warmen Stube, eine dampfenden Suppe auf dem Tisch, nach Interesse und Unterstützung, nach zu Hause und Mitmenschen, die sich kümmern, nach ankommen und ausruhen. Nehme ich das Wort „Willkommen“ unter die Lupe, entdecke ich: es setzt sich zusammen aus zwei Teilen: „Ich will, dass du kommst.“ Und nach einer unsäglich strapaziösen, gefährlichen, endlos scheinenden Reise, während der sich die Reisegefährten Angst, Sorge, Erschöpfung, Schmerz, Trauer und Hoffnungslosigkeit mit gesengtem Kopf im monotonen Stapf-stapf-Rhythmus neben mir herschleppen, kann ich mir nichts Schöneres vorstellen als jemanden, der mich mit offenen Armen empfängt, mir eine Suppe vorsetzt und sagt: „Schön, dass du da bist. Du bist hier willkommen, ich will dass du kommst.“

Stell dir das mal vor …

Ein ziemlich schön gefülltes Leben

Hallo ihr Lieben,

es war ein bißchen länger ruhig hier – ich war irgendwie mitten im Leben und das war schön, darum hab ich weniger Zeit gehabt für’s Bloggen. Jetzt möchte ich euch aber berichten, was es Neues gibt.

Meine Wohnung ist endlich fix und fertig zwischenvermietet:) Das war ja meine allergröße Sorge, niemanden zu finden bzw. dass Yacoub nicht einziehen kann, weil das Jobcenter sich querstellt – das kommt im Paragraphendschungel Deutschland ja ab und an mal vor (hab ich so gehört …). Aber es hat tatsächlich alles geklappt und am 19.05. haben Yacoub und ich den Zwischenmietvertrag unterschrieben!:) Juchu! Jetzt muss ich bloß noch ein paar Listen machen für ihn und meine Wohnung ausräumen, wenn es dann soweit ist. Am 01.07. zieh ich aus und er ein.

Meine Versicherung ist auch endlich abgeschlossen, und sie ist gar nicht teuer. Ich kann allen TK-Mitgliedern, die ins Ausland reisen, die envivas wärmstens empfehlen. Die haben ein breites Angebot, das leicht verständlich ist und einen gut absichert. Außerdem ist der Kunderservice wirklich erste Sahne. Sollte ich tatsächlich länger als ein Jahr bleiben, habe ich die Bupa im Hinterkopf, denn die kann ich auch aus dem Ausland heraus abschließen – leider ist sie ziemlich teuer.

Einen Vertrag haben Renata und ich schon in Angriff genommen und wir sind fleißig dabei, die Vorlage an unsere Ideen anzupassen. Meine Impfungen habe ich auch fast erledigt, morgen ist der letzte Termin. Mein Fitness-Studio stellt sich wie erwartet quer, was die Kündigung angeht, aber zumindest kann ich pausieren, während ich weg bin. Immerhin etwas. Vollmachten habe ich auch schon ausgestellt und auf der Arbeit habe ich gestern Abend im Jugendteam bekannt gegeben, dass ich meine letzte Nacht im Juni haben werde.

Meine Teens haben es gemischt aufgenommen: sie wollten Details wissen, waren aufgeregt und haben gleich überlegt, was wir in der letzten Nacht zusammen machen: Party? Spieleabend? Filme? Grillen? Einige haben sich sofort Postkarten gewünscht und gefragt, ob ich denn kolumbianisch spreche … andere fanden die Neuigkeit nicht ganz so prickelnd und eins meiner Mädchen konnte gar nicht mehr aufhören zu weinen. Das ging schon ans Herz, vor allem, weil ich das Mädchen gut verstehen kann – wir haben irgendwie eine besondere Verbindung. Ich habe mir viel Zeit genommen, mit ihr und denen, die Gesprächsbedarf hatten, Fragen zu klären, meine Motivation für die Reise zu erklären und  möglichst viele Unsicherheiten aus dem Weg zu räumen. Wir haben ja noch ein paar Nächte zusammen, mal sehen, was sie noch alles klären möchten oder welche Probleme es gibt.

Ansonsten beginne ich langsam, über den Inhalt meines Rucksackes nachzudenken, über Gastgeschenke und dergleichen. Nur noch 1,5 Monate! Aufregend!

Jetzt Freitag bekommen wir unsere Noten verkündet und das wird mein allerletzter Schultag sein! Wie traurig. Ich habe in der Zeit nach der Kita gemerkt, wie sehr ich die Schule liebe. Damit meine ich nicht nur die Inhalte, die wir lernen, sondern auch die Unterstützung der Lehrer, generell die Schüler-Lehrer-Interaktion, die Atmophäre in der Schule – einfach alles! Ich will gar nicht weg.

Am 17. Juni werden dann die Zeugnisse verliehen und meine Freunde und ich werden uns am 18. nochmal zusammensetzen und meinen Abschied feiern – und ich glaube, dass ich mich recht glücklich schätzen kann, von so vielen lieben Menschen und liebgewonnenen Dingen und Orten Abschied nehmen zu können. Das bedeutet ja bloß, dass ich ein ziemlich schön gefülltes Leben habe …

… in das ich mich jetzt auch wieder voller Freude stürzen werde:) Bis zum nächsten Post:)

Aus dem Mund von … Matthias Schweighöfer

Matthias Schweighöfer singt. Ich wusste das bis heute Nachmittag nicht. Jetzt tue ich es und finde das Lied „Fliegen“ wundervoll. So eine einfache, schnörkellose, aber doch gefühlvolle Liebeserklärung … schön. Gleich drei Textstellen finde ich besonders toll.

 

Love in Hildesheim #2

Heute war wieder ein wundervoller, warmer „Sommer“tag und nachdem ich unverkatert nach den Freuden des Weinfestes gestern aufgewacht bin, mir Frühstück besorgt und es dann auch gegessen habe, habe ich mit meiner Kamera (wir freunden uns langsam an) einen Spaziergang zu einer Freundin unternommen. In ihrem Stadtteil bin ich nicht oft und konnte darum auf dem Weg viele neue Eindrücke sammeln – und habe ganz viel Liebe gefunden. Manchmal offensichtlich, manchmal muss man ganz genau hinschauen, manchmal müssen die Sprayer ziemlich viel Anstrengungen auf sich genommen haben und manchmal ist die „Liebe“ ganz einfach gehalten.

Ich hatte auch eine ganz süße Begegnung mit einem kleinen Jungen, der sich wunderte, was ich da eigentlich machte … Das fand ich schön, wie neugierig-vorsichtig er sich getraut hat, mich zu fragen. Kinder sind total wundervoll.

Ich fand es auch schön, so aufmerksam durch die Stadt zu gehen und zu sehen, dass sich entweder ganz viele unterschiedliche Menschen mit dem Thema „Liebe“ befassen oder einige wenige wirklich intensiv darüber nachdenken. Mal sehen, ob ich noch mehr Liebe finde, wenn ich mich wieder auf Streifzug begebe. Jetzt aber erstmal Augen auf für die heutigen Bilder:

Welches ist euer Lieblingsbild? Ich habe vier Stück: das mit „Lebe die Liebe“ auf dem Mülleimer, das mit dem winzigen blauen „love“ zwischen dem ganzen anderen Gekritzel, das „Take care“-Herz und das letzte Bild.

Den ersten „Liebe in Hildesheim“-Post findet ihr hier.

Be sure to wear some flowers in your hair.

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Mit diesem Ausschnitt aus Scott McKeenzies „San Francisco“ begrüße ich euch heute:) Ich hatte gestern einen wundervollen Himmelfahrtstag mit Sonne auf der Haut und Blumen im Haar – ich wünschte, ich könnte jeden Tag welche tragen :) Der Sommer ist meine Lieblingsjahreszeit, weil mehr Leben draußen stattfindet, alles leichter und fröhlicher ist und natürlich bunter!

Für mich sind momentan die Blumen im Haar etwas Wunderbares, das den Sommer in mir ausdrückt – ich hab ja schon neulich von meinem Blumenkranz erzählt und für mich ist es die Leichtigkeit und Sorgenfreiheit, die mich daran erfreut. Außerdem ist es ein Stück Kindheit, das ich da mit mit herumtrage und ein Stück Ausgefallenheit (falls es das Wort gibt). Einfach mal anders sein als andere. Ich fühle mich immer ein bißchen Pippi-Langstrumpf-mäßig, wenn ich durch Wiesen laufe oder laut lache, ohne viele Gedanken daran zu verschwenden, was andere von mir denken.

Was lässt euch so richtig strahlen, womit fühlt ihr euch gut? Ist es vielleicht ein Lied oder ein Kleidungsstück? Ist es eine Person? Ist es ein Gericht, das ihr nur im Sommer/ zu besonderen Anlässen esst oder ein Ort, den ihr immer im Sommer/ zu bestimmten Zeiten besucht? Eine Sprache oder etwas ganz anderes? Ich würde mich freuen, wenn ihr euer das WAS und WARUM teilt:)

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This photo was taken on Ascension Day (yesterday) and it was an exceptionally fine day full of sunshine on my skin and flowers in my hair. I love flower crowns so much I wish I could wear one each and every day. The flowers are a symbol for everything I love about summer: all its colourfulness and life being lived outside a lot more, the lightness of the days and carefreeness. Also it reminds me of childhood days and laughing loudly and running about makes me feel Pippi-Longstocking-ish because she just lived life like she wanted without giving a toss about what people thought. Life was simple for her.

What makes you beam with happiness, what makes you feel good? Is it maybe a song, some item of clothing, a meal which you only eat in summer or on special occasions? Is it a place you visit only in summer or once a year, a language or something entirely different? I’d love you to share the „what and why“ here:)

Künstlervorstellung: Adesse

Hallo ihr lieben Lebensmaler,

in meinem Leben spielt Musik eine riesige Rolle und ich könnte nicht ohne. Ich bin sehr kritisch, was Musik angeht und wie ihr wisst, achte ich stark auf den Text, wenn es nicht gerade die typischen Feier-Mainstream-Chart-Songs sind, von denen man ja meist eh nicht viel erwarten kann, textmäßig gesehen😉 Ich höre Musik als Motivation für’s Putzen, zum Runterkommen, vorm Einschlafen, beim Sport, als Hintergrundmusik, wenn ich die Stille nicht ertrage, zum musikalischen „Vorglühen“ vor dem Feiern und und und. Klar höre ich da nicht immer das gleiche, sondern Abwechslung muss her, daher bin ich offen für neue Musik und lasse mich manchmal einfach durch youtube treiben oder mir vom Radio neue Künstler empfehlen.

So habe ich Adesse gefunden.

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Er kommt aus Berlin, und sein Album „Fechnerstraße“ ist nach der Straße benannt, in der er aufgewachsen ist. Es kam am 25.03.2016 raus und läuft seitdem bei mir hoch und runter. Ich habe zuallererst sein Lied „Sekundenkleber“ gehört und war hin und weg, denn der Text ist einfach wunderwunderschön und gefühlvoll. Es ist eher ruhig und entspannend, dann gibt es aber auch Lieder wie „Ich bleibe“, das einfach lebensbejahend und fröhlich ist, oder „Männer weinen nicht“, zusammen mit Sido übrigens, das nachdenklich-traurig stimmt. Auch die Videos zu den Songs finde ich sind toll, mal minimalistisch, sodass man sich auf die Musik und den Text konzentrieren kann, mal unterstreichen sie aber auch noch die Botschaft, die Adesse rüberbringen möchte. Ich finde ihn genial und hoffe, ihr findet eventuell auch Gefallen an ihm, denn er scheint ein bodenständiger, entspannter, witziger Künstler zu sein, mit dem man bestimmt auch mal cool den Nachmittag verbringen könnte.

Hier also die Liste mit seinen Liedern, die ich sehr gerne höre. Wenn ihr reingehört habt, würden mich eure Eindrücke interessieren! Ist die Musik euer Fall? Warum ja, warum nein? Und Tipps zu neuen Künstlern immer gerne in meine Richtung:)

 

 

Was wäre, wenn … ?

Heute saß ich in einem Wartezimmer und … naja, ich wartete. Ein Mädchen, etwa 4 Jahre alt, vertrieb sich die Wartezeit mit dem Ausmalen eines Malbuches. Dazu sang sie: „Ich male male male mit meinem Pinsel!“ Ganz oft hintereinander und irgendwann schaute sie mich an und sang das für mich. Ich konnte nicht nichts sagen und so fragte ich sie etwas, sie antwortete, und dann drehte sie sich wieder um. Ich wartete weiter und schaute mich um. Irgendwann hörte ich sie zu ihrer Mama flüstern: „Mama … die Frau da … kann ich ihr *murmel murmel* zeigen?“ Was genau sie wollte, konnte ich nicht verstehen. Ihre Mama antwortete, das könne sie tun, wenn „die Frau“ das wolle. Darauf das kleine Mädchen: „Kannst du sie mal fragen?“ – „Nein, das musst du schon selbst tun.“

Daraufhin kam das Mädchen in meine Richtung getappst und sagte: „Guck mal mein Prinzessin Lillifee Heft!“ Ich lächelte, bewunderte es ausgiebig, stellte dem Mädchen Fragen und wir überlegten gemeinsam, was man mit den Stickern auf der Vorderseite anfangen könne, wozu dieses und jenes gut sei usw. Es war so ein schöner Moment! Ich muss dazu sagen, dass ich meine Blümchenkrone trug; das muss mich in den Augen des Mädchens vertrauensvoll wirken lassen haben. Völlig zu Recht natürlich😉

Was ich aber einfach so wundervoll an dieser Begegnung fand, war die Unschuld und die Überzeugung, mit der das Mädchen auf mich zugegangen ist. Sie konnte sich, glaube ich, nicht vorstellen, dass ich unfreundlich reagiere oder mich sogar einfach nicht für Prinzessin Lillifee interessiere. Sie hatte etwas, auf das sie sehr stolz war, und wollte das mit mir teilen – wie herzerwärmend das ist. Sie hat ihre Berührungsangst überwunden und ist einfach zu mir gekommen, obwohl sie mich überhaupt nicht kannte.

Das ist etwas, das ich mir für andere, alltägliche Begegnungen ebenso wünsche. Dass wir unsere Ängste gegenüber dem Fremden, Unbekannten überwinden und mutig auf andere zugehen. Diese Begegnung hat mich nachdenklich werden lassen. Niemand hätte diesem Kind wohl grimmig entgegengeknurrt: „Lass mich in Ruhe!“ oder „Das interessiert mich nicht!“ Warum können wir nicht alle Mitmenschen, die zu uns kommen mit einem Anliegen, einer Frage, einer Hoffung, behandeln wie dieses Kind? Freundlich, interessiert, neugierig? Obwohl dies für alle Menschen gelten sollte, die sich täglich durch unser Leben schieben, habe ich in diesen Tagen natürlich besonders die Flüchtlinge im Blick. Sie kommen zu uns, bitten um Hilfe, oft lediglich mit ihrer eigenen, schrecklichen Geschichte als Gepäck, und was erwartet sie? Viel zu oft schauen sie in ablehnende Gesichter, treffen auf verschränkte Arme oder stehen vor verschlossenen Türen – oder Grenzen.

Die Begegnung mit dem Mädchen hat mich nachdenken lassen. Wie sähe die Welt aus, wenn sich jeder sicher sein könnte, bei seinen Mitmenschen ein solch offenes Ohr zu finden, egal, mit was er sich an sie wendet, wie das Mädchen es bei mir gefunden hat? Was wäre, wenn alle neugierig wären auf den anderen? Was wäre, wenn alle mutig wären und Schritte auf den anderen zumachten? Was wäre, wenn die Gespräche immer tiefgründiger und vertrauter würden und sich Freundschaften spinnen würden? Was wäre, wenn alle ihre „Schätze“ so vertrauensvoll und offen mit Fremden teilen würden, wie das Mädchen sein Prinzessin Lillifee Heft mit mir? Was wäre, wenn wir ein Lächeln übrig hätten anstatt eines abschätzigen Blickes? Was wäre, wenn alle andere Menschen so zu einer Begegnung ermutigen würden, wie die Mutter ihre Tochter?

Was wäre, wenn …?